Zum Zustand der Wertach – Zahlreiche Vorschläge zur Renaturierung

„Die Wertach braucht Platz“

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Die Wertach bei Thalhofen: Hier wurde jüngst die Durchgängigkeit des Gewässers für Fische wieder hergestellt. Gleichzeitig wurde die Böschung an einer Stelle abgeflacht und Störsteine im Wasser eingebracht, um den Tieren im Wasser Schutzmöglichkeiten zu bieten.

Marktoberdorf – „Was bedeutet ein Fluss für uns?“, fragte Julia König, Leiterin des Fachbereichs Gewässerentwicklung des Wasserwirtschaftsamts Kempten in die Runde der Gäste, die kürzlich nach Marktoberdorf gekommen waren, um sich über den Zustand der Wertach zu informieren. Keine leicht zu nehmende Frage, entscheidet sie doch über den Umgang des Menschen mit den Flüssen seiner Region.

So ist sie es auch für die Wertach: Wirtschaftliche Faktoren haben über Jahrhunderte ihren Lauf bestimmt. Sie wurde als Lebensader, aber auch als Bedrohung verstanden, kanalisiert, beschränkt, aufgestaut und verbaut – erst heute rückt die ökologische Bedeutung der Wertach (wie auch anderer Flüsse) für Natur und Mensch wieder in den Fokus.

Hochwasserschutz und Naherholung haben an Bedeutung gewonnen. Das Wasserwirtschafts­amt Kempten hat daher jüngst ein Gewässerentwicklungskonzept für die Wertach erstellen lassen, das den Zustand ihres Laufs vom Ursprung bis nach Augsburg über 141 Kilometer beschreibt. Und ihr Zustand ist vielerorts schlecht. Vor allem rund um die Städte wurde ihr Lauf stark verändert und eingeschränkt, Flussauen wurden zurückgedrängt. Artenreichtum im und am Wasser? Fehlanzeige. Martin Mohr, Sachgebietsleiter für Wasserbau und Gewässerentwicklung im Landratsamt Ostallgäu, wird da schon sehr konkret. „Die natürliche Uferaue fehlt der Wertach fast überall“, konstatiert Mohr. „Die Lebensräume werden dadurch nicht vernetzt. Das Flussbett wird immer gerader und tiefer, die Fließgeschwindigkeiten nehmen zu. Dem Fluss fehlt seine natürliche Dynamik.“ Die sei aber lebensnotwendig für Fische und andere Flussbewohner, die in der Wertach keine Möglichkeiten mehr fänden, zu laichen oder sich vor Feinden zu schützen.

Das soll nun nach dem Willen des Wasserwirtschaftsamts anders werden. Denn das neue Gewässerentwicklungskonzept sieht zahlreiche Maßnahmen vor, die über die nächsten 20 Jahre die Wertach und ihre Auen ökologisch verbessern sollen. Martin Mohr beschreibt einige von ihnen. Im Fluss selbst gehe es darum, Sohlschwellen und Stufen abzubauen sowie Störsteine, Totholz und Kies einzubringen, um einerseits die Durchgängigkeit wiederherzustellen, andererseits den Tieren im Fluss Verstecke und Laichplätze zu bieten. Die Ufer gelte es abzuflachen, steile Böschungen und Ufersicherungen abzubauen, Kiesbänke zuzulassen, Ufergehölz anzulegen, Seitenarme zu entwickeln und insgesamt der Wertach wieder Raum zu geben.

„Die Wertach braucht Platz“, insistierte nicht nur Martin Mohr mehrmals. Rund um Marktoberdorf beispielsweise sei sie auf rund vier Meter Breite eingeengt. „Natürlicherweise bräuchte die Wertach einen Umgriff von mindestens 20 Metern.“ Daher sei es wichtig, mit den Grundstücksbesitzern entlang der Wertach ins Gespräch zu kommen. „Wir sind um jeden Quadratmeter dankbar, der an uns zur Entwicklung der Flussaue verkauft wird“, sagte Mohr. Gerade erst hat die Stadt Marktoberdorf dem Wasserwirtschaftsamt Grundbesitz an einer der Wertachschleifen im Norden der Kreisstadt zur Verfügung gestellt. Dort will das Wasserwirtschaftsamt mit Renaturierungsmaßnahmen beginnen. Und macht gleichzeitig klar: „Naherholung und Naturschutz gehören zusammen“, so Julia König. „Wenn Familien den Fluss für sich entdecken, Kinder auf Kiesbänken spielen, dann haben wir alles richtig gemacht“, bekundet Martin Mohr lachend.

Das ist zwar an einzelnen Stellen geschehen. Den Verantwortlichen der Gewässerentwicklung ist allerdings auch klar, dass eine Umsetzung aller Vorschläge aus dem Wertach-Konzept aufgrund schwieriger Grundstücksverhältnisse, Kosten in Millionenhöhe und bestehender Infrastrukturen kaum zu realisieren ist. Dennoch wollen sie da, wo es eben geht, Stück für Stück ansetzen und der Wertach ihren natürlichen Lebensraum zurückgeben. Zum Wohl von Flora und Fauna und letztendlich auch zum Wohle der Menschen im Wertachtal.

von Angelika Hirschberg

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