Bienen unterstützen statt Plastikmüll erzeugen:

Verpacken wie zu Omas Zeiten

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Kristina Immerz (links) und Sandra Palazzolo sind ein tolles Team. Gemeinsam stellen die Kaufbeurer Frauen Bienenwachstücher her und vertreiben sie erfolgreich.

Kaufbeuren – Im Juli 2018 muss „Wabenwerk“ eine Nachtschicht einlegen, wieder einmal. Sandra Palazzolo (31) und Kristina Immerz (33) bieten an ihrem Stand am Kunsthandwerkermarkt in Waal ihre Bienenwachstücher an – doch schon am ersten Tag ist die Ware ausverkauft. „Wir sind heim und haben bis in der Früh nachproduziert“, sagt Immerz. Spätestens da ist den Frauen aus Kaufbeuren klar: Das ist ein großes Ding, was sie da entwickelt haben – die Konsumenten lieben ihr Produkt. Nicht nur im Allgäu: Plastikmüll ist out. Was Bienen nützt, ist gefragt – nicht erst seit dem Volksbegehren.

Palazzolo und Immerz verkaufen unter dem Label „Wabenwerk“ eine naturnahe und umweltfreundliche Verpackung, die es eigentlich schon zu Omas Zeiten gab. Die jedoch in Vergessenheit geriet. Seit Herbst 2017 stellen sie Tücher aus ökologisch zertifizierten Stoffen und mit Bienenwachs in Handarbeit her. „Wir bieten eine Alternative zum Verpacken, um auf Aluminium und Plastik zu verzichten“, sagt Palazzolo. „Spätestens wenn man Kinder hat, fragt man sich: ,Wie packe ich die Brotzeit für den Spielplatz ökologisch ein?‘“

Denn Immerz und Palazzolo sind keine Designerinnen, die mal eben eine Idee umsetzen. Sondern Mütter, die Haushalt und Betreuung stemmen – neben dem Teilzeitjob. Wenn vormittags Immerz’ dreieinhalb Jahre alte Tochter und Palazzolos vierjähriger Sohn im Kindergarten sind, werkeln sie in der Werkstatt in Neugablonz: ein Gebäude, das im Krieg als Kantine einer Munitionsfabrik diente. Sie schneiden die Stoffe zu, tragen Wachs auf, verpacken. Sichtlich mit gehörig Spaß. „Eigentlich sind wir nicht befreundet, sondern nur verschwägert, weil mein Bruder Sandra geheiratet hat“, flachst Immerz.

Doch auf ihrem Weg wurde viel geputzt. Wachstücher machen entpuppte sich als nicht einfach. Was ursprünglich als Geschenkidee und Bastelspaß begann, perfektionierten sie. „Wir haben viel probiert, im Netz recherchiert“, sagt Immerz. Zuerst zerkrümelten sie Wachs auf dem Stoff. Erwärmten ihn mit dem Bügeleisen. Klappte nicht so recht, die Tücher wurden unregelmäßig. Und es blieb „viel Sauerei“. Inzwischen setzen sie Wachs im Topf an, fügen Jojobaöl und Propolis zu und beschichten die Stoffe im Backofen. Jojobaöl für die Geschmeidigkeit, Propolis wegen der desinfizierenden Wirkung.

Mit den Bienenwachstüchern lassen sich Lebensmittel wie zu Omas Zeiten ökologisch sinnvoll verpacken.

Vielleicht ist ein Funken Nostalgie dabei, warum die Wachs­tücher so gut laufen. Die Stoffe sind mit Blümchen oder zartem Karo gestaltet. Zu Beginn fassen sie sich steif an, werden bald weicher. Und duften fein nach Bienenwachs: Ganz, wie man es bei Oma in Erinnerung hatte, die damit Obst, Gemüse, Wurst und Käse schützte. Oder als Tischdecke verwendete, auf der die Oma ihre alten, lieben Hände legte. „Ich persönlich verpacke damit Brot, so bleibt es lange frisch“ sagt Immerz. 14 bis 20 Euro kostet ein Tuch, je nach Größe. Hält aber ewig. Man kann es später im Back­ofen aufbereiten: ein „Second Life Cycle“, wie man das heutzutage nennt.

Mit dem Erfolg kamen Herausforderungen. Buchhaltung, Versand, Website – und gesetzliche Fallstricke. Für alles, was mit Lebensmitteln in Kontakt kommt, muss eine Konformitätserklärung vorliegen. Wofür teure Labortests nötig sind. „Das hat uns als Kleingewerbe überfordert“, sagt Palazzolo. Darum weisen sie bislang Kunden schriftlich darauf hin, dass „dieses Produkt nicht als direktes Verpackungsmaterial für Lebensmittel geeignet“ sei.

Da aber die Nachfrage ständig steigt – inzwischen bieten Unverpackt-Läden in Durach, Aufkirch und Türk­heim ihre Tücher an – wollen die Frauen nun in einen Test investieren. Der Wermutstropfen: Das Wachs ihrer Imker aus der Region können sie dann nicht mehr verwenden. Zertifiziertes Mischwachs muss her – aber zumindest aus Deutschland.

„Wabenwerk“ wächst also, ganz ohne Druck. Palazzolo hat ihren Job als Fremdsprachenkorrespondentin gekündigt, Immerz dagegen bleibt Krankenschwester in Teilzeit. „Weil ich die Sicherheit brauche und meinen Job liebe.“ Und die beiden haben etwas Neues ausgeheckt: Einkaufstüten aus Wachstuch. Eine Modedesignerin näht künftig die Taschen auf 450 Eurobasis. „Wir sind jetzt Arbeitgeber, darauf sind wir stolz“, sagt Palazzolo. Man darf anfügen: Zu Recht. 

von Klaus Mergel

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