Gebirgssanitätsregiment 42 der Bundeswehr wird zum Jahresende aufgelöst

Abschied mit Wehmut

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Begleitet von Oberstarzt Dr. Thorsten Schütz (li.), Kommandeur des Standortes Dornstadt und dem Regimentskommandeur Oberstleutnant Patrick Wagner (re.), nimmt OB Thomas Kiechle ein letztes Mal die Parade auf dem Hildegardplatz ab.

Kempten – Am vergangenen Donnerstagvormittag machte sich die Bundeswehr in Kempten ein letztes Mal bemerkbar. Bei einem feierlichen Auflösungsappell auf dem Hildegardplatz wurde das Gebirgssanitätsregiment 42 zum 31. Dezember außer Dienst gestellt. Eine über 200-jährige Tradition Kemptens als Bundeswehrstandort geht damit zu Ende.

Bereits im Jahr 1807 wurde Kempten Garnisonsstadt, die fortan verschiedene Truppenteile des Heeres beheimaten sollte. Zur damaligen Zeit wurden die militärischen Verbände noch im ehemaligen Marstall und im Nordtrakt der ehemals fürstäbtlichen Residenz untergebracht. In den Jahren 1921 bis 1934 wurde das III. Gebirgs-Bataillon gebildet, das Kemptens Ruf als, „Wiege der Gebirgstruppe“ begründete. Im Jahre 1937 wurde die Artillerie-Kaserne am heutigen Berliner Platz erbaut, in die 1970 das Gebirgssanitätsbataillon einzog. Dieses wurde nach Zusammenlegung mit anderen Einheiten im Jahre 1996 in das Gebirgssanitätsbataillon 8, später Gebirgssanitätsregiment 42, umbenannt. 15 Jahre später wurde dann das Schicksal des letzten in Kempten stationierten Verbandes der Bundeswehr besiegelt. Das Sanierungskonzept aus dem Jahr 2011 sah die Schließung des Standortes Kempten zum Ende des Jahres 2015 vor. Demnach bleiben von den einst 800 Arbeitsplätzen lediglich fünf in einem Rekrutierungsbüro in der Innenstadt erhalten. „Das ist eine schlechte Nachricht und ein schwerer Schlag für uns“, so drückte es der damalige Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer aus. Auch für die Angestellten der Bundeswehr hieß es allmählich vom liebgewonnenen Standort inmitten des Allgäus Abschied zu nehmen und sich mit dem neuen Standort Dornstadt bei Ulm anzufreunden.

Jetzt kam es am vergangenen Donnerstag in Kempten zu einem öffentlichen Auflösungsappell auf dem Hildegardplatz, zu dem neben Oberbürgermeister Thomas Kiechle, Landrat Anton Klotz, Stadträten der Stadt Kempten, dem Regimentskommandeur des Gebirgssanitätsregiments 42 „Allgäu“ Oberstleutnant Patrick Wagner und dem Kommandeur des zukünftigen Standortes, Oberstarzt Dr. Thorsten Schütz, auch viele Mitbürger und Angehörige von Bundeswehrangestellten erschienen. Den musikalisch, feierlichen Rahmen setzte das Gebirgsmusikkorps aus Garmisch-Patenkirchen unter der Führung von Oberstleutnant Kriner.

Wo es sich gut lebt, da dient man mit Freude

Beim letzten großen Appell des Gebirgssanitätsbataillon 42 „Allgäu“ wurde schnell deutlich, niemand der Betroffenen sagt frohen Herzens „Ade“. In den vielen Jahren des stets verträglichen und respektvollen Miteinanders des bürgerlichen Kemptens mit „seiner Bundeswehr“ ist eine tiefe, emotionale Bindung entstanden. Die militärischen Einheiten Kemptens fristeten kein isoliertes Dasein hinter Schlagbaum und hohen Kasernenmauern, sondern sie waren immer im öffentlichen Leben der Allgäu-Metropole präsent und gesellschaftlich anerkannt. Da fällt es schwer diese Beziehung zu kappen und den Blick auf neue Ufer zu richten. Das betonte auch OTL Wagner in seiner Ansprache. „In kaum einem anderen Verband habe ich es erlebt, dass sich die Angehörigen derart mit ihrem Regiment identifiziert haben, wie es hier der Fall war“, sagt OTL Wagner und fügt an die Bürger Kemptens gerichtet hinzu: „Eingebettet in eine wunderschöne Landschaft, umgeben vom Wohlwollen und Akzeptanz in der Bevölkerung war Kempten und das Allgäu für viele ein Wunschstandort, der den fruchtbaren Boden für eben jene Leistungsfähigkeit gebildet hat.“ Aber auch leise Zweifel kommen beim Regimentskommandeur auf, wenn er vom nahen Standortwechsel vom einzig „gebirgsbefähigten“ Standort Kempten ins württembergische Dornstadt spricht. „Anstehende Umzüge, Langstreckenpendeln, infrastrukturelle Probleme am neuen Standort und der Verlust der prestigeträchtigen Gebirgsbefähigung“, all das seien nicht nur für den führenden Regimentskommandeur gute Gründe an der Richtigkeit der getroffenen Entscheidung zu zweifeln. Und so stellte OTL Wagner in seinen Ausführungen die Frage, „ob man nicht zu schnell die einzigartige sanitätsdienstliche Gebirgsbefähigung geopfert hat, um sie anschließend wieder mühselig und langwierig aufbauen zu müssen?“ Als Soldat aber füge sich der Regimentskommandeur dem Primat der Politik, wie er es selbst sagt. „Aktiv – Attraktiv – Anders“, das ist das griffige Postulat, das Marketing-Mantra, einer erneuerten Bundeswehr. OTL Wagner vermisse für die Seinen darin ein wenig die „Attraktivität“, die sich aus seiner Sicht nicht allein mit Flachbildschirmen und neuen Kühlschränken auf den Stuben generieren lässt, sondern Vernunft gesteuerte Standortreue über Zusammenlegung um jeden Preis stellt.

Dann ist es für OB Thomas Kiechle so weit, die letzten Grußworte eines Stadtvorderen an Mitglieder der Bundeswehr zu richten. „Ich verhehle es nicht, dass es mir nahe geht, wenn ich derjenige bin, der heute die Auflösungsurkunde entgegennehmen muss“, spricht Kiechle ins Mikrofon. Er schlägt einen Bogen von den vor 205 Jahren in der damaligen Schlosskaserne in der Residenz erstmals untergebrachten Soldaten bis hin zum Gebirgssanitätsregiment 42 „Allgäu“, das an diesem Tage und an selber Stätte aufgelöst wird. Er erinnert nochmals an die auch außerhalb ihrer militärischen Aufgaben erbrachten Leistungen der in der Allgäu-Metropole stationierten Soldaten, wie bei Hochwasserkatastrophen, beim Einsturz der Leubasbrücke im Jahre 1974 und bei der Beseitigung so mancher Schneemassen. „Was ich, was sicher viele von Ihnen dabei empfinden, wenn heute die ‚Militärtradition in Kempten‘ zu Ende geht, ist ein großes Stück Wehmut. Aber wir müssen die Auflösung hinnehmen, sie ist nicht umkehrbar“, so die nahezu letzten Worte von Kiechle an Vertreter der Bundeswehr. Er aber versichert den scheidenden Soldaten, dass die Erinnerung an die Zeit mit ihnen von der Stadt Kempten wachgehalten wird. Zusammen mit dem neu gegründeten Traditionsverband der Ehemaligen und Freunde des Standorts Kempten arbeite die Stadt daran, die Geschichte des Militärstandortes im neuen Museumskonzept entsprechend darzustellen und sie so zu erhalten.

Jörg Spielberg

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