Die »Engel« vom Fackelsberg

100 Jahre Verein für ambulante Kranken- und Altenpflege Dietmannsried und Umgebung e. V.

Die Schwesterngemeinschaft: Theolindis, Oberin Blasiana, „Fräulein Adele“, die Hauswirtschafterin, und Helmtraud
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Die Schwesterngemeinschaft in den späten 80er Jahren: v. li. Theolindis, Oberin Blasiana, „Fräulein Adele“, die Hauswirtschafterin, und Helmtraud.

Dietmannsried –Wer schon lange in Dietmannsried oder einer der umliegenden Gemeinden lebt, wird sich wohl noch gut daran erinnern können, dass zum Dorfalltag auch die Schwestern vom Verein für Kranken- und Altenpflege gehörten, die in ihrer Ordenstracht auf dem Fahrrad, im VW-Käfer oder im Caritasroten Auto zu ihren PatientInnen oder Pfleglingen unterwegs waren.

Die Geschichte des Vereins begann im Herbst 1920, als an einem Freitag im Oktober am Bahnhof Dietmannsried drei Franziskanerinnen von der Heiligen Familie zu Mallersdorf eintrafen, die bisher in der Ordensniederlassung in der Kemptener Frühlingsstraße gelebt und gewirkt hatten. Wie die Festschrift zum heurigen 100jährigen Vereinsjubiläum berichtet, war der damalige Pfarrer der Marktgemeinde, Max Walser, dabei, eine Station für ambulante Krankenpflege aufzubauen und einen Verein ins Leben zu rufen, dessen Mitglieder die wohltätige Einrichtung tragen und im Krankheitsfall von ihr profitieren sollten.

Die drei Schwestern Maria Lanfranka Loithaler, Maria Nata Danzer und Maria Semera Bruckmüller, die Vorsteherin der kleinen Gruppe, zogen vorerst in die Reicholzrieder Straße 4 „in der Vorstadt“ zur Witwe Eleonora Maier, richteten dort ihre Station ein und nahmen „noch am selben Tag“ ihre Tätigkeit auf. In den folgenden Wochen gründete sich der Verein und bestimmte Walser zu seinem Ersten Vorstand, zu seinem Zweiten den praktischen Arzt Dr. Hans Sepp und zum „Kassier und Schriftführer“ den damaligen Dietmannsrieder Bürgermeister Gottfried Riepp; den Beirat bildeten neben einem Arzt die Pfarrer der ebenfalls zum Vereinsgebiet gehörenden Gemeinden Krugzell, Lauben, Probstried, Reicholzried und Schrattenbach sowie der Bürgermeister von Überbach. Zudem beging die junge Vereinigung die Vertragsunterzeichnung mit der aus dem niederbayerischen Mallersdorf angereisten Mutter Oberin mit „einer feierlichen Zusammenkunft“ im Gasthof Ochsen.

Bis Ende 1921 notierte die Buchführung der Schwestern bereits 336 Nachtwachen, 623 ganztägige Pflegeeinsätze und 196 halbtägige sowie 219 Besuche für insgesamt 77 Patienten; zu Hochzeiten, etwa 1936, als die Gemeinschaft der Pflegerinnen etwas größer geworden war, vermerkte sie 131 PatientInnen, 797 Nächte, 949 ganze und 325 halbe Tage sowie 729 Besuche. Die Vereinssatzung hielt „die Angehörigen eines jeden Kranken“ dazu an, „der Schwester ein Bett mit frischem Überzug“ bereitzustellen, ihr „eine anständige Kost zu verabreichen“ und „ihr an den Sonn und Feiertagen freizugeben, falls es der Zustand des Kranken gestattet“. Außerdem gründeten die Franziskanerinnen schon bald eine Handarbeitsschule, die zunächst von ihrem neuen Gemeinschaftsmitglied, der Lehrerin Maurilla Apollonia Gaul, geleitet wurde; 1956 übernahm die Schneidermeisterin und neuen Oberin Blasiana Gunreben, die vor allem in den 30er Jahren gut besuchte Lehranstalt.

1922 zog die inzwischen fünfköpfige Schwesterngemeinschaft samt Krankenstation in ein umgebautes Bauernhaus am Fackelsberg mit Sprechzimmer, Refektorium und Hauskapelle, Handarbeitssaal im ehemaligen Stadel und Waschküche im einstigen Stall. Zur Einweihung des Gebäudes, das bis heute den Verein beherbergt, fand eine Theateraufführung statt und Schwester Maurilla sang für die Gäste. Einige Jahre später erfüllte sich ein lange gehegter Wunsch der Franziskanerinnen: Nachdem die Hauskapelle eine Reliquie des damals Seligen, inzwischen Heiligen Konrad von Parzham erhalten hatte, weihte sie Pfarrer Walser und fortan feierten die Schwestern dort regelmäßig die Heilige Messe und luden montagabends zur öffentlichen Andacht ein. Beim Sonntagsgottesdienst in der Pfarrkirche hatten sie ihren Stammplatz in der ersten Reihe und zu Fronleichnam gestalteten sie gerne den traditionellen Blütenteppich, wie Dr. Werner Scharrer, Schriftführer des Vereins und Verfasser der Festschrift, sich im Gespräch mit dem Kreisboten erinnerte.

Da die Einnahmen aus dem Handarbeitsunterricht ab 1936 beim Vereinskassierer abgeliefert werden mussten, gründete die Schwesterngemeinschaft wenig später eine Gärtnerei, verkaufte „Blumen, Pflänzchen und Gemüse“, kümmerte sich um den Blumenschmuck in der Pfarrkirche und erhielt vom Gartenverein immer wieder Auszeichnungen. Weil sie ihre zahlreicher gewordenen Aufgaben kaum noch bewältigen konnten, engagierten die Schwestern 1939 die damals 16-jährige Adele Oberhösl als Hausgehilfin. 50 Jahre später verlieh der Freistaat Bayern der Hauswirtschafterin die Ehrenurkunde zum goldenen Dienstjubiläum. Ein weiteres Projekt der Franziskanerinnen, mit dem wohl viele DietmannsriederInnen persönliche Erinnerungen verbinden, war der im Frühling 1961 im ehemaligen Handarbeitssaal eröffnete Kindergarten, der unter der Leitung von Helmtraud Heiß, die als Novizin in die Gemeinde gekommen war, vier Jahre später in ein neues, größeres Gebäude östlich des Schwesternheims umzog.

Ab den 70er Jahren erhielten mehrere Schwestern für ihre jahrzehntelangen Dienste an der Dorfgemeinschaft silberne und goldene Bürgermedaillen. Die hochbetagte Nata Danzer, die bereits dem aus Kempten abberufenen Gründungstrio angehört hatte, bekam vom damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann 1971 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik verliehen und wurde Ehrenbürgerin von Dietmannsried. Im Frühling 2011 verließen mit Helmtraud Heiß und Theolindis Aichele die beiden letzten Schwestern nach einem feierlichen Abschiedsgottesdienst die Marktgemeinde, um ins Mutterhaus nach Mallersdorf zurückzukehren.

Heute wird der gemeinnützige Verein für ambulante Kranken- und Altenpflege von der Caritas getragen, hat fast 700 Mitglieder und bietet mit seinen 25 MitarbeiterInnen und vielen Ehrenamtlichen Grundpflege, hauswirtschaftliche Versorgung, häusliche Betreuung, medizinische Behandlungspflege und Beratung, um seinen KlientInnen möglichst lange ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Das Mitgliederprinzip, wonach nur Vereinsmitglieder Anspruch auf unentgeltliche Pflege haben, sei spätestens in den 90er Jahren mit der Einführung der Pflegeversicherung aufgegeben worden, berichtet Schriftführer Scharrer. Unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder Weltanschauung betreut der Verein grundsätzlich alle Menschen und fühlt sich dabei dem christlichen Menschenbild verpflichtet. Leider konnte der Verein sein Jubiläum im Pandemiejahr nicht so feiern wie erhofft, aber den Festgottesdienst im Oktober zelebrierte der Präsident des Deutschen Caritasverbandes Prof. Dr. Peter Neher.

Antonia Knapp

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