Ein Leben für die Musik

50 Jahre Verband Bayerischer Sing- und Musikschulen mit einem Festakt in Kaufbeuren und Kemptener Erinnerungen

Bernd Sibler, Bayerns Minister für Wissenschaft und Kunst, hält hinter einem Rednerpult vor einem schwarzen Vorhang eine Rede.
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Bayerns Minister für Wissenschaft und Kunst Bernd Sibler.

Kaufbeuren/Kempten – Der Bayerische Musikschultag stand in diesem Jahr unter dem Motto „50 Jahre VBSM“ (Verband Bayerischer Sing- und Musikschulen).

Gefeiert wurde vom 22. bis 24 Oktober in Kaufbeuren, wo unter dem Festmotto „Ein Leben für die Musik“ gleich zwei Jubiläen begangen wurden: Das 100-jährige Bestehen der Ludwig Hahn Sing- und Musikschule sowie 50 Jahre VBSM, zu dessen Gründungsmitgliedern Ludwig Hahn gehörte. Der Jubiläums-Festakt in Verbindung mit der Verleihung der Carl-Orff-Medaille (COM) fand bereits im Oktober statt. Dazu hatte sich im Stadtsaal ein handverlesenes hochrangiges Publikum mit Vertretern aus Politik, Kultur und Medien eingefunden. Auch zwei Kemptener haben am Werden des Verbands Bayerischer Sing- und Musikschulen erheblich mitgewirkt – dazu später.

Ursprünglich war Ministerpräsident Dr. Markus Söder als Festredner im Programm angekündigt, hatte seine Teilnahme jedoch absagen müssen. Er wurde von Bernd Sibler, dem Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, vertreten, der die Musikschulen seit langem nach Kräften unterstützt. Sibler unterstrich die Bedeutung einer fundierten und qualitätvollen musischen Bildung für die Prägung von Herz und Charakter. Das sei ein hoher erzieherischer und demokratischer Auftrag und habe nicht nur funktionale Gründe. Musik lasse uns – wie Mediziner bestätigten – besser lernen oder wirke befreiend, aber vor allem sei Kunst Freude fürs ganze Leben. „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ (Dieses Zitat von Pablo Picasso bezog sich zwar auf die Malerei, es gilt jedoch auch für alle anderen Kunstformen, Anm. d Red.). Somit sei eine Musikschule auch „eine große Waschanlage“. Das Wachstum des Verbandes in den letzten 50 Jahren von anfänglich 67 bis zu heute 219 Musikschulen, der Anstieg von 35.000 auf 210.411 Schülern zeigt deutlich, welch große Nachfrage – trotz Konkurrenz von PC und Smartphone – besteht. Dem trägt das Land mit wachsenden staatlichen Zuwendungen Rechnung: Waren es 1970 noch 95.000 DM im Jahr, so sind es inzwischen rund 18,9 Millionen Euro. Derzeit, so Sibler, gebe es im Landtag erfolgreiche und konstruktive Gespräche zur Hilfe für die Kunst- und Kulturszene, um Kulturstrukturen am Leben zu erhalten.

Neben Kaufbeurens Oberbürgermeister Stefan Bosse, er bezeichnete aktives Musizieren als „eine der großen Bereicherungen des Lebens und gleichzeitige Seelenbildung“, kam auch Dr. Thomas Goppel, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst a. D. und Träger der Carl-Orff-Medaille von 2005, zu Wort. Er wünschte sich eine flächendeckende Verteilung der Musikschulen, damit, wie es der Erdinger Landrat und VBSM-Präsident Martin Bayerstorfer formuliert hatte, „jedes Kind bezahlbaren Zugang zu einer Musikschule in erreichbarer Nähe hat“. Gleichzeitig kündigte Goppel an, dass eine weitere große staatliche Förderung der Kulturschaffenden ins Haus stehe.

Höhepunkt der Veranstaltung war die feierliche Verleihung der Carl-Orff-Medaille als höchste Auszeichnung des Verbandes an Reinhard Loechle (Jahrgang 1947). 1978 fand auf seine Initiative hin der 1. Bayerische Musikschultag in Erding statt. Von Anfang an bis zu seiner Pensionierung Schulleiter der Kreismusikschule Erding e. V. sowie langjähriges Vorstandsmitglied und Ehrenmitglied des VBSM, stand nie „an vorderster Front“. Er hätte sich jedoch, wie er sagte, „bei Not am Mann“ nicht verweigert. „35 Jahre lang brachte er sich kontinuierlich ein als Ideengeber, Pionier, Dienstleister und innovativer Geist“, hieß es in der Laudatio von VBSM-Präsident Bayerstorfer. Die Erdinger Musikschule sei dank Loechle im Laufe der Jahre zu einer „zweiten Heimat“ für den VBSM geworden.

Kempten und der VBSM

Dem Anlass angemessen ist zum 50. Jubiläum des VBSM eine über 190 Seiten starke Festschrift erschienen, die sich mit der Verbandsgeschichte beschäftigt. Einer, der darin im Rahmen eines Interviews zu Wort kommt, ist Kemptens Alt-Oberbürgermeister Dr. Josef Höß, erster Präsident des VBSM und heute Ehrenpräsident. Unter anderem schildert er darin das auch für ihn „eindrucksvolle Erlebnis“, im Rahmen der Etablierung der Carl-Orff Medaille deren berühmten Namensgeber „persönlich zu erleben, zumal bei sich zuhause, in seiner kernigen, bestimmten, urwüchsigen und uneitlen Art, und das Ergebnis, das wir nicht zu hoffen gewagt hatten“.

Aber auch drei Persönlichkeiten aus dem Team während seiner Präsidentschaft hebt er besonders hervor: Neben dem heuer geehrten Reinhard Loechle und dem Geschäftsführer und Leiter der Beratungsstelle des Verbandes Werner Mayer aus Weilheim ist dies vor allem Karl Faller, damaliger Rektor der Kemptener Sing- und Musikschule. Faller sei für ihn der „einfühlsamste, sensibelste und feinfühligste Sing-Lehrer für Kinder aller Altersstufen“ gewesen, zollt Höß ihm großen Respekt. Wie er in einem gesonderten Gespräch mit dem Kreisboten betont, ist es dem VBSM-Ehrenpräsidenten ein Anliegen, die Verdienste um die Sing- und Musikschule des 2017 im Alter von 91 Jahren verstorbenen Weggefährten, gewürdigt zu wissen. Mitte der 1970er Jahre habe Faller ihm in einem „Brandbrief“ die drastische Raumnot der Singund Musikschule geschildert, der damals kein Gebäude für ihr Unterrichtsangebot zur Verfügung gestanden habe. Vielmehr habe der Unterricht in Räumen über die ganze Stadt verteilt stattfinden müssen und zwar „in circa 20 verschiedenen Schulzimmern“ und auch der Kohlenkeller in der Schwaigwiesschule habe als schnell verfügbarer Ausweichort herhalten müssen.

Nach einer schwierigen wie langwierigen Suche sei man mit der alten fürstäbtlich-stiftskemptischen Stiftsmälzerei schließlich fündig geworden. Die schon lange nicht mehr genutzte „Denkmals-Ruine“ habe die Stadt 1976 vom Allgäuer Brauhaus übernommen. Es sei dann aber eine Herausforderung gewesen, „eine der Kultur/der Musik im weitesten Sinn dienende Schule in ein Gebäude einzupassen“, dessen äußere und innere Struktur keiner baulichen oder schulrechtlichen Norm entsprochen habe. „Das war unser Glück“, ist Höß sich im Nachhinein sicher.

Immerhin sei das Gebäude „in gutem Zustand“ gewesen, frei von kleinteiligen Formationen, die unbedingt hätten erhalten werden müssen. Aber Gestaltungswille und Phantasie seien gefragt gewesen und „über beides verfügten wir in hohem Maße“, sagt Höß überzeugt. Zum einen sei da der „gewitzte, pfiffige, hintersinnige typische Allgäuer, zugleich ein begabter Allgäuer Mächeler“, Karl Faller gewesen, der in diesem „völlig fremden Gebäudegerüst“ ein Raumprogramm für eine alle Bedürfnisse befriedigende Musikschule erarbeitet habe; dazu die städtische Sanierungsgesellschaft, die zwar seit den 1960er Jahren mit Sanierungen vertraut gewesen sei, bis dato aber noch nie einen so komplizierten Sanierungsfall zu bewältigen gehabt habe sowie ein „äußerst aufgeschlossenes Baureferat“. Auch die politische Führung der Stadt habe „den Glücksfall“ zu nutzen gewusst: aufgrund des anhaltenden Konjunkturtiefs habe man den Bau nämlich „äußerst günstig finanzieren“ können, da Bund und Land ein sogenanntes Zukunfts-Investitionsprogramm aufgelegt hatten.

Im Mai 1981 schließlich konnte die Stiftmälzerei-Musikschule ihrer Bestimmung übergeben werden – ein ehemaliger Industrie-Zweckbau, in dem ein „originelles Schulgebäude entstanden“ sei, das noch heute rundum Anerkennung finde. Sein Meisterstück habe Karl Faller allerdings bei der von ihm allein erdachten Gestaltung des großen Konzert-Saales abgeliefert, der den Namen „Schöner Saal“ trägt.

Ingrid Zasche/Christine Tröger

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