Was Armut bedeutet

Weltgerechtigkeitsessen setzt Zeichen

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Zwei tafeln fürstlich (im Hintergrund), währen sich am anderen Tisch 15 Menschen eine erbettelte Melonenscheibe teilen müssen. Das „Weltgerechtigkeitsessen“ geriet schnell zum soziologischen Experiment mit bitterem Realitätsbezug.

Dietmannsried – Was, bitte, ist ein „Weltgerechtigkeitsessen“? Das fragten sich sicherlich auch einige der rund 30 Interessierten, die zu genau einem solchen Essen in den Dietmannsrieder Pfarrsaal gekommen waren. 

Eine gute Stunde später waren alle Beteiligten um eine spannende, nachhallende Erfahrung reicher.
Als der Pfarrsaal sich langsam mit Gästen füllte – darunter Familien mit kleinen Kindern, junge Erwachsene, Senioren und sogar der örtliche Pfarrer Dr. Martin Awa – standen manchen von ihnen die Fragezeichen geradezu ins Gesicht geschrieben. Die Plätze an den vier Tischen wurden kommentarlos nach dem Zufallsprinzip zugewiesen.
Wer Glück hatte, durfte es sich auf einem der zwei bequemen Stühle an der nobel eingedeckten Luxus-Tafel im hinteren Teil des Raumes bequem machen. Sechs Besucher wurden an einen dekorationslosen, aber immerhin mit einfachen Gläsern und Besteck versehenen Tisch platziert. Sechs weitere mussten mit nur einem Suppenlöffel als Gedeck vorlieb nehmen. Der große Rest scharte sich um einen leeren Biertisch. Und wartete. Und wartete.
Als Lisa Weixler, die 19-jährige Initiatorin des Essens, in Aktion trat, geriet der Abend binnen kürzester Zeit eigendynamisch zu einer interessanten Mischung aus Theater und soziologischem Experiment. Die Gastgeberin hofierte die beiden Gäste an der Festtafel als dienstbeflissene Bedienung. Dem Rest der Anwesenden schenkte sie zunächst keinerlei Beachtung.

Hungrige Augen
Während die beiden Privilegierten nun ebenso arrogant wir ignorant bis über die Sättigungsgrenze hinaus ihr erlesenes Menü genossen, fiel für den Rest der Besucher zusehends weniger an Nahrung und respektvoller Behandlung ab. Der Tisch der „Kategorie 2“ erhielt mit einiger Verzögerung Hausmannskost mit Salat, Wasser und Sirup. „Kategorie 3“ musste sich nach langem Warten mit Gemüsereis (ohne Getränk) zufrieden geben. Die 15 Menschen am Biertisch blieben, trotz aller Versuche, die Aufmerksamkeit der Bedienung zu erhaschen, unbeachtet und waren dazu verdammt, das Geschehen mit hungrigen Augen zu verfolgen.
Trotz alledem wurde hier am meisten geredet und gelacht. Auch wurden immer neue Möglichkeiten ersonnen, um an Nahrung zu kommen. „Wir gehen einfach hin und klauen uns was“, war einer der Vorschläge, „Die Kinder sollen versuchen, ihr Herz zu erweichen“, „Wir fordern Gleichbehandlung“ oder „Bei `Drei´ husten wir alle, damit sie sehen, dass es uns schlecht geht“, lauteten andere, überwiegend erfolglose, Ideen.
Wer den Reichen zu nahe kam, wurde gnadenlos entfernt. Die wenigen, mühsam ergatterten Speisen (ein Tellerchen Salat oder Reis, eine Karotte, eine Melonenscheibe) wurden solidarisch geteilt. Umso größer war der Jubel, als zum Schluss völlig unerwartet doch noch drei Schüsseln mit weißem Reis für die „Ärmsten“ abfielen.

Obrigkeistrespekt
„Die Masse hat von ihrer Stärke keinen Gebrauch gemacht. Ihr hättet uns überrennen können“, fand im Nachhinein einer der „Reichen“. „Dazu hatten wir zu viel Respekt vor Eurer Obrigkeit“, so die Antwort. Oder auch: „Wir wurden einfach nicht wahrgenommen in unserer Not“. „In diesem Spiel spiegeln sich die realen Verhältnisse zwischen Arm und Reich wider“, so Pfarrer Dr. Awa. Das Thema „Weltgerechtigkeit“ ist Lisa Weixler ein Herzensanliegen. Die kirchlich engagierte junge Allgäuerin tritt im August einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst in einem kleinen Krankenhaus in Tansania an. Ihr Experiment will sie durchaus nicht nur global verstanden wissen: „Auch bei uns hier gibt es viele Menschen, denen es schlecht geht und die Hilfe bräuchten. Nur nehmen wir die Sorgen und Nöte unserer direkten Nachbarn oft gar nicht wahr. Ich hoffe, dieser Abend konnte einen Denkanstoß hierzu liefern.“ Sabine Stodal

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