Wohnbauprojekt wird bei Bürgerversammlung Kleinkemnat vorgestellt

Willkommen im Miteinander-Quartier

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Das Wohnprojekt in Kleinkemnat befindet sich noch am Anfang. Das ungewöhnliche Konzept sieht eine kleinteilige Bebauung im Dorfcharakter mit vielen Gemeinschaftsflächen vor.

Kaufbeuren-Kleinkemnat – So etwas habe er noch nie gesehen, konstatierte ein älterer Bürger Kleinkemnats, als anlässlich der alljährlich stattfindenden Bürgerversammlung das geplante Bauvorhaben auf dem Grundstück der ehemaligen Gaststätte „Goldenes Kreuz“ vorgestellt wurde. Auch Kaufbeurens Baureferatsleiter Helge Carl sprach von einem „ungewöhnlichen Projekt“.

Und so war das Befremden vonseiten der Kleinkemnater Bevölkerung zunächst groß, als nicht Auf- und Grundrisse im Vordergrund standen, sondern Visionen von einem angedachten Miteinander-Quartier. Noch dazu tat auch der Investor etwas, was „Baulöwen“ andernorts nicht zu tun pflegen: Er fragte direkt bei der Bürgerschaft nach, ob sich Anwohner und Nachbarn ein solches gemeinschaftliches Mehrfamilien-Konzept mitten in Kleinkemnat überhaupt vorstellen könnten.

Und ja, sie können. Trotz anfänglicher Skepsis sprach sich am Ende einer angeregten Diskussion keiner der Einheimischen offen gegen ein solches Gemeinschafts-Projekt aus. Und mehr als ein Drittel der Anwesenden signalisierte sogar Zustimmung. Um was aber geht es genau? Das knapp 4.000 Quadratmeter große Grundstück der ehemaligen Gaststätte gehört der Aktienbrauerei Kaufbeuren AG, die derzeit ein Bebauungskonzept für das Gelände entwickelt. AG-Vorstand Werner Sill erläuterte vor den Bürgern Kleinkemnats, dass man sich als heimischer Investor trotz Rendite-Absichten auch in der Verantwortung sehe, den Menschen vor Ort eine dem Dorfcharakter angemessene, hochwertige Wohnbebauung anzubieten. „Laut Baurecht könnten wir einfach drei große Wohnblöcke hinsetzen“, erklärte er. „Das ist aber nicht unsere Absicht. Wir wollen bezahlbaren Wohnraum in Harmonie mit der Umgebung schaffen.“

Im Rahmen der Bürgerversammlung in Kleinkemnat präsentierte Martina Hölz (re.) vom Planungsbüro Project N8 das Bauvorhaben auf dem Areal der ehemaligen Gaststätte „Goldenes Kreuz“.

Das Grundstück soll also nicht in einzelne Parzellen aufgeteilt und verkauft werden, es sind auch keine Wohnblocks, Reihenhäuser oder andere klassische Mehrfamilienbauten geplant. Das Konzept, das vom Planungsbüro Project N8 aus Kempten vorgestellt wurde und sich noch in der Anfangsphase befindet, sieht eine Bebauung von kleineren Eigenheimen auf gemeinsamen Grund vor. Eine noch recht offene Planskizze zeigte, wie rund 17 Wohnwürfel auf dem Areal verteilt Wohnraum für Singles, Paare und Familien, junge wie ältere Menschen bieten könnten (siehe Foto oben). Für jeden den passenden Rückzugsraum – allerdings auf gemeinschaftlich genutztem Grund. Gemeinsamer Garten, Grillplatz und Teich, gemeinsame Werkstatt, Sauna oder Fahrrad-Garage. Gemeinschaft, die bewusst auch zur Wirtschaftlichkeit und Bezahlbarkeit des Mehrparteien-Konzepts beitragen soll, etwa mit einem Blockheizkraftwerk für alle oder Sammelparkplätzen. Gut geschnittene Wohnungen in Größen von 80 bis 160 Quadratmetern seien angedacht, eine nachhaltige, natürliche Bauweise sowie ein Einheimischen-Modell, das Interessierten aus Kleinkemnat den Vortritt gewähre, so Planungsleiterin Martina Hölzl weiter. Sie tat das Ihre, für ein Konzept zu werben, in dem eben nicht Grenzen und (Garten-)zäune, sondern ein offenes Miteinander im Fokus einer neuartigen Wohnbebauung stehen.

Oberbürgermeister Stefan Bosse sprach denn auch von einer Chance für Kaufbeuren. Und Gerhard Bucher, zweiter Bürgermeister und selbst Kleinkemnater, dankte der Aktienbrauerei AG für das ungewöhnliche Entgegenkommen, mit den Bürgern vor Ort in den Dialog einzutreten. „Mir gefällt das Konzept der kleineren, modernen Wohnformen“, sagte er. „Das wäre vielleicht auch etwas für meine Familie.“ So war es nicht nur für Investor und Planer, sondern auch für die Bürgermeister und anwesenden Stadträte spannend, wie die Kemnater selbst das Bauvorhaben bewerteten. „Lösen wir jetzt einen Aufstand aus oder könnten Sie sich das Konzept des Mehrfamilien-Miteinanders vorstellen?“, fragte Bosse das Stimmungsbild ab. Und als wäre nicht auch Kleinkemnat für Überraschungen gut, sprachen sich viele für eine planerische Fortführung des außergewöhnlichen Bauvorhabens aus. Ein Planungs-Workshop gemeinsam mit interessierten Bürgern ist für die kommenden Wochen angedacht.

von Angelika Hirschberg

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