»Souvenirs de captivité« – eine Rarität jetzt als Buch 

31 Zeichnungen aus dem KZ-Außenlager Kempten lassen »innehalten«

OB Thomas Kiechle, Autor und
Historiker Markus Naumann, Verleger Volker Babucke und Museumsleiterin Dr. Christine Müller-Horn
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Dort, wo alles begann, stellten (v.l.) OB Thomas Kiechle, Autor und Historiker Markus Naumann, Verleger Volker Babucke und Museumsleiterin Dr. Christine Müller-Horn das Buch mit 31 Zeichnungen aus der Zeit als in der Allgäuhalle eine KZ-Außenstelle war.

Kempten – Es sei „ein Fund von großer historischer Bedeutung“ hatte Oberbürgermeister Thomas Kiechle im November 2017 gesagt, als zwei Hefte mit zeichnerischen Erinnerungen aus der Gefangenschaft im Dachauer KZ-Außenlager Kempten präsentiert wurden. Vergangene Woche konnten die Zeichnungen in Form eines Katalogs vorgestellt werden und Kiechle bezeichnete es als „Glücksfall, dass wir ein Dokument haben, das uns in feiner Art die nationalsozialistische Geschichte Kemptens widerspiegelt“, aufbereitet für alle Altersgruppen. „Es lässt einen innehalten.“

Besagte Zeichnungen stammen aus dem Besitz des 1944/45 im KZ-Außenlager Kempten in der Tierzuchthalle inhaftierten französischen Häftlings Paul Wernet (1922-2016) aus Sarreguemines (Saargemünd) in Lothringen; Zeichnungen, die den Lageralltag widerspiegeln und Manches davon auch mit einem Augenzwinkern auf die Schippe nehmen. Angefertigt hatte sie allerdings nicht Wernet selbst, sondern ein vermutlich holländischer Mithäftling, möglicherweise ein Werbegrafiker. Der anonyme Zeichner hatte sich mit der exquisiten Dokumentation bei Wernet dafür – trotz des Risikos, bei Entdeckung die Todesstrafe zu erhalten – erkenntlich gezeigt, dass dieser ihn davor bewahrt hatte, wegen einer Beschuldigung zurück nach Dachau verlegt zu werden. Dass Wernet Gehör fand, hatte vermutlich mit seiner Tätigkeit als Dolmetscher zwischen den französischen Häftlingen und der Lagerleitung zu tun.

Die 31 Zeichnungen in zwei schmalen Heften sollten der Erinnerung dienen, erklärte Autor Markus Naumann, Lehrer und Historiker sowie Vorsitzender des Heimatvereins, weshalb sie (wie auch die daraus entstandene aufwändig gestaltete Publikation) mit „Souvenirs de captivité“ („Erinnerungen aus der Gefangenschaft“) übertitelt sind. Es gliedert sich in drei Teile, wie Naumann erläuterte, so dass es für eine breite Personengruppe interessant sei. Ein Teil richte sich an „historisch Interessierte“, ein weiterer an „historisch sehr Interessierte oder Wissenschaftler“ und der hintere Teil mit vor allem den Zeichnungen richte sich an „flüchtig Interessierte“. Der Katalog sei aber auch „als Erinnerungsbuch an die Leidtragenden zu verstehen“, so Naumann. Dass die Zeichnungen 2017 wieder an ihren Entstehungsort Kempten zurückgekehrt sind, ist den über mehrere Jahre beharrlichen Bemühungen Naumanns zusammen mit dem ehemaligen Mitarbeiter im Kemptener Stadtarchiv Dr. Dieter Weber zu verdanken. Sie hatten Wernet im Jahr 2012 sogar in Sarreguemines aufgesucht, um zu verhandeln, und hatten dabei auch die Geschichte des ehemaligen KZ-Häftlings erfahren, die ebenfalls Eingang in den Katalog gefunden hat.

Demnach war Wernet aufgrund seiner Tätigkeit in der Résistance in Rouen verhaftet worden und über Compiègne im Juni 1944 als politischer Häftling nach Dachau gekommen. Zwei Monate später wurde er in das KZ-Außenlager nach Kempten verlegt und blieb dort bis Kriegsende. Wie Naumann erzählte, habe Wernet die Zeichnungen bis ins hohe Alter in einem Koffer im Keller aufbewahrt und nur ab und an einmal hineingeschaut. Wie die Lagerzeit selbst, seien sie „für sein Leben eine Bürde“ gewesen, vor allem, nachdem er sie bei einem Treffen ehemaliger französischer Häftlinge Anfang der 1960er Jahre gezeigt habe und ihm einige vorgeworfen hätten, dass das KZ-Außenlager auf einigen Zeichnungen zu positiv dargestellt sei und die Lagersituation verharmlost würde. Wernet habe sich, so Naumann, deshalb zeitlebens bedroht gefühlt und erst 2012, im Alter von 90 Jahren durch die Auszeichnung mit dem höchsten französischen Verdienstorden „Chevalier de la Légion d’Honneur“ für sein Wirken in der Résistance rehabilitiert gefühlt.

Die Preisvorstellungen der Familie für den Erwerb der Hefte hätten die Verhandlungen dann noch einige Jahre in die Länge gezogen. 2016 schließlich konnten Heimatverein, unter ihrem damaligen Vorsitzenden Tilmann Ritter, und die Stadt Kempten die beiden Hefte erwerben. Die Zeichnungen aus einem Außenlager Dachau sind laut Naumann insofern etwas sehr Besonderes, als es „nur sehr wenige davon gibt“. Allerdings müsse man bei dem „authentischen Blick“ auf den dortigen Alltag berücksichtigen, dass der Blick eines in der Regel besser gestellten französischen Häftlings ein anderer sei, als z.B. der eines osteuropäischen Häftlings. Die vorliegenden Zeichnungen zeigen somit nur den Weg der französischen Häftlingstruppe, zu der der Zeichner Zutritt bekommen hatte; beginnend mit ihrer Ankunft im Juli 1944 im KZ Dachau, der Verlegung am 3. August nach Kempten (es war der Tag des großen Bombenangriffs in Kempten, an dem 300 französische KZ-Häftlinge, darunter Paul Wernet angekommen waren), dann die Arbeit in Arbeitskommandos, das Antreten auf dem Appellplatz unter dem Denkmal mit Stier Roman, Strafmaßnahmen durch die SS-Lagerführung bis zu Entlausungsaktionen oder auch Beschäftigungen in der freien Zeit.

Wie Naumann erläuterte, zog im Frühjahr 1943 die Helmut Sachse KG in die Gebäude der Spinnerei und Weberei, um für BMW Rüstungsgüter zu fertigen. Die Häftlinge sollten dafür zunächst die Webstühle ausbauen und seien anfangs auch im hinteren Bereich der Sheddachhalle einquartiert gewesen, im April 1944 aber in die damalige „Tierzuchthalle“ (heute „Allgäuhalle“) umgezogen. Durchschnittlich sei der Ort mit 500, in Spitzenzeiten mit bis zu 700 männlichen Häftlingen belegt gewesen. In der Haupthalle seien KZ-Häftlinge aus Belgien, Deutschland, Italien, Jugoslawien, den Niederlanden, Österreich, Polen, der Tschechoslowakei, Spanien und der Sowjetunion untergebracht gewesen, in der Südhalle über 300 Franzosen. Die meisten KZ-Insassen in Kempten waren Naumann zufolge als politische Gegner der Nationalsozialisten inhaftiert. Wie er immerhin versichern konnte: „Vorsätzliche Tötungen im KZ-Außenlager Kempten sind nicht belegt.“ Auch zum Hintergrundwissen findet der/ die tiefer interessierte Leser/ in im druckfrischen Katalog wertvolle Informationen.

Eine Auswahl der 31 Zeichnungen sind im Kempten-Museum im Zumsteinhaus zu sehen. Sie sollen als Grundlage für Schüler-Workshops dienen, wie Museumsleiterin Dr. Christine Müller-Horn sagte. Zusammen mit Kulturamtsleiter Martin Fink hat sie das Vorwort zum Katalog geschrieben. Unter anderem heißt es darin: „Die Wahrnehmung eines menschenverachtenden Systems als von außen diktiert und fern der lokalen Lebenswelt verschiebt sich mit den nun publizierten Exponaten plötzlich mitten ins Herz der Stadt. Sich bewusst zu machen, dass auch Kempten ein Teil des KZ-Systems war, gewinnt in jüngster Zeit in beunruhigender Weise an Bedeutung, angesichts relativierender Äußerungen gegenüber der Zeit des Nationalsozialismus und der eigenen Verantwortung sowie einer spürbar sinkenden Hemmschwelle für fremdenfeindliche und antisemitische Äußerungen und Taten.“ Gestaltet wurde das 124 Seiten starke Buch, das in der Reihe „Kataloge und Schriften der Museen der Stadt Kempten (Allgäu), Bd.27“ von Volker Babucke vom Likias-Verlag Friedberg. Der Autor Markus Naumann analysiert alle Zeichnungen und stellt sie in den historischen Kontext. Dr. Michaela Haibl lektorierte den Text als ausgewiesene Expertin für die im Konzentrationslager entstandene Kunst.

Christine Tröger

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