Autostopp von der Stadt in die Provinz

Abenteuer Arbeitsweg: Per Anhalter zur Arbeit

+

Landkreis - Das CO2-Sparen ist in aller Munde und auch ich möchte tätig werden, anstatt mich meinem Dieselpendler-Schicksal hinzugeben. Diesmal probiere ich das Stoppen aus.

Meine Kolleginnen in der Redaktion frotzeln: „Du kannst ja Fotos machen von den Kennzeichen.“ 

Es ist Anfang März und das Corona-Virus grassiert noch in weiter Ferne. Ich trete gerade meinen zweiten Selbstversuch an. Ein paar Tage lang will ich versuchen, per Autostopp zur Arbeit zu gelangen. Über die Witze meiner Kolleginnen kann ich diesmal nicht wirklich lachen, denn langsam macht sich Unbehagen in mir breit. Gestoppt habe ich bisher nur selten, meist in Gruppen, mit mäßigem Erfolg. Ich kam mir immer wie ein lästiger Bittsteller vor. Nun soll es der Arbeitsweg sein. Vom Kemptener Stadtkern in die Ostallgäuer Provinz – eine Einöde bei Obergünzburg. Keine einfache Strecke.

Ich stelle mich auf einen langen Heimweg ein. Als Startpunkt habe ich mir den Berliner Platz ausgesucht. Von den 60.000 Autos, die dort täglich über die Kreuzung brausen, wird schon eines dabei sein, das mich mitnimmt. Nach einem 25-minütigen Spaziergang über den Illersteg und die Keckkapelle bin ich an meinem Posten vor der Ari-Kaserne angekommen. Ich stelle mich so, dass die Autos in der Busbucht hinter mir anhalten können. Dann geht‘s los: Tief einatmen, Daumen hoch und lächeln. 

Die ersten Autos fahren an mir vorbei. Manche tun so, als sehen sie mich nicht. Andere sehen mich an und fahren weiter. Das Handy lasse ich stecken und verzichte auf das Abfotografieren der Kennzeichen. Schließlich will ich ja niemanden verschrecken. Die nächste Autokolonne an der Ampel rollt los – und an mir vorbei. Ich schaue den Fahrern in die Augen. Keine Reaktion. Immer wieder drehe ich mich um, um die Busbucht im Auge zu behalten.

Schon wieder sind zehn Autos an mir vorbei. Na, das kann ja heiter werden! Zum Glück geht es gleich weiter. Ich hebe meinen Daumen nur noch bei OAL- und OA-Kennzeichen. Die Kemptener fahren ja wahrscheinlich nicht nach Obergünzburg. Und tatsächlich, eine Autofahrerin nickt mir zu und hält an. Ich jogge zum Auto. Juhu!, bis Börwang kann mich die Fahrerin mitnehmen. Es ist Anne aus Haldenwang. „Ich halte gern bei Stoppern an“, erzählt mir die 40-Jährige, „schließlich habe ich mich früher auch gefreut, wenn ich mitgenommen wurde.“ 

Anne ist selbst eine zeitlang in die Schule gestoppt. Da kennt man die Leute schon. „Ich hatte eine Fahrgelegenheit, mit der konnte ich länger liegenbleiben, als wenn ich den Bus genommen hätte.“ Würdest du jeden mitnehmen? Anne überlegt. „Nein, Männer würde ich wahrscheinlich nicht mehr mitnehmen. Früher habe ich das schon getan.“ Wir fragen uns, warum heute niemand mehr stoppt. Anne meint, man hört aus den Nachrichten aus aller Welt, was alles dabei passieren kann. In der Konsequenz werden die Jugendlichen überallhin gefahren. Für eine tiefere Analyse haben wir keine Zeit. In Börwang ist das nette Gespräch beendet. Ich bedanke mich, steige aus und stelle mich wieder vor die Bushaltestelle. 

Das hat ja gut geklappt, aber beim nächsten Auto versuche ich, mir das Kennzeichen zu merken und sicherheitshalber gleich per Whats App an jemanden zu schicken. Kaum habe ich diesen Gedanken zuendegedacht, hält schon ein Auto. Ich freue mich so sehr, dass ich das Kennzeichen ganz vergesse. Tobi heißt der Fahrer und will mich nach Obergünzburg mitnehmen. Auch er ist früher oft gestoppt und hat mich deshalb mitgenommen. Er meint, dass das Stoppen mittlerweile in Verruf geraten und gefährlich ist. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er eigentlich nach Hopferbach muss und mich auch nach Hause fahren kann. So ist auch die schmale Strecke von Einödshof zu Einödshof kein Problem. 

Was für nette Leute man doch trifft! Und auch meinen Mann und seine Familie kennt der 39-Jährige. Ich habe also eine neue Bekanntschaft gemacht. Etwas mehr als eine Stunde war ich nun unterwegs. Keine schlechte Bilanz, wenn man bedenkt, dass die Autofahrt manchmal eine halbe Stunde dauert. Den ganzen Abend bin ich noch euphorisiert von meinem Erfolg und den netten Gesprächen, die ich geführt habe. Gleich am nächsten Morgen will ich die Schwierigkeit erhöhen und versuchen, wie gut man per Daumentaxi von der Einöde nach Kempten gelangt: Um 7.30 Uhr schlendere ich also vom Haus in Richtung Obergünzburg. Ich hauche Dampfwolken in die Luft. Hoffentlich kommt bald ein Auto, denn auf Höhe der Serpentinen möchte ich als Fußgänger ungern marschieren. Dort im Wald ist es für Autos auch ungünstig, anzuhalten. Ich verlangsame also mein Tempo, balanciere auf der Straßenmarkierung.

Die Sonne zeichnet Leuchtflecken an den wolkigen Himmel. Aus dem Hühnerhaus höre ich ein fröhliches Gackern. Da – ein Auto! Ein Pick Up rauscht vorbei. Enttäuschung macht sich breit. Aber der hinter ihm fahrende BMW hält abrupt an. Ich versuche diesmal mir das Kennzeichen zu merken, um es zu meiner Sicherheit gleich an meinen Mann zu senden. Aber ich will den Fahrer nicht überauffällig lange warten lassen und lasse die Sicherheitsmaßnahme also doch sein. „Soll es nach Obergünzburg gehen?“ Ja, soll es. Der Fahrer ist geschätzt Mitte 40, kommt aus Ollarzried und heißt Stefan. Er ist tätowiert und auf seinen Fingern prangen zackige Buchstaben. 

Stefan weiß, wie es ist, zur Arbeit zu Fuß zu gehen. Deswegen hat er mich mitgenommen. „Hast du auch gestoppt?“, frage ich ihn? „Nein – mich nimmt niemand mit“, sagt er und lacht. Auch er findet das Stoppen gefährlich. Mehr Zeit zum Reden haben wir nicht. Schon ist die kurze Fahrt vorbei. In Obergünzburg stelle ich mich an die Ausfallstraße Richtung Kempten. Sofort hält ein Handwerker hält an, er fährt aber nur bis Untrasried, sagt er. Ich lehne also ab und wende mich der Autoschlange zu, die sich hinter seinem Auto gebildet hat. 

Der Über-Übernächste Wagen nimmt mich mit. Echt toll, wie das flutscht! Es ist Stefan Nummer 2 an diesem Morgen, auch er geschätzt Mitte-Ende 40, kommt aus Kaufbeuren und arbeitet bei Dachser. Wie fast alle meine Fahrgelegenheiten findet er das Stoppen gefährlich. „Mein Vater hat früher jeden mitgenommen, bis im Ort einmal eingebrochen wurde. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er wohl den Dieben zur Flucht verholfen hatte. Seither nimmt er niemanden mehr mit.“ Stefan 2 lässt mich am C+CMarkt aussteigen und ich trete den Spaziergang in Richtung Stadtmitte an. Mittlerweile ist es 8.05 Uhr. Eigentlich könnte ich noch weiterstoppen, aber das kommt mir stadteinwärts komisch vor. Ob ich mir ein Schild basteln soll? Die Atemluft lädt auch nicht gerade zum Fußmarsch ein. Andererseits genieße ich auch die ungewohnte Perspektive. Unter den kahlen Büschen leuchten Schneeglöckchen, Krokusse und Märzenbecher mit Plastikbechern und Folienfetzen um die Wette. In den Büschen hüpfen Spatzen von Ast zu Ast. Ich gehe also weiter. Nach 25 Minuten komme ich erfrischt im Büro an. Insgesamt hat der Weg zur Arbeit rund eine Stunde gedauert. Bei meiner nächsten StoppAktion schaffe ich es endlich, mir das Kennzeichen zu merken. 

Es ist Adriana, eine Werksstudentin, die bis Leubas fährt. Sie hält grundsätzlich nur bei Frauen an und bringt mich auf einen Gedanken, den ich bisher fahrlässig ignoriert habe: Was tue ich, wenn jemand anhält, bei dem ich nicht einsteigen will? Am besten wäre es, ehrlich nein zu sagen. Ob ich das in der Situation dann auch fertigbringen würde? Oft überwiegt erst einmal die Freude, wenn jemand anhält. Wenn die Corona-Pandemie abgeflaut ist, will ich manchmal per Anhalter fahren. 

Allerdings darf das Tagesprogramm in der Arbeit nicht zu straff sein, sonst habe ich den Kopf nicht frei genug. Auch das Wetter muss passen. Was aber auf jeden Fall besser werden muss, sind die Sicherheitsvorkehrungen. Das heißt, Kennzeichen merken und vielleicht noch einen Pfefferspray kaufen. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Autofahrer sich über Unterhaltung freuen. Und auch ich habe meine Mitfahrten immer beschwingt beendet. Schiefgehen darf da allerdings nichts. Meine Erfahrungen beim Busfahren Anfang des Jahres gibt es übrigens unter „Busfahren im Allgäu - ein Selbstversuch“ noch nachlesen.


Susanne Lüderitz

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gespannte Vorfreude beim Auftakt im Neubaugebiet Halde-Nord
Gespannte Vorfreude beim Auftakt im Neubaugebiet Halde-Nord
Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Serie Beauftragte des Stadtrats 2020 - 2026 Stephan Prause (CSU): Beauftragter für Menschen mit Behinderung
Serie Beauftragte des Stadtrats 2020 - 2026 Stephan Prause (CSU): Beauftragter für Menschen mit Behinderung
Baupläne für Halde Nord, Memminger Straße und Gerhardingerweg
Baupläne für Halde Nord, Memminger Straße und Gerhardingerweg

Kommentare