Theater im Turm präsentiert Bühnenfassung von Anna Gavaldas Erfolgsroman

Zusammen ist man weniger allein

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Philibert (Johannes Schulz) bekocht Camille (Melina Heel), um sie aufzupäppeln.

Kaufbeuren-Neugablonz – Nach dem Kinderstück „Der König in der Kiste“ hat sich das Theater im Turm (TiT) wieder einer Tragikomödie zugewandt: In „Zusammen ist man weniger allein“ von Anna Gavalda in einer Bühnenfassung von Anna Bechstein wird die Geschichte von vier einsamen Menschen erzählt, die sich in einer zunächst reinen Zweckgemeinschaft erfolgreich zusammenraufen. Vergangene Woche war Premiere im Pfarrsaal Herz-Jesu.

Zunächst besteht die WG nur aus Philibert Marquet de la Durbellière, einem Adelsspross, den die Familie abkommandiert hat, bis zur Klärung der Erbangelegenheiten in der Pariser Wohnung seiner verstorbenen Großmutter zu wohnen, um Hausbesetzer (und die entfernten Cousins) fernzuhalten. Der introvertierte Historiker verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Postkarten im Museum, weil er so gravierende Prüfungsangst hat, dass er sein Studium nie abschließen konnte. Den vor Aufregung und Schüchternheit – besonders in Gegenwart von Frauen – entsetzlich stotternden Intellektuellen mit altväterisch pomadisierten Haaren spielt überzeugend Johannes Schulz von den Moskitoldies. Seine geschraubten Sätze sorgten für reichliche Lacher im Publikum und auch ein paar Opernarien stimmte er an. Von ganz anderem Kaliber ist Philiberts Untermieter, der Gourmetkoch Franck, der die verletzte Seele eines ungewollten Kindes unter aggressiver Streitsucht verbirgt und sich nur für Frauen und Motorräder interessiert. Ihn verkörpert hübsch ruppig Dominik Chmiel, den das TiT-Stammpublikum noch als „Staubfinger“ aus Tintenherz in Erinnerung haben dürfte.

Diesen beiden so gegensätzlichen jungen Männern schneit eines Tages die sensible Camille ins Haus. Sie wird anrührend dargestellt von Melina Heel, die quasi im TiT groß geworden ist: 2013 hatte sie Pünktchen in „Pünktchen und Anton“, 2015 die Meggie in „Tintenherz“ und 2017 Lady Foliots Großnichte Christina Grant in „Mord an Bord“ gespielt. Nachdem Kunstfälscher das Maltalent von Camille für ihre Zwecke missbraucht hatten, hatte sie ihr Kunststudium hingeworfen und fortan ehrlich aber schlecht bezahlt in einer nächtlichen Putzkolonne gearbeitet – politisch korrekt formuliert als „Fachfrau für Oberflächen“. Die ständigen unzufriedenen Schimpftiraden ihrer Mutter (Regisseurin Cornelia Sager in Vertretung von Ulrike Tabery) beantwortet sie mit der Weigerung zu essen. Sie versteckt ihre Magerkeit in Schlabberklamotten und ihr Markenzeichen ist eine tief ins Gesicht gezogene schwarze Wollmütze. Camille lebt in einer unbeheizten Dachkammer von Philiberts Haus, wo sie sich auf den Tod erkältet.

Das Ensemble: (von links) Regisseurin Cornelia Sagner (Camilles Mutter), Melina Heel (Camille), Mario Kämper (Sanitäter/Chefkoch/Krankenpfleger), Johannes Schulz (Philibert Marquet de la Durbellière), Dominik Chmiel (Gourmetkoch Franck), Renate Jung (Großmutter Paulette), Gabi Gaberle (Paulettes Freundin Yvonne)

Als Philibert die stark Fiebernde zufällig im Treppenhaus trifft, holt er sie in die WG und pflegt sie. Bald verstehen sich die beiden verwandten Seelen ganz hervorragend, was Franck überhaupt nicht gefällt. Philibert bekocht Camille sogar, um sie aufzupäppeln. Auch Franck kocht für Camille, aber eher in der Hoffnung, dass sie die WG verlässt, sobald sie wieder ganz gesund ist. Mit seiner aufbrausenden Art rumpelt er öfter mit ihr zusammen. Der einzige Mensch, den Franck wirklich mag, ist seine Großmutter Paulette, die ihn großgezogen hat. Montags hat Franck immer frei, dann besucht er Paulette im Heim, wo sie nach einem schlimmen Sturz untergebracht ist. Die liebenswerte alte Dame (Renate Jung) ist dort kreuzunglücklich, sie vermisst ihr Haus, ihren Garten und Gesellschaft, denn der Krankenpfleger ist für menschliche Wärme nicht zuständig. Er wird von Mario Kämper gespielt, der auch als Sanitäter und Francks Chefkoch eingesetzt ist.

Regisseurin „Neli“ Sagner hatte dem Vier-Personen-Stück einige Randfiguren hinzugefügt. Dazu gehören auch Camilles Mutter und Paulettes Freundin Yvonne (Gabi Gaberle), die Franck klarmacht, dass er Verantwortung für Paulette übernehmen muss. Es ist aber schließlich Camille, die Philibert überzeugt, Paulette in die WG aufzunehmen, wo nunmehr Camille Paulettes Pflege übernimmt. Alle vier öffnen sich einander mehr und mehr.

Mucksmäuschenstill und gespannt lernte das Premierenpublikum Schritt für Schritt die traurigen Lebensgeschichten der vier WG-Genossen kennen, während deren Umgangston immer entspannter wurde: Camille verzichtete auf ihre Mütze, Philibert hörte auf zu stottern und fand eine Freundin, Franck wurde immer umgänglicher und auch Paulette blühte sichtlich auf. Dafür gab es nach jeder der vielen Einzelszenen Applaus und am Schluss begeisterten Beifall für dieses Stück, in dem Nachdenklichkeit und Lachen so nahe nebeneinander stehen.

von Ingrid Zasche


Weitere Aufführungstermine:

Pfarrsaal Herz Jesu:

Freitag, 27. April

Samstag, 28. April, Karten bei Buchhandlung Menzel

Stadttheater:

Freitag, 4. Mai

Samstag, 5. Mai

Freitag, 11. Mai

Samstag, 12. Mai, Karten bei Lotto-Toto-Engels

jeweils um 20 Uhr

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