Zeugnis einer bedrohlichen Zeit

Feierliche Eröffnung des Atombunkermuseums in Marktoberdorf

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Kein Ort, um so richtig in Feierlaune zu geraten. Die Museumsmacher freuten sich dennoch: Abiturientin Luisa Martin, Stadtarchivarin Josephine Berger, die Abiturienten Maximilian Lederle und Philipp Siegert sowie Seminarleiter Thorsten Krebs anlässlich der Eröffnung des Atombunkermuseums in Marktoberdorf.

Marktoberdorf – Es war ein Abend mit dreifach Gänsehaut. Zum einen entführten allein schon die Gesangseinlagen des Duos „Galgenberg und Edelweiß“ – Angelina Gepting und Manfred Eggensberger – mit ihren eindringlich dargebotenen Liedern auf russisch, englisch und deutsch sehr gefühlvoll in die bedrohlich-zerbrechliche Stimmung des Kalten Kriegs.

Zum anderen mochte sich auch hernach, beim Rundgang durch die Bunkerräume keiner vorstellen, was denn gewesen wäre, wenn der Ernstfall tatsächlich ausgerufen worden wäre. Und dann, drittens, war es dort hinter meterdicken Betonwänden im Tiefgaragengeschoss unter der Erde kühl, eng und beklemmend. Die Eröffnung des neuen und in der Region einzigartigen Atombunkermuseums in Marktoberdorf machte Nachkriegsgeschichte unmittelbar erlebbar.

Dabei waren Gastgeber und Museumsmacher zu Recht in Feierlaune. Immerhin eröffnet Marktoberdorf ein Atombunkermuseum – ein Alleinstellungsmerkmal und touristisches Highlight, darin waren sich alle Redner am Abend der Eröffnung einig. Rückschauend mochte es vielen Marktoberdorfern lange nicht bewusst gewesen sein, dass einer der größten öffentlichen Zivilschutzräume in der Region die Tiefgarage des Marktoberdorfer Rathauses darstellte, Ende der 1980er Jahre gebaut. Dort lagerten nebst einigem Sperrmüll bis ins Jahr 2014 auch funktionsfähige Dieselstromaggregate, Trockentoiletten und Krankenliegen – gut verschlossen hinter einem 80 Tonnen schweren Stahlbetontor. All das für den Fall, dass bei einem möglichen Atomschlag 1185 Menschen auf rund 1300 Quadratmetern Zuflucht hätten finden können. Erst Mitte 2014, knapp 25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges, verlor der als Mehrzweckanlage deklarierte Strahlenschutzbunker seine offizielle Funktion. Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell erinnerte in seiner Ansprache an die Gespräche zwischen Stadt, Gymnasium und Katastrophenschutz, die die Umwidmung der Räume zum Museum begründeten. Stadtrat, Bildungsreferent und Lehrer Thorsten Krebs machte sich fortan gemeinsam mit den vier Schülern des P-Seminars Geschichte – Maximilian Lederle, Luisa Martin, Colin Schaffer und Philipp Siegert – an die Gestaltung einer Dauerstellung mit dem Titel „Der kalte Krieg in der Provinz – Ein Atombunker in Marktoberdorf“.

Anfangs als „schräge Idee“ belächelt, konnten am vergangenen Donnerstag erstmals die drei Themenräume Bunkergeschichte, Bunkerleben und Bunkertechnik besichtigt werden. Der Besucher erfuhr anhand zahlreicher Schautafeln, Exponate und in Originalumgebung, wie solch ein Atomschutzbunker zu funktionieren hatte, wie es mit Toilette und Lüftung stand, mit Strom und medizinischer Versorgung. Daneben wird anschaulich die Geschichte des Rathausbunkers erzählt, eingebettet in die großen historischen Linien des Kalten Krieges. Eine Medienstation mit Experten- und Zeitzeugeninterviews sowie Filmen zu Zivilverteidigung und Schutzraumbau ergänzt das Angebot. Dass dabei kaum einer umhin kam, sich das notdürftige Ausharren, den Überlebenskampf und die Verzweiflung der Draußen-Gebliebenen vorzustellen, ging schnell aus den Gesprächen der Gäste hervor. Denn „Von einer friedfertigen Atmosphäre unter den Bunkerinsassen war nicht auszugehen“, heißt es in der Ausstellungsbroschüre. „Spannungen unter den Bunkerinsassen galt es zu vermeiden – zur Not auch durch Verabreichung von Schlaf und Beruhigungsmedikamenten.“

Ort des Nachdenkens

Eine Ausstellung also, die nicht nur das kulturelle Leben der Stadt stärken, sondern vor allem ein Ort des Nachdenkens sein will. Denn, das machte erneut Bürgermeister Hell deutlich, die Bedrohung ist heute nicht geringer als damals. Landrätin Maria Rita Zinnecker drückte die Hoffnung aus, die bedrohlichen Zeiten von damals wie heute seien endgültig reif fürs Museum. Auch unter diesem Blickwinkel setzten die Marktoberdorfer Gymnasiasten mit ihrer Arbeit ein starkes Zeichen für Aufklärung und Frieden.

Das Marktoberdorfer Bunkermuseum: ein Zeugnis deutscher Nachkriegsgeschichte, ein Projekt, das die Generationen verbindet, ein Lern- und Erinnerungsort. Am Abend seiner Einweihung bekam es vielerlei Titel. Vielleicht, so regte Projektleiter Thorsten Krebs schmunzelnd an, werde man in Zukunft Marktoberdorf auch wegen seiner spannenden „Unterwelten“ besuchen. Eine Anmeldung aus Hameln zur Bunkerführung liege jedenfalls schon vor.

von Angelika Hirschberg

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