"Abgehängt" in Heiligkreuz

Kulturverein zeigt sich enttäuscht und von der Stadt im Stich gelassen

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Der frisch gewählte Vorstand des Kulturhaus Heiligkreuz e.V.: (hinten v.l.) Bernd Probst (Schriftführer), Martin Hahn (Beisitzer), Konrad Mendler (Beisitzer), Bärbl Gruhl (Kassier) und vorne Bea Kammerlander (Stellvertretende Vorsitzende) sowie Wolfgang Meyer-Müller (Vorsitzender). Auf dem Bild fehlt Beisitzerin Anne Halder.

Kempten – „Wir haben schon das Gefühl, dass wir hier ein bisschen abgehängt sind“, sagte Bernd Probst vom Kulturhaus Heligkreuz e.V. schon vor Beginn der Hauptversammlung gegenüber dem Kreisboten. Damit brachte er das vorherrschende Grundgefühl der Anwesenden zum Ausdruck.

Nach Abbruch des „Oberen Wirts“ und dem dort für Veranstaltungen genutzten Saales setzt sich der Verein hartnäckig dafür ein wieder Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen in der Gemarkung St. Lorenz zu bekommen. Knapp 3000 Menschen leben aktuell in der Gemarkung, rund 1000 kommen nach Schätzung Probsts mit dem geplanten Neubaugebiet dazu und nochmals so viele durch die Bebauung Halde Nord. Das entspreche der Größe von beispielsweise Wildpoldsried. Dort gibt es das „Kultiviert“. 

Noch drastischere Worte fand Vereinsvorsitzender Wolfgang Meyer-Müller, der meinte, „ich denke, wir sind kein Teil von Kempten“ und auf die Stelen am Dachser-Kreisel als „Einfahrt in die Stadt“ verwies. Er kritisierte die schlechte Busanbindung und dass „wir Fernzuschlag zahlen, obwohl wir zur Stadt gehören“. Auf dem offiziellen Stadtplan seien nur 20 Prozent der Gemarkung eingezeichnet, der Rest verschwinde hinter Werbung, über Baumaßnahmen werde man nur unzureichend informiert und Planungen seien „weder bürgerfreundlich noch zukunftsorientiert“. Vor allem aber habe man „nach wie vor keinen Ort der Begegnung“, prognostizierte er ein mögliches Vereinesterben im Ort und fragte, ob man die Leute, die herziehen, via Dating-App „tindern“ solle, um sie kennenzulernen. 

Die von 3. Bürgermeister Josef Mayr ins Feld geführten Maßnahmen, für die bereits 9,9 Millionen Euro im Haushalt eingestellt seien, besänftigten Meyer-Müller da kaum. Das seien „Pflichtinvestitionen“. 

Aus Sicht Mayrs hat die Stadt dagegen „einen guten Weg gefunden“, das neu zu gestaltende Dorfzentrum gemeinsam mit den Vereinen, „zu einem Gesamtkonzept“ zusammenzuführen. Nach dem Neubau des Kindergartens und Maßnahmen im schulischen Bereich steht an dritter Stelle die Sporthalle, die „in einem Multifunktionsrahmen“ auch der Kultur Raum bieten soll. Sobald das Raumprogramm vorliege, „wird der Beteiligungskreis wieder eingeladen“, voraussichtlich im März, kündigte er an. Er lobte das Engagement des Kulturvereins, mahnte zugleich aber „Eigenleistungen“ der Vereine an, wie auch andernorts üblich. Und was den Informationsfluss betreffe, habe es öffentliche Anhörungen zur Gestaltung des Heiligkreuzer Südens gegeben, die man halt auch wahrnehmen müsse.

Meyer-Müller hatte seine Zweifel, ob das mit dem „Multi“ so funktionieren werde, da die Halle „vor allem für den Schulsport“ und die Mitnutzung nur als kleiner Teil gedacht sei. Für eine Veranstaltungsplanung sei aber freie Verfügung der Halle von Donnerstag bis Sonntag nötig, eine Bühne müsse auch aufgebaut bleiben können und noch manches mehr. Ihm schwebte als Vorbild Deuchelried bei Wangen vor, das mit gerade einmal 1600 Einwohnern ein Dorfgemeinschaftshaus mit Bühne, Duschen und einem Wirt habe. 

Eine Chance gab er der angedachten Multifunktionshalle aber dennoch, wollte dafür aber „die Garantie von der Stadt“, dass die alte Halle „erhalten bleibt“. So könne der TSV, wie von ihm zugesagt, dort ebenfalls trainieren und müsse die Mehrzweckhalle nicht immer belegen. Als rhetorische Frage stellte er, „welchen Wert haben die Menschen in der Gemarkung St. Lorenz für die Stadt?“ in den Raum und zitierte abschließend aus der Antrittsrede von OB Thomas Kiechle am 8. Mai 2014: „Entscheidungen, die wir heute treffen, müssen auch in Zukunft Bestand haben können. Innerhalb einer Gemeinschaft steht aber immer der Mensch im Mittelpunkt. Bei allen Fragen, die uns leiten, scheint es doch immer so zu sein, dass es immer um den Menschen geht, um die Beweggründe seines Handelns.“ 

So gehe es „Jahr für Jahr“ schimpfte Josef Kammerlander über die „fast wortwörtlich“ gleichen Reden von Mayr und Meyer-Müller wie im Jahr zuvor. Auch die „gegenseitige Beweihräucherung“ erachtete er als „nicht fruchtbar“. Die Heiligkreuzer seien „immer die letzten, die an die Reihe kommen“. Vor allem hätten Schulen und ein Kindergarten mit einem Kulturverein „nichts zu tun“, sondern seien „Aufgaben“ der Stadt, polterte er gegen den Vortrag des Bürgermeisters im Rahmen der Hauptversammlung des Kulturvereins. „Ich bin enttäuscht von der Stadt“, verkündete er „keine Motivation und Lust“ mehr zu haben, seine Energie in etwas zu stecken, „das völlig sinnlos ist“. Nach seinem Empfinden komme das Kulturhaus dort nämlich gar nicht vor. 

Ein etwas erschüttert wirkender Bürgermeister Mayr versicherte, dass die Stimmung im Stadtrat zur Neugestaltung Heiligkreuz „das genaue Gegenteil“ von dem sei, was er hier höre. Er bat darum, „nicht an den 9,9 Millionen Euro festzuhalten“, da erst das Raumprogramm stehen müsse. Und, konnte er zumindest in diesem Punkt beruhigen, „die Planungen sind so, dass die alte Halle erhalten bleibt“. Unbeantwortet blieb die Frage von Michael Klein nach der Höhe des Budgets für das Kulturhaus. 

Meyer-Müller möchte im Rahmen einer Podiumsdiskussion u.a. mit städtischen Vertretern die Frage „Was bedeutet ein Dorfgemeinschaftshaus für die Gesellschaft?“ klären. 

Bei so viel Diskussionsbedarf gingen der Rückblick auf ein – zum Teil Dank Bereitstellung privater Räume – veranstaltungsreiches Vereinsjahr sowie die Vorstandswahlen fast ein bisschen unter. Einstimmig bestätigt wurde Wolfgang Meyer-Müller als Vorsitzender des rund 130 Mitglieder zählenden Vereins.

Christine Tröger

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