Zwischen gestern und morgen

Bauleitplanung des Afraberg-Projektes im Bauausschuss beraten

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Der Afraberg: Mit der beschaulichen Ruhe dürfte es bald vorbei sein, denn die Pläne für ein neues Wohngebiet nehmen Gestalt an.

Kaufbeuren – Der flüchtige Moment, den wir „heute“ oder „jetzt“ nennen, wird bestimmt von der Vergangenheit, und er beeinflusst die Zukunft. Das klingt philosophisch-abstrakt, doch es umschreibt eine konkrete Aufgabe der Stadtplanung – die vorgefundenen Strukturen zu erhalten, zu nutzen und zukunftsgerecht zu gestalten. Der Kaufbeurer Bau- und Umweltausschuss stellte sich dieser Herausforderung in seiner Sitzung am vergangenen Mittwoch: Er beriet die Bauleitplanung für die Neugestaltung des Afrabergs südlich des Fünfknopfturmes. Es war einer der ersten Schritte zur Umsetzung eines sehr komplexen Projektes.

Zu Beginn der Sitzung umriss OB Stefan Bosse noch einmal den Stand der Dinge. „Der Stadtrat hatte am 18. Dezember 2018 den Antrag des Grundstückseigentümers auf Aufstellung eines Bebauungsplanes für den Afraberg unter bestimmten Voraussetzungen genehmigt. Dazu gehörte etwa dessen Verpflichtung, die weitere Planung mit dem Gestaltungsbeirat der Stadt Kaufbeuren abzustimmen. Die Stadtverwaltung wurde ermächtigt, einen städtebaulichen Vertrag mit dem Träger des Vorhabens abzuschließen.“

In den seither vergangenen neun Monaten hat sich einiges getan. So stellte der Gestaltungsbeirat im Mai 2019 sein Planungskonzept der Öffentlichkeit vor. Dabei gab es eine Menge Anregungen, die in die Empfehlungen des Beirates an die Stadtverwaltung einflossen (wir berichteten). Insgesamt geht es darum, „mit den denkmalgeschützten Gebäuden und historisch bedeutsamen Freiraumstrukturen entlang der früheren Befestigungsanlage sensibel umzugehen.“ So soll etwa das Hauberrisserhaus als historisches Zeugnis und Baudenkmal, gelegen in der Blickachse der Kaiser-Max-Straße, möglichst erhalten werden. Gelingt das nicht, so wird gefordert, auf eine Ersatzbebauung zu verzichten und den im ehemaligen Stadtgraben gelegenen Standort als öffentliche Grünfläche zu gestalten.

Noch kein Baurecht

Diese Vorgabe führte jedoch zu Fragen im Ausschuss. So wollte CSU-Stadtrat Dr. Thomas Jahn wissen, wie denn das Gebäude genutzt werden soll, wenn es stehen bleibt. SPD-Stadtrat Ralf Baur hegte da wohl den Verdacht, dass der Beschluss des Gestaltungsbeirates „verwässert werden soll, um doch einen Ersatzbau zu ermöglichen.“ Er warnt davor, „das städtebauliche Konzept durch (tages-)politische Entscheidungen zu beeinflussen.“ Schließlich verständigte man sich darauf, dass hier noch kein Baurecht geschaffen wurde, und dass derartige Fragen, natürlich in Abstimmung mit dem Gestaltungsbeirat, später geklärt werden können.

Maschinelle Anbindung

Völlige Einigkeit herrschte hingegen bezüglich der vorgesehenen „maschinellen Anbindung des neuen Stadtteils an die Altstadt“ – wobei allerdings bisher unklar ist, wie sie umgesetzt werden soll. Eine Rolltreppe, Kabinenlifte? Bürgermeister Gerhard Bucher erklärte dazu, dass die Auswahl der technischen Lösung „ganz wichtig ist, weil sie die Anbindung des neuen Stadtteils an die Kernstadt entscheidend bestimmt.“

Frage nach Stellplätzen

So beeinflusst diese Anbindung etwa die Anzahl der benötigten Stellplätze für Kraftfahrzeuge. Hier kann die Stadt Vorgaben machen. Diese wirken sich jedoch stark auf die Investitionskosten aus – denn der Bau von Tiefgaragen, besonders von solchen mit mehreren Etagen, ist teuer und kompliziert in einer Hanglage mit Grundwasserströmen.

Derzeit beabsichtigt der Investor den Bau von 405 Stellplätzen für 350 Wohnungen sowie die umgebenden Einrichtungen der Gastronomie, die Bürogebäude und den Kindergarten. Die Verwaltung schlug nun dem Bauausschuss vor, von einem Verhältnis von 1,5 Stellplätzen je Wohneinheit plus zehn Prozent Besucherstellplätze auszugehen. „Das bedeutet allerdings ein höheres Maß an Parkdruck, etwa im Vergleich zum Standort ,Am Bleichanger‘, wo 2,0 Stellplätze plus zehn Prozent für Besucher zur Verfügung stehen“, gab Baureferent Helge Carl zu bedenken.

Gewisser Parkdruck?

Damit löste er die längste Diskussion des Abends aus. So befürchtet etwa Stadtrat Ralf Baur, dass „es im schlimmsten Fall zum ,Hauen und Stechen‘ um die Parkplätze kommen könnte.“

Ob ein solches Szenario eintritt, oder ob vielleicht in ein paar Jahren das Familienauto soweit aus der Mode kommt, dass der Parkdruck verschwindet – wer vermag das schon vorauszusagen? Und auch das menschliche Verhalten ist schwer zu prognostizieren. Dr. Jahn etwa hat die Beobachtung gemacht, dass viele Anwohner lieber auf der Straße parken, als ihr Auto noch abends ins Parkhaus zu fahren. Und ob das Parkhaus Süd dann, eine bequeme Beförderung von Fußgängern auf den Afraberg vorausgesetzt, mehr Zuspruch finden wird, ist auch unklar. OB Bosse jedenfalls riet zum Realismus. „Ich sehe keinen Rückgang des Individualverkehrs in absehbarer Zeit“, schätzte er ein. „In Deutschland kommen derzeit 650 Fahrzeuge auf 1000 Einwohner. Und ich gehe davon aus, dass die künftigen Bewohner des Afraberges eher etwas stärker motorisiert sind“.

Abstimmung

Der Ausschuss stimmte schließlich ab mit dem Ergebnis, dem Stadtrat einen Schlüssel von 1,5 Stellplätzen pro Wohneinheit plus zehn Prozent vorzuschlagen und prüfen zu lassen, inwieweit das Parkhaus Süd in diese Berechnung einbezogen werden kann.

Der Ausschuss wurde zudem informiert, dass im Immissionsschutz und in der Wasserversorgung noch offene Probleme bestehen. Diese ergeben sich unter anderem aus der Nachbarschaft des Wohngebietes zu der im Schichtbetrieb arbeitenden Brauerei mit speziellem Wasserbedarf.

Und auch die weitere Vertragsgestaltung für das Vorhaben erfordert noch einige Überlegungen und Beschlüsse. So würde die Verwaltung es bevorzugen, Baurecht in Form eines vorhabenbezogenen Bebauungsplanes zu schaffen. Dem mag der Investor allerdings bisher nicht zustimmen. Der Bauausschuss will deshalb noch einmal mit dem Träger des Vorhabens beraten, ehe eine Empfehlung für den Stadtrat abgegeben wird. Dieses Treffen ist für Oktober vorgesehen.

von Ingo Busch

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