Superhelden der Baukunst

Werkschau der ehrenamtlichen Architektengruppe Supertecture

Man muss nicht Architekt sein, um bei Supertecture mitzuarbeiten – auch Ingenieure, Statiker, Wirtschaftsfachleute und Finanzexperten werden gebraucht.
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Man muss nicht Architekt sein, um mitzuarbeiten – auch Ingenieure, Statiker, Wirtschaftsfachleute und Finanzexperten werden gebraucht.

Kaufbeuren – Selbstironisch haben die jungen ehrenamtlichen Architekten von Supertecture mit dem Motto „als Architekt*in die Welt retten“ Superman als Titelfoto für ihre Facebookseite gewählt. Kürzlich wurde von den neuen Nachbarn des Stadtmuseums dort ihre Werkschau eröffnet. Noch bis zum 24. Oktober kann man im Sonderausstellungsraum einen Überblick über die nachhaltigen, kostengünstigen und gemeinnützigen Bauprojekte von Supertecture gewinnen. Gegenüber im ehemaligen Hobby-Lill-Gebäude, dem neuen Hauptquartier der Gruppe, wurde gleichzeitig der Fortschritt der Sanierungsarbeiten an dem Haus aus dem 16. Jahrhundert gezeigt. Im Obergeschoß bot das Duo „Tagtrauma“ mit Till und Daniel Nißle Live-Musik.

Die Werkschau trägt unverkennbar die Handschrift von Till Gröner (35), design-build-Dozent in Berlin, Augsburg und Regensburg, der durchaus auch Karriere als Karikaturist oder Illustrator machen könnte. Aber er will viel lieber „Robin-Hood-Hotels im Himalaya bauen, die längsten Wasserrutschen am Tanganjikasee, Moscheekirchen in der Tansanischen Savanne, coronataugliche Treffpunkte in Kaufbeuren, ein Headquarter im (liebevoll „Lilli“ genannten) ehemaligen Hobby-Lill-Gebäude und vieles mehr...“. Sein Ziel ist, soziale Architektur neu zu denken und gedankliche Mauern einzureißen. Aus eigener Erfahrung aus seiner Arbeit mit Grünhelme e.V. lehnt Gröner Einmischung in Krisengebieten und Armutsregionen ab – aber Wegschauen ist auch keine Lösung. Wie lassen sich also soziale Bauprojekte in anderen Ländern sinnvoll realisieren, ohne überhebliche postkoloniale Verhaltensweisen?

Für kreative Lösungen dieser Frage hat Gröner vor vier Jahren Supertecture gegründet. Dafür konnte er eine Reihe von jungen und zu 100 Prozent ehrenamtlichen Architekten und Ingenieuren – darunter viele Studierende – „aus Kaufbeuren und Bayern, Deutschland, Nepal und Tansania und der ganzen Welt“ begeistern.

Die Philosophie von Supertecture fordert von seinen Mitgliedern vollen Einsatz: Fünf Wochen lang erfolgt zu Hause eine Vorplanung. Dann leben die Mitglieder des zuständigen Teams fünf Monate unter den meist unkomfortablen regionalen Bedingungen vor Ort als Nachbarn und Freunde. So erfahren die jungen Baukünstler aus erster Hand, was wirklich gebraucht und gewünscht wird. Besonders wichtig ist dabei Mitsprache und Eigenverantwortlichkeit der örtlichen Partner.

Themen: Müllverwertung und Umweltverschmutzung

Junge Architekten haben normalerweise nicht gleich die Möglichkeit, ein Gebäude selbst zu entwerfen. Bei Supertecture bekommen sie jedoch die Chance dazu. Jedes Team-Mitglied ist selbst komplett verantwortlich für ein so genanntes Roomhouse – einzelne Räume oder kleine Gebäude. Die durch Erdbeben beschädigte Schule in Dhoksan wurde beim Wiederaufbau in vier Klassenhäuser aufgeteilt und jedes aus einem anderen Material gebaut. Das erste Klassenhaus besteht aus rund 700 Fenstern von Erdbebenruinen. Das zweite Haus wurde aus erdbebensicherem Naturstein mit kreisrunden Fenstern und Türen gebaut. Für den dritten „Raum“ wurden fünf verschiedene Schichten Stampflehm unter Beimischung von Stroh, Kiefernadeln und Kuhmist verwendet. Für das vierte Schulgebäude, ein inzwischen preisgekrönter Ziegelbau, ist das Team mit einem kleinen Truck von Dorf zu Dorf gefahren, um von Erdbebenruinen über 14.000 Ziegel einzusammeln – von jedem Besitzer nur ein paar Stück.

„Um kostengünstig zu bauen, muss man sich das Material entweder schenken lassen oder aus dem Müll ziehen“, lautet ein weiterer Grundsatz der Supertecture-Philosophie. Die Verwendung von Baustoffen aus dem Müll ist zudem auch ein kreativer Beitrag gegen Umweltverschmutzung. So wurden für ein neues Community-Hotel Schindeln aus Plastikmüll hergestellt. Das führte laut Gröner so weit, dass die Einwohner aus benachbarten Dörfern ihren Plastikmüll vorbeibrachten „und die Gegend zur saubersten in ganz Nepal wurde“. Bei einem weiteren Projekt kamen für eine Wand Glasflaschen zum Einsatz. Anderenorts wurde mit der Beimischung von Reisschalenasche zum Zement experimentiert oder das Brennen von Kacheln erlernt. Immer jedoch ist das Ergebnis innovativ, einzigartig und nicht zuletzt ästhetisch ansprechend.

Ihre Forschungsergebnisse zu Baumaterialien halten die Jungarchitekten in Büchern fest. Zum einen dienen diese als Anleitung der örtlichen Arbeiter für künftige Projekte. Zum anderen trägt der Verkauf der Bücher zum Lebensunterhalt der ehrenamtlich Tätigen bei. Die Finanzierung der Projekte geschieht durch erfolgreiches Crowdfunding und Spenden sowie durch Unterstützung von den örtlichen Partnerfirmen. Anlässlich der Ausstellungseröffnung erhielt Supertecture vom Rotary Club Kaufbeuren-Ostallgäu eine Spende über 20.000 Euro. Es gibt auch wieder ein attraktives Begleitprogramm zu der unbedingt sehenswerten Ausstellung. Einzelheiten finden Sie auf der Webseite des Stadtmuseums oder von Supertecture.

Ingrid Zasche

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