Tonspuren: "Spurensuche" ab 10. April

Erinnerungen

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Leger im Schneidersitz und lebhaft gestikulierend erläutern die Teilnehmer einander ihre Ideen.

Irsee – Leger geht es zu im Wappenzimmer von Kloster Irsee und es wird viel „mit den Händen geredet”.

Die Teilnehmer am Projekt „Spurensuche – Erinnerung im Hier und Jetzt” haben sich beim zweiten von vier mehrtägigen Workshops für die Gruppenarbeit zu zweit oder dritt zusammengetan, sitzen sich auf Stühlen gegenüber, hocken im Schneidersitz auf dem Teppich oder liegen gar bäuchlings auf dem Boden. Dabei erläutern sie einander hochkonzentriert, engagiert und lebhaft gestikulierend ihre Ideen, wie man Erinnerungen sichtbar und/oder hörbar und so auch für andere erfahrbar machen kann. 

Am Beispiel der Geschichte von Kloster Irsee wurde zuvor die Bedeutung von Orten, Bildern, Klängen oder Begebenheiten für die damit ver- knüpften Erinnerungen erarbeitet. Zu dieser Thematik gehört auch der Verlust von Erinnerung aufgrund von Vertreibung/Deportation aus der ge- wohnten, mit Erinnerungen behafteten Umgebung einerseits und von Demenz oder ähnlichen altersbedingten psychischen Erkrankungen andererseits. 

Im ersten Workshop haben die Projektteilnehmer im Zentrum für seelische Gesundheit „Blaue Blume Schwaben e.V.” ältere Menschen interviewt, die aus dem einen oder anderen Grund an Gedächtnisverlust leiden. Für diese Patienten ist die Arbeit mit Lebenserinnerungen ein zentraler Halt, während sich den jungen Menschen aus den Erzählungen der Patienten ein Schatz an Geschichten, Texten und Zitaten erschloss. Diese dienen nun – ergänzt durch historische Film- und Tonaufnahmen, eigene Field Recordings und Videoarbeiten – als Grundlage für die kompositorische und szenografische Arbeit im Projekt. 

„Gemeinsam auf den Punkt bringen” lautet an diesem Abend die Aufgabenstellung der drei Kursleiter: Der Wiener Gammon, der bereits 2013 und 2104 die Begleitprojekte geleitet hat, ist zuständig für Musik, Stephanie Müller und Klaus Erich Dietl aus München haben die szenografische Leitung übernommen. 

Nachdem in den Spurensuche-Projekten von 2013 und 2014 mit Jugendlichen gearbeitet wurde, hat die Tonspuren-Intendantin Dr. Martina Taubenberger für die Spurensuche 2015 zum Thema Erinnerungen bewusst junge Erwachsene angesprochen, die in ihrer Ausbildung bereits Erfahrung mit künstlerischem Arbeiten gesammelt haben: Studierende der Berufsfachschule für Musik in Krumbach und der Staatlichen Fachschule für Glas und Schmuck Kaufbeuren-Neugablonz sowie Darstellerinnen und Darsteller der Kulturwerkstatt Kaufbeuren. 

Die zusammen mit den Tonspuren-Künstlern aus den Bereichen Szenografie, Klangkunst, Videokunst und Musik dargestellten Erinnerungen werden im Rahmen des Festivals „Tonspuren“ in Kloster Irsee vom 10. bis 12. April präsentiert, parallel zu dem „doku-fiktionalen Musiktheater”, das Marc Sinan, der „Composer in Residence”, für die Tonspuren 2015 komponiert. 

In dessen Zentrum steht der armenische Mönch Komitas Vardapet (1869 – 1935), der heute als Begründer der modernen klassischen Musik Armeniens gilt. Komitas wurde gewählt, weil sich sein Leben in mehrfacher Hinsicht mit der jüngeren Geschichte von Kloster Irsee verbinden lässt: Zum einen war Komitas einer der acht Überlebenden der Deportation von sechshundert armenischen Intellektuellen aus Istanbul im Jahre 1915. 

Von diesem Trauma erholte er sich nicht und lebte bis zu seinem Tod 1935 zurückgezogen in einer psychiatrischen Anstalt in Paris. Zum anderen jährt sich im April 2015 diese beschönigend als „ethnische Säuberung” bezeichnete Deportation zum hundertsten Mal. Sinans Bearbeitung der Biographie und des Werks von Komitas entsteht in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater Berlin und Anadolu Kültür Istanbul. Das Ergebnis wird unter dem Titel „Komitas” zur Eröffnung der Tonspuren 2015 in Irsee uraufgeführt werden und im Anschluss auf Auslandstournee gehen.

von Ingrid Zasche

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