Heimatbund Allgäu und Projektpartner haben große Pläne 

2025 jährt sich der Bauernkrieg zum 500. Mal 

Ikone des Bauernkriegs aus einer Schrift des Franziskaners Thomas Murner.
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Ikone des Bauernkriegs aus einer Schrift des Franziskaners Thomas Murner.
  • VonAntonia Knapp
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Allgäu – Im Frühling 2025 wird es 500 Jahre her sein, dass es im Allgäu zu Ereignissen „von europäischer Dimension“ kam, so Karl Milz, der 1. Vorsitzende des Heimatbundes Allgäu. Im März 1525 versammelten sich in Memmingen etwa 50 Vertreter der oberschwäbischen Bauerngruppen, darunter auch der Allgäuer Haufen, um ihre politischen Forderungen an die Herrschenden in Worte zu fassen. Nach langen Beratungen veröffentlichten die Bauern und Handwerker mit den „Zwölf Artikeln“ eine der ersten Erklärungen der Menschen- und Freiheitsrechte in Europa. 

Das Manifest forderte u.a. die Aufhebung der Leibeigenschaft, freie Pfarrerwahl, eine andere Verwendung der Abgaben und größere wirtschaftliche Freiheiten. Trotz des revolutionären Potentials ihres politischen Programms, das eine Neuordnung des Herrschaftssystems verlangt hätte, drohten die Bauern nicht mit Gewalt. Vielmehr erklärten sie sich bereit, einer „ziemlichen“ Obrigkeit, die sie wie freie Christenmenschen behandelte und ihnen eine gewisse Rechtssicherheit bot, gehorsam zu sein. Dennoch, nur wenige Monate später, im Sommer 1525, standen sich bei Leubas ein Bauernheer und die Truppen des Schwäbischen Bundes gegenüber. Nach wenigen Tagen unterwarfen sich in Sulzberg und Durach mehr als 10.000 Bauern und Handwerker dem fürstlichen Feldherrn Georg Truchsess von Waldburg, nachdem dieser mit seinen Landsknechten rund um Kempten zahlreiche Höfe niedergebrannt, die Ernte verwüstet, Frauen und Kinder vertrieben hatte.

Als Dachverband der Allgäuer Heimatpflegevereine will der Heimatbund diese Geschehnisse im Jubiläumsjahr mit vielfältigen Veranstaltungen würdigen und eine lebendige Diskussion über die großen Fragen und Entwicklungen der damaligen Zeit anstoßen. Wie sehen die Menschen, die heute im Allgäu leben, die Auseinandersetzungen dieser scheinbar so fernen Vergangenheit? Spiegeln sich in dieser Umbruchszeit Veränderungsprozesse der eigenen Gegenwart wider? Mit den Vorbereitungen für das 500-jährige Jubiläum des Bauernkriegs hat der Dachverband bereits 2019 begonnen. Seine 37 Mitgliedsvereine haben dem Großprojekt zugestimmt und der Heimatbund hat sich mit acht Projektpartnern aus Oberschwaben, Vorarlberg und dem Allgäu zusammengeschlossen, in Tirol ist man noch auf der Suche.

Am Runden Tisch, wo derzeit an diversen Projektskizzen gearbeitet wird, sitzen der Historische Verein Memmingen, der Verein für Heimat, Museum und Geschichte der Gemeinde Durach, die Stadt Kempten, der Markt Altusried, die Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur, der Geschichtsverein Bludenz und Klostertal , die Kulturmeile Aberschwende und der Stand Montafon. Beraten werden die Organisatoren u.a. von der Kulturwissenschaftlerin Ursula Winkler und dem Historiker Dr. Wolfgang Petz. Die europäische Dachorganisation EUREGIO via salina hat das grenzüberschreitende Projekt „mit offenen Armen“ begrüßt und Fördermittel zugesagt, wie Milz berichtet.

Zeitreise mit dem Theaterfundus Altusried

Für das Allgäu ist eine Wanderausstellung geplant, die vor allem das Erleben der Bauern und Handwerker in den Blick nimmt. Sie soll an 20 damals bedeutsamen Orten jeweils acht Tage lang zu sehen sein, gerne im Freien und eventuell in mobilen Containern. Die Freilichtbühne Altusried wird ein eigens zu diesem Anlass verfasstes Theaterstück inszenieren und zudem mit den Projektpartnern in Vorarlberg zusammenarbeiten, die einen Dokumentarfilm vorbereiten, der mit Spielszenen das Lebenssituationen des frühen 16. Jahrhunderts anschaulich machen will. In Memmingen wird es eine stationäre Ausstellung geben und dazu ein Begleitprogramm, das vor allem politische Bildung bieten und die Bürger zum diskutieren einladen will.

Im baden-württembergischen Oberschwaben wird es zudem eine Große Landesausstellung über den Bauernkrieg im deutschen Süden geben; wo sie stattfindet, ist noch offen, im Gespräch sind u.a. die Klöster in Bad Schussenried und Weingarten. Der Heimatbund hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf der neuen Homepage 500jahrebauernkrieg. de alle Angebote in einem gemeinsamen Veranstaltungskalender zu präsentieren. Zudem baut er eine Cloud auf, in der die Dokumente und Materialien, „mit denen wir arbeiten“, allen Akteuren zur Verfügung stehen. „Heimatpflege in die Cloud!“, fordert Milz und betont, dass die Vernetzung der einzelnen Projekte auch dazu dient, verschiedene Programm-Module „zusammenzubringen“, zum Beispiel könne man im Rahmen der Wanderausstellung den Dokumentarfilm vorführen oder zu einer Podiumsdiskussion einladen.

Titelbild einer Flugschrift mit den Zwölf Artikeln der Bauernschaft.

Überhaupt sollte die Heimatpflege stärker mit politischer Bildung verknüpft werden, um lebendig und interessant zu  bleiben und „die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen“, sagt Karl Milz. In den 80er und 90er Jahren waren viele Heimatvereine von Aufbruchstimmung und Pioniergeist geprägt: Sie erkundeten ihre Umgebung und schauten, was erhaltenswert war. Heute geht es für Milz nicht nur darum, das Erreichte zu bewahren: „Wir wollen die Heimat nicht nur archivieren, sondern gestalten.“ Im Vergleich zu den Menschen des 16. Jahrhunderts verfügen wir heute über relativ viel Wohlstand und Freiheiten. Es gehe weniger um materielle Bedürfnisse, sondern vielmehr um Prestige, Anerkennung und Zugehörigkeit. „Wie wichtig bin ich als Mensch“ für die Gemeinschaft, in der ich lebe? Vor diesem Hintergrund gewinnt der Heimatbegriff „eine neue und wichtige Bedeutung“. Denn „Heimat kriegt man nicht, die muss man sich erarbeiten“. Etwa 15 bis 20 Prozent interessieren sich für ihre Lebensumgebung, schätzt Milz, und zwar unabhängig davon, ob sie Alteingesessene oder zugezogen sind. Wenn sich jemand mit der Kultur, der Sprache und den Traditionen seines Wohnorts beschäftigt, wird ihm bewusst, dass sich all das aus historischen Prozessen entwickelt hat und veränderbar ist. Das Motto der Trachtler etwa sei „Treu dem guten alten Brauch“, zitiert Milz und betont, dass nur das, was für gut befunden wurde, gepflegt werden soll.

Ähnlich wie wir heute lebten die Bauernkrieger und ihre Obrigkeiten in einer Zeit großer Veränderungen: Der Buchdruck eröffnete völlig neue kommunikative und propagandistische Möglichkeiten, die sich ‚der gemeine Mann‘ schneller zunutze machte, als die Herrschenden „gucken konnten“: Die Zwölf Artikel etwa verbreiteten sich als Flugschrift innerhalb weniger Wochen in einer damals enormen Auflage von 25.000 Exemplaren im gesamten Reichsgebiet. Und während die Kaufmannsfamilie Fugger vom damaligen Globalisierungsschub profitierte und sich eine goldene Nase verdiente, verarmten viele zinspflichtige Bauern und Leibeigene. Die Landesherren wussten die Zeichen der Zeit offenbar nicht zu deuten und bekämpften den Wandel schließlich mit Gewalt. Doch mit Veränderungen, sagt der Vorsitzende des Heimatbunds, sollte man sich gemeinsam auseinandersetzen „in Rede und Gegenrede“, um sie nicht ängstlich zu verdrängen, sondern aktiv zu gestalten.

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