„Homeschooling laugt Kinder aus“

Wie Tagesmutter Natalie Günter die Situation mit ihren sechs Kindern gemeinsam meistert

Natalie Günter mit ihren Kindern Mia (v. li.), Lilly und Luan beim täglichen Homeschooling.
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Natalie Günter mit ihren Kindern Mia (v. li.), Lilly und Luan beim täglichen Homeschooling.

Neugablonz – Homeschooling ist derzeit in aller Munde. Direkt nach den Weihnachts­ferien ging es schon wieder los, auch für Natalie Günter, sechsfache Mutter aus Neugablonz. Momentan sind vier ihrer Kinder schulpflichtig. Das Besondere: Die 39-Jährige ist Tagesmutter und kümmert sich in der Notbetreuung um bis zu drei weitere kleine Kinder täglich. Ein Spagat, den sie Tag für Tag meistert.

Der Wecker klingelt um 7 Uhr, jetzt im Distanzunterricht eine halbe Stunde später, der alltägliche Gang zur Schule entfällt. Nur am Montag nicht. Da holen sich Luan (6), Lilly (8) und Mia (9) persönlich ihre Wochenaufgaben von ihren Klassenleitern aus der Gustav-Leutelt-Schule ab. Ein kurzes Wiedersehen, ein schneller Smalltalk, schon geht es wieder zurück nach Hause. Da erwarten sie schon die Tageskinder, die mittlerweile eingetroffen sind. „Bis zu drei Kinder habe ich in der Notbetreuung“, erzählt Natalie Günter, die sich um die Kleinen kümmert, während sich ihre eigenen Sprösslinge auf die Hausaufgaben stürzen. „Mal läuft es gut, mal weniger.“ Die Tageskinder werden in den täglichen Ablauf mit eingebunden. Sie spielen, basteln oder malen zeitgleich am großen Esstisch.

Von diesem Gewusel bekommt Mico nichts mit. Der Zwölfjährige, der die siebte Klasse der Jörg-Lederer-Schule besucht, ist zwischenzeitlich im Distanzunterricht. Mit dem schuleigenen Laptop ausgestattet, lernt er zurückgezogen in seinem Zimmer. Doch wie findet er Schule daheim? „Man ist schneller abgelenkt und nicht oft bei der Sache.“ Der Unterricht sei in zwei Abschnitte gegliedert. Auch gebe es eine Pause. Sämtliche Fächer werden digital unterrichtet. „Es ist keine Alternative. Ich vermisse den normalen Unterricht in der Schule.“

Kampf mit der Technik

Teilweise müsse er auch mit der Technik kämpfen, wenn das WLAN ausfalle, er dadurch den Lehrer phasenweise nur abgehakt hören könne. Mico will wieder in die Schule, wie schon vor den Weihnachtsferien. Denn eine Sorge treibt auch ihn um: „Ich habe schon etwas Bedenken, dass meine Noten nachlassen können.“ Damit steht er nicht alleine da. Auch seine Mutter hat arge Bauchschmerzen, wenn es um Noten und Lernziele ihrer Kinder geht. „Ich habe manchmal Bedenken, dass ich meine Kinder selbst überfordere, dass ich dem Ganzen auch gerecht werde.“ Schließlich sei sie keine Lehrerin, auch wenn sie sich manchmal so fühle. Trotzdem wachsen ihre Kinder und sie an den gemeinsamen Aufgaben.

„Jetzt viel besser.“

Anders verlief das Homeschooling im ersten Lockdown. Im Frühjahr des vergangenen Jahres war vieles nicht koordiniert. Für Schulen, Lehrer und Familien war es etwas komplett Neues. „Anders als im März und April läuft jetzt vieles besser. Wir hatten ja jetzt genügend Zeit zu üben“, verweist Natalie Günter nicht nur auf bessere Abläufe, sondern auch auf die „Schoolcloud“. Schon mit Beginn des neuen Schuljahres erhielten alle Schülerinnen und Schüler der Leutelt-Schule einen solchen Zugang. Dadurch sind die Lehrer ständig erreichbar und melden sich auch zurück. „Sicherlich gibt es hin und wieder mal Probleme, wenn die Seite überlastet ist, dann probiere ich es später wieder“, erzählt Günter. Wichtig sei ihr, dass ihre Kinder nun gut aufgehoben seien. „Ich fühle mich nicht mehr so allein und auf weiter Flur wie im ersten Lockdown. Da wurden wir alle überrollt. Jetzt sind Schulleitung und Lehrer für uns da. Das tut mir sehr gut.“

Tochter Mia kann mit Hilfe des Schullaptops auf die Plattform Padlet zurückgreifen. Dort sind alle Aufgaben, die sie täglich erledigen muss, online hinterlegt. Hinzu kommt noch eine angekündigte Internetschalte mit ihrer Lehrerin und der gesamten Klasse. Das kann sowohl am Vormittag, also zur normalen Schulzeit, als auch am Nachmittag passieren. Auch Mia vermisst die Schule, manchmal sitze sie schon länger an den Aufgaben dran, erzählt sie. Die Neunjährige ist in der vierten Klasse. Für sie rückt die Entscheidung näher, auf welche weiterführende Schule sie nun wechseln will. „Hier sind wir aktuell orientierungslos und wissen nicht, was für unser das Kind das Beste ist“, so Natalie Günter.

Schule daheim nervt.

Durch die lang anhaltende Coronakrise bleibt es nicht aus, dass die Kinder keine Motivation mehr haben. „Homeschooling laugt unsere Kinder völlig aus“, gibt sie zu bedenken. Das bekommt auch Luan zu spüren. Der Sechsjährige geht in die erste Klasse. Schule daheim nervt ihn besonders. „Manchmal machen die Hausaufgaben aber schon Spaß“, gerade dann, wenn er sich ein Lernvideo auf YouTube anschauen oder er eine Geschichte von seiner Lehrerin anhören darf. Als Erstklässler in Corona-Zeiten ist Schule eben völlig anders. Gerade Luan und Lilly, die in die zweite Klasse geht, brauchen eine besondere Aufmerksamkeit und Herangehensweise bei den täglichen Aufgaben. „Mama ist mir schon sehr wichtig, weil sie mir alles erklärt“, wünscht sich auch die Achtjährige sehnsüchtig wieder den normalen Schulalltag herbei.

Alles in allem hat diese schwere Zeit auch etwas Gutes. „Bei all der Herausforderung, die wir alle täglich meistern müssen, bin ich speziell dankbar, dass ich die Zeit mit meinen Kindern verbringen kann“, so Natalie Günter abschließend.

Stefan Günter

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