"Ich würde es wieder machen"

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Der kleine Celestin auf Sandra Schimeks Arm hat eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und war stationär wegen einer Lungenentzündung. Seine Mutter hat die Saugeröffnung aufgeschnitten, damit er vermeintlich „besser“ trinken konnte.

Kaufbeuren – Vor einem halben Jahr haben wir über sie berichtet, jetzt ist sie wieder zurück mit jeder Menge Eindrücke und Erfahrungen. Die Kinderkrankenschwester Sandra Schimek war zehn Wochen auf der „Africa Mercy“, dem größten Hospitalschiff der Welt, das in einem Frachthafen vor Madagaskar vor Anker lag.

Auf dem Schiff der Mercy-Ships-Organisation behandelte sie zusammen mit Ärzten und weiteren Pflegekräften auf der Station für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie Menschen, die es sich normalerweise nicht leisten können, operiert zu werden. Die gebürtige Kaufbeurerin hat einiges zu erzählen.

„Ich bin wohl etwas blauäugig runtergeflogen“, gibt Sandra Schimek ein paar Wochen nach ihrer Rückkehr zu. Ihr war zuvor nicht bewusst, dass Madagaskar ein so rückständiges Entwicklungsland ist. Es verfügt über nahezu keine Infrastruktur, wie Schimek bei einer Tour durch das „echte“ Madagaskar, abseits vom Tourismus, feststellen musste. Dort gibt es kaum gesundheitliche Versorgung, die Krankenhäuser sind verwaist, weil eine Behandlung teuer wäre. Doch viel Geld haben die wenigsten in Madagaskar.

Umso dankbarer sind laut Schimek diejenigen, die die Reise auf sich genommen haben, um zur Africa Mercy zu gelangen. Denn dort werden sie kostenfrei medizinisch behandelt. Sie wurden im Voraus von einem „Screening-Team“ in den Städten des Landes dahingehend untersucht, ob ihr Leiden auf dem Schiff operiert werden kann.

An Bord gibt es fünf OP-Säle, ein Labor, eine Apotheke und Räume für Röntgen und CT. „Es gab auf dem Schiff vier Stationen mit vier Fachrichtungen“. Auf der allgemein-chirurgischen werden beispielsweise Kropf-Operationen an der Schilddrüse durchgeführt oder Leistenbrüche behandelt. Eine weitere ist gynäkologisch ausgerichtet. „In Madagaskar gibt es viele Frauen, die bis zu sieben Tage in den Wehen liegen und dadurch Nekrosen bekommen. Daraus entwickeln sich dann Scheidenfisteln, die auf der Station behandelt werden.“ Dazu laufe aber momentan ein größeres Projekt auf Madagaskar, damit lokale Schwestern auch darin ausgebildet werden. „Auf einer zweigeteilten Station wurden einerseits orthopädische Erkrankungen wie Klumpfüße und andererseits Verbrennungen behandelt“, erzählt Schimek. „Die Kinder dort waren lange Zeit in Gips gelegen und mussten natürlich ordentlich bespaßt werden.“

Die Station, auf der die Kaufbeurerin arbeitete, war die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie. „Wir hatten Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, mit Noma, einer schweren bakteriellen Infektion im Gesicht mit offenen Stellen und gutartigen Gesichtstumoren.“ Die wohl größte Umstellung waren für Schimek die Patientenzimmer. „Das sind große Räume für bis zu zehn Patienten. Die Schwestern haben keinen eigenen Raum, sondern sind in dem Zimmer mit dabei. Da gibt es einen kleinen Schreibtisch mit Computer.“

Bei Kindern ist immer eine erwachsene Person – Mama, Papa, Tante, Onkel – dabei, „und die haben dann auf Matratzen unter dem Bett geschlafen“. „Aber das ging tatsächlich sehr gut, trotz einer ganz schönen Geräuschkulisse“, erinnert sich Schimek, die hauptsächlich für die Vor- und Nachsorge der Patienten verantwortlich war. Zur Verständigung waren immer Übersetzer dabei, die so genannte „Day-Crew“, die vom Madagassischen ins Englische übersetzt haben. „Ich dachte eigentlich, dass ich mit einem guten Englisch losgefahren bin, aber man merkt, dass dort jeder seinen eigenen Slang hat.“ Die Zimmer sind nach Fachrichtungen und nicht nach Kindern auf der einen und Erwachsenen auf der anderen Seite getrennt, wie in Deutschland üblich.

Eine weitere ungewöhnliche Erfahrung: Den Patienten musste Schimek die Toilettenspülung erklären. „Die Dusche haben wir erst gar nicht erklärt, sondern den Patienten eine Waschschüssel gegeben, weil sie noch nie zuvor geduscht hatten.“ Eine Patientin ist nachts aus dem Bett gefallen und hat sich nicht mehr hinein getraut. „Sie dachte, das Bett hätte sie herausgekickt und sei böse.“ Niemals zuvor hatte die Afrikanerin nämlich in einem Bett geschlafen.

Die Kaufbeurerin selbst hat für die zehn Wochen in einer Sechsbettkabine gelebt, doch das „ging erstaunlich gut“. Sperrstunde war um 21 Uhr, aber man sollte ohnehin nur zu viert und nicht nach Einbruch der Dunkelheit das Schiff verlassen. Für die eingeschränkte Freizeit können die Mitarbeiter einen Gemeinschaftsbereich an Bord, ein Internetcafe und einen Fitnessraum benutzen. Es gibt auch ein kleines Café und einen Pool, außerdem werden Filmabende und Gottesdienste angeboten.

Die Mitarbeit auf der Africa Mercy ist neben dem Willen, ohne Verdienst armen Menschen zu helfen, auch eine Kostenfrage. Sandra Schimek finanzierte die Zeit auf dem Schiff mit Erspartem und Spenden, denn für das Geld für den Flug und die Unterkunft an Bord musste sie selbst aufkommen. Schimeks „eindrucksvollste Begegnung“ war nach eigener Aussage die mit einer Mutter, deren Baby sich beim Trinken aus der Flasche immer verschluckt hat. Die Mutter verstand nicht, dass sie das Loch im Sauger nicht so groß machen durfte. „Wir haben versucht, es ihr immer wieder zu erklären, ich war kurz vorm Verzweifeln“. Doch bei der Frau fehlte es an medizinischem Verständnis und an Bildung.

Viele Kinder reagierten „total skeptisch“ auf die Ärzte und Pfleger. Ihnen waren verständlicherweise die Magensonden und die Mundpflege fremd. Die Eltern hingegen waren meist kooperativ, schließlich wussten sie, dass ihrem Kind geholfen wurde, so Schimek.

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis hatte Schimek mit ihrer letzten Patientin, einer 24-Jährigen mit einem „riesigen Gesichtstumor“. Weil sie stark zu bluten angefangen hatte, musste ein Luftröhrenschnitt gesetzt werden. „Das war kurz vor knapp.“ An ihrem letzten Tag hat Schimek noch die Chance genutzt, mit in den OP zu gehen, wo ein Gesichtstumor entfernt wurde.

Jetzt arbeitet Sandra Schimek wieder Vollzeit auf der Kinder­station in Großhadern und weiß die medizinische Versorgung hier noch mehr zu schätzen. Aber sie sagt: „Ich würde es sofort wieder machen.“

von Martina Staudinger

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