Negativfolgen für die Kinder

Einrichtung von sozialpädiatrischem Zentrum abgelehnt

Thema SPZ am Standort Kaufbeuren: MdB Stephan Stracke (v. li.), Prof. Dr. Markus Rauchenzauner, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Kaufbeuren
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Die Teilnehmer am Pressegespräch zum Thema SPZ am Standort Kaufbeuren: MdB Stephan Stracke (v. li.), Prof. Dr. Markus Rauchenzauner, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Kaufbeuren, Susanne Sigva, Mutter von Zwillingen, die als Extremfrühchen geboren wurden und auf die Versorgung durch ein SPZ angewiesen sind, sowie Wolfgang Neumayer, Vorsitzender Lebenshilfe Ostallgäu. Ute A. Sperling, Vorstandsvorsitzende der Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren, nahm vom Homeoffice teil.

Kaufbeuren – Im Kreisbote vom 8. Mai wurde zur Stimmenabgabe für ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) im Klinikum Kaufbeuren aufgerufen. Die Lebenshilfe Ostallgäu hat diese Petition gestartet, um Bewegung in die stockenden Verhandlungen mit dem Zulassungsausschuss zu bekommen, der die Errichtung eines SPZ in Kaufbeuren in erster Instanz abgelehnt hat. In einem Pressegespräch am vorvergangenen Montag legten die Lebenshilfe Ostallgäu und die Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren zusammen mit einer Vertreterin von betroffenen Eltern und dem Bundestagsabgeordneten Stephan Stracke (CSU) noch einmal in aller Deutlichkeit ihre Argumente dar.

Nach der Ablehnung durch den Zulassungsausschuss, der paritätisch mit Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen besetzt ist, wurde das Rechtsmittel der Berufung eingelegt, Lebenshilfe und Klinikum warten jedoch seit Monaten auf eine Einladung zu einem Gespräch. Um nicht mehr alleine kämpfen zu müssen, wurde jetzt mit Petition und Presse die Öffentlichkeit eingebunden. Seit Beginn erhielt diese Petition bereits über 1000 Stimmen, allerdings erst 37 Prozent der für das Quorum erforderlichen Stimmen aus der Region. Es steht zu hoffen, dass diese in den verbleibenden fünf Monaten noch zustande kommen.

Die Lebenshilfe Ostallgäu bemüht sich zusammen mit dem Klinikum Kaufbeuren seit Jahren darum, ein SPZ in Kaufbeuren zu realisieren. Dort wären neben Fachärzten auch alle für eine optimale Versorgung erforderlichen Fachleute unter einem Dach erreichbar: Sozialpädagogen, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten, Psychologen, Ergotherapeuten, Erlebnispädagogen, Logopäden und Physiotherapeuten. Niedergelassene Fachärzte, die Politik und das einzige in der Region vorhandene SPZ in Memmingen begrüßen ein weiteres SPZ am Standort Kaufbeuren ausdrücklich.

Als wirtschaftlich anzusehen ist ein solches Zentrum, wenn im Einzugsgebiet des geplanten SPZ eine ausreichende Patientenzahl zu erwarten ist. Bei einer Versorgungsregion von mehr als 720.000 Einwohnern wird die in einer Rechtsprechung des Bundessozialgerichts definierte Größe von 450.000 Einwohnern deutlich überschritten. Die Voraussetzungen für ein SPZ in Kaufbeuren sind zudem sowohl baulich auch personell erfüllt, das auf hohem qualitativen Niveau erforderliche qualifizierte Personal ist unter der ärztlichen Leitung durch Professor Dr. Rauchenzauner, dem Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum, bereits vorhanden. Anstelle eines finanziellen Mehraufwands würden sich vielmehr Synergien in der Verwaltung ergeben.

Negativfolgen für die Patienten

Der Zulassungsausschuss hat jedoch seine Ablehnung streng formal damit begründet, dass eine Wartezeit von 16 Monaten für einen Behandlungstermin und Fahrzeiten von bis zu zwei Stunden für eine Strecke zumutbar seien. Das ist allen Beteiligten unverständlich. Professor Rauchenzauner wies eindringlich auf die nicht absehbaren und besorgniserregenden Negativfolgen für die Patienten durch eine derartige nicht nur kurzfristig vorliegende Unterversorgung hin. Susanne Sigva, Mutter von Zwillingsfrühchen, schilderte sachlich, aber anschaulich die Schwierigkeiten, mit ihren Kindern zu den erforderlichen Behandlungen nach Memmingen oder Augsburg zu fahren.

Solche Fahrten sind schon mit einem gesunden Kind eine organisatorische Herausforderung, ganz zu schweigen von den Transporten zweier Kinder mit besonderem Betreuungsbedarf. Für so besonders winzige Kinder gebe es keine Kindersitze, für einen Liegendtransport von Zwillingen würde aber ein Spezialauto benötigt und in öffentlichen Verkehrsmitteln passt ein Zwillingswagen gar nicht erst durch die Türen. Der Aufwand muss zudem nicht nur einmal betrieben werden – er ist für jeden einzelnen Termin erforderlich, etwa zweimal in der Woche, weil die benötigten Spezialisten an unterschiedlichen Orten mit jeweils eigenen Terminen aufgesucht werden müssen. Ein SPZ in Kaufbeuren wäre allein schon wegen der Fahrzeiten eine enorme Erleichterung, ganz abgesehen von den gesundheitlichen Vorteilen.

Der Bundestagsabgeordnete Stephan Stracke unterstützt zusammen mit dem Landtag, Landrätin Maria Rita Zinnecker und OB Stefan Bosse ein SPZ in Kaufbeuren, weil gerade für die Kleinsten eine optimale Versorgung notwendig ist. Die Kriterien beim Zulassungsausschuss mögen zwar aus bürokratischer Sicht „zumutbar“ sein, sind jedoch vollkommen unrealistisch und gewährleisten keinesfalls die bestmögliche Fürsorge für die Kinder, die es am nötigsten brauchen.

Unter www.lebenshilfe-ostallgaeu.de findet sich eine Verlinkung zur Petition, die online unterschrieben werden kann. Außerdem liegen Unterschriftslisten in den Einrichtungen der Lebenshilfe, dem Klinikum in Kaufbeuren, bei Kinderärzten und in vielen Kindergärten in der Region aus.

Ingrid Zasche

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