Stargast füllt Festzelt ohne Spott und Häme

1800 Gäste reisen zum Grünen Aschermittwoch mit Robert Habeck nach Sulzberg

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Auf der Festzeltbühne (v.l.): Lajos Fischer, Oberbürgermeisterkandidat der Grünen für Kempten; Thomas Gehring, Landtagsabgeordneter und Zweiter Vizepräsident des Bayerischen Landtags; der prominente Gast Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen mit Allgäuer Kuhschelle beschenkt und Christina Mader, die Landratskandidatin der Grünen im Oberallgäu.

Sulzberg/Oberallgäu/Kempten – Mit etwa 1800 Leuten war das wetterfeste Festzelt, das die Kemptener und Oberallgäuer Grünen für den Politischen Aschermittwoch von den Sulzberger Narren übernommen hatten, fast voll besetzt und so zeigte sich Ulrike Hitzler, die stellvertretende Landrätin, sehr stolz auf diese wohl größte Veranstaltung der Grünen im Allgäu.

Die weiteste Anreise hatte Robert Habeck aus Schleswig-Holstein gehabt, den live zu erleben, sich offenbar viele gewünscht hatten.

Vom Bayerischen Defiliermarsch begleitet, herzhaft von der Musikkapelle Sulzberg dargeboten, trat der Bundesvorsitzende der Grünen an den Bühnenrand, legte gleich temperamentvoll in freier Rede los und begründet mit drei Geschichten, weshalb er sich in Bayern immer so „sauwohl“ fühlt. Dankbar erinnerte er an den verstorbenen Sepp Daxenberger, der ihm die Vielfalt und starke Traditionsverbundenheit seiner Partei vor Augen geführt habe. Dann imponiert ihm die fantastische Festzeltkultur, die, als Grundlage der Demokratie, die Menschen zum Austausch gemeinsamer Erfahrung zusammenbringe. Auch dass bei der bayerischen Landtagswahl 2018 die Zivilgesellschaft Zivilcourage gezeigt und die offene Gesellschaft verteidigt habe, nötigt ihm Respekt ab.

An die Aschermittwochstradition, mit populistischen Sprüchen andere bloßzustellen und zu verhöhnen, knüpft Habeck nicht an. Seine Sache ist die Rückbesinnung auf genaue politische Rede, das Ringen um die beste Idee, ohne aus Mitbewerbern Feinde zu machen.

Die jüngsten Gewaltverbrechen in Hanau führt Habeck auch darauf zurück, dass wir als Gesellschaft nicht wachsam genug gewesen seien und in der Politik der inneren Sicherheit die rechtsradikalen Gefährder zu lange geduldet wurden: „Verhaftet die verurteilten Nazis!“ Sie greifen in ihrer perversen Logik völlig ungeschützte Menschen an und wollen uns spalten in „Sie“ und „Wir“. Jetzt die gesellschaftlichen Heilungskräfte zu mobilisieren, sei unsere Aufgabe.

Lob und Dank gab es für die Kommualpolitikerinnen und Kommunalpolitiker, die vor Ort das „Heldenfeld der Demokratie“ beackern. Aber: Haben wir noch Vertrauen in die Abläufe der liberalen Demokratie? Schließlich sei, was in der Vergangenheit erfolgreich war, viel komplizierter geworden. Kein Grüner könne voller Häme auf den Niedergang der beiden politischen Hauptakteure CDU und SPD schauen, weil sich ein Vakuum auftut, wenn beide nur mit sich selbst beschäftigt sind.

Als ehemaligem Landwirtschaftsminister gehen Habeck die allgegenwärtigen Bauernproteste unter die Haut. Sie zeigten nämlich die tatsächlichen Probleme an, da die Bauern nicht vorrangig um mehr Geld und gegen die Düngeverordnung kämpften, vielmehr um ihre Würde.

Habeck fordert Agrarwende

Wenn deutsche Haushalte nur zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, verweise dies auf deren Entwertung. Die will Habeck mit einer Systemänderung, z. B. mit fairen Preisen für die Milch, stoppen. Da die Lebensmittelproduktion aber nicht unsere Lebensgrundlagen zerstören dürfe, müsse die Union eine Agrarwende vollziehen und eine Allianz zwischen Landwirten und Umweltschutz schmieden. „Die Geschäftsmodelle der Zukunft lösen das Klimaproblem und versöhnen Ökologie und Ökonomie“, versicherte er.

Beim Klimaschutz gehe es nicht nur um die Eisbären, vielmehr um unser aller Überleben und die Bedingungen für unseren Zusammenhalt in der Zukunft. Habeck sieht auch keinen Gegensatz zwischen deutschen und europäischen Interessen: „Europa ist das deutsche Interesse!“ Da Veränderungen Menschen stets Angst einjagten, wenn die Altparteien ausfallen, warb er am Ende seiner Rede für Vertrauen, Mut und Gestaltungsoptimismus. Tusch und tosender Applaus.

Vorab hatte Thomas Gehring, der grüne Vizepräsident des Bayerischen Landtags, in kernigem Gunzesrieder Zungenschlag seine Chance genutzt, die „große“ und „kleine“ Politik ins Visier zu nehmen. Er schmunzelte über die „zwei Hüte“ des Sportfunktionärs Alfons Hörmann, der für die CSU Landrat im Oberallgäu werden will, über das von der CSU von den Grünen gut kopierte allerdings nicht kapierte politische Programm, über die gottseidank mickrigen Listen der AfD – „die im Landtag reichen mir schon!“ – es ging ums 100-Euro-Ticket als „Einstiegsdroge“ in den ÖPNV und um den vielgeplagten Oberbürgermeister von Kempten, Thomas Kiechle, der es schwer habe… Seilbahn über Kemptens Dächer?: „So a Schmarrn.“ Ein paar abstruse Bahngeschichten, „alle wahr, nix übertrieben“, waren die Lacher des Abends. Den bäume-umarmenden Ministerpräsidenten, sofern er dabei fotografiert wird, die Rechenkünste des Kultursministers Piazolo, den der Lehrermangel überrascht habe, Hubert Aiwanger, der den Klimawandel nicht so recht ernst nimmt – Gehring hatte genügend Stoff für feinen Spott und pfiffige Pointen. „Also I dät dia Griene wähle!“, war sein schlichter und vielbeklatschter Schlusssatz.

Elisabeth Brock

Zum politischen Aschermittwoch von SPD, FDP, Freie Wähler-ÜP und UB/ödp lesen Sie in der kommenden Mittwochsausgabe des Kreisbote vom 4. März 2020.

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