Adieu Christoph 17

Abschied nach zusammen 120 Jahren im Dienst des Rettungshubschraubers

Eingespieltes Team des Rettungshubschrauber Christoph 17 mit Gerhard Zipperlen, Lutz Menthel, Ernst Horling und Nikolaus Felder
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Ein eingespieltes Team nimmt nach zusammen 120 Dienstjahren Abschied vom Rettungshubschrauber Christoph 17 (hier auf einem Gemälde von Bernadette Mayr): (v.l.) Gerhard Zipperlen, Lutz Menthel, (vorne) Ernst Horling und Nikolaus Felder.

Kempten/Durach – „Einweihung der Station durch Innenminister Baum. Während der Einweihungsfeierlichkeiten erfolgte der erste Luftrettungseinsatz mit der Besatzung Hermann Wegener, Dr. Dietrich Wörner und Manfred Wille.“ So steht es unter dem Datum des 16. September 1980 in der Chronik des Rettungshubschraubers Christoph 17 (www.christoph17.de), der einen Tag zuvor zum ersten Mal an der Luftrettungsstation am Klinikum (damals noch Stadtkrankenhaus) in Kempten gelandet war. Über 30 Jahre lang war er dort stationiert, bevor er am 1. Mai 2012 in die Interimsstation am Flugplatz Durach umziehen musste. Im Dezember 2018 schließlich konnte der Hangar am jetzigen Standort in Durach nach sechs Jahren Planungs- und einem Jahr Bauzeit eingeweiht werden. Prinzipiell wird von dort aus ein Radius von rund 50 Kilometern abgedeckt. Auf zusammen 120 Dienstjahre im Zivilschutz-Hubschrauber Christoph 17 bringen es vier Notfallmediziner, die sich diesem Dienst mit Leib und Seele verschrieben haben bzw. hatten: Nikolaus Felder, Ernst Horling, Gerhard Zipperlen und Lutz Menthel. Sie sehen die Zeit gekommen, Platz für den Nachwuchs zu machen.

Die Erinnerungen sprudeln während des gemeinsamen Gespräches nur so heraus und reichen von Fachtermini bis Anekdoten. Anders als zu seinem Einstieg beim Rettungshubschrauber, sei die „Zahl der Bewerber hoch“, um die jetzt frei werdenden Posten neu zu besetzen, sagt Menthel. Felder erinnert sich, dass er 1983 bei seiner Einstellung am Klinikum sogar unterschreiben musste, dass er auch Dienst im Rettungshubschrauber machen werde. Zustimmung erntet Zipperlen, als er von den wahrlich abenteuerlich anmutenden Anfängen im Rettungshubschrauber erzählt. „Am Anfang sind Teams im weißen Kittel und Sandalen in die Berge geflogen“, später dann immerhin in etwas festeren Maler-Overalls, denn „es gab keine Dienstkleidung“. So seien auch einfach Bundeswehr-Helme an sie weitergereicht worden. Leicht spöttisch erinnert sich Felder an die weiblichen Einsatzkräfte, die gelegentlich „in Pumps und im Sommerkleid“ mitgeflogen seien, und „bei Regen nicht aussteigen wollten“. Alles Schnee von gestern. „Vieles war noch Pionierarbeit“, sind sich die Vier einig, inzwischen „hat sich die Luftrettung schon sehr professionalisiert“.

„Notfallmedizin hat mich immer interessiert.“

Ernst Horling über die Motivation so lange dabeizubleiben.

So sei früher zum Beispiel die Versicherungsfrage während der Einsätze unklar und auch „die Denke“ der Ärzte eine andere gewesen, nach der in der Regel der Einsatz eines Sankas ausreichend gewesen sei, erklärt Felder. Für gemischte Gefühle in der Ärzteschaft dürfte auch die Tatsache gesorgt haben, dass der Dienst im Hubschrauber einst unter Krankenhaustätigkeit gefallen ist (seit 1993 Nebentätigkeit mit pauschaler Abrechnung über das Rote Kreuz) und z.B. ein Chirurg, der rausgeflogen sei, habe in der Zeit nicht operieren können. Und wie herauszuhören ist, gilt auch der weibliche Teil der Crew, unter anderem mit den Notfallmedizinerinnen Dagmar Strauß (Chefin Flugdienst) und Henrike Renz, längst als Kolleginnen auf Augenhöhe und in Führungspositionen. Professionalisiert hat sich auch die Qualifikation der insgesamt 16 Ärzte, die an Christoph 17 tätig sind. „Verpflichtend ist zum Beispiel die Schulung für den Einsatz am Bergtau mit Winde, unabdingbar in der Luftrettung ohne Landemöglichkeit“, erklärt Zipperlen. Diese sei, so die einhellige Ansage, ganz anders als es in Fernsehserien wie „Die Bergretter“ dargestellt werde; oder wie Menthel es formuliert: „Da kann ich nur auf den roten Knopf drücken“.

„Am Anfang sind Teams im weißen Kittel und Sandalen in die Berge geflogen.“

Gerhard Zipperlen zu den Anfängen der Luftrettung in Kempten.

Früher habe es „keine strukturierte Ausbildung gegeben“, wogegen man heute vorab schon rund 180 Stunden mit dem Notarzt gefahren sein müsse. „Leidenschaft“ für die Arbeit, „Wir-Gefühl“ und auch das Privileg die Landschaft immer wieder aus der Luft sehen zu können, sind wohlklingende Motivationsfaktoren für die vier Lebensretter. Dahinter steckt ein Knochenjob – körperlich und auch seelisch. So ist es mit den Landemöglichkeiten zwar oft unproblematisch, aber oft genug auch nicht. „Man wird möglichst nah an den Einsatzort gebracht und muss dann schauen, wie man zur Unfallstelle kommt“, hat Menthel Geschichten von endlos scheinendem „Heli-Walking“ parat. So zum Beispiel ein Vorfall, bei dem Patientin und Arzt wegen zwischenzeitlich aufgekommenem Nebel nicht mehr geholt werden konnten und dann zusammen mit dem Notfallteam der Bergwacht bei strömendem Regen zu Fuß das Tal erreichen mussten. Im Fall des Falles steht bei seelischer Belastung das Kriseninterventionsteam (KIT) zur Stelle. Oft sind es aber die Kameraden, mit denen über belastende Situationen gesprochen wird. Besonders eine tragische Geschichte ist Menthel im Gedächtnis geblieben: als zwei Kinder von einem Traktor überrollt wurden. Das sei einer der Momente gewesen, in denen er an die Beendigung seines Luftrettungsdienstes gedacht habe.

„Da kann ich nur auf den roten Knopf drücken.“

Lutz Menthel über TV-Serien wie „Die Bergretter“.

Ähnliche Erfahrungen haben sie alle gemacht. Zwei Tage Einsatz pro Monat ist für die Ärzte das Minimum und ausreichend für die Einsatzpraxis. Zipperlen hat seiner Rechnung nach inzwischen insgesamt gut „730 Tage am Hangar verbracht“. In dieser Zeit gab es auch zwei Einsätze, die außertourlich waren: Als der Papst eine Messe in Regensburg gehalten hat, „war ich als ärztlicher Betreuer dabei“ und wie auch sein Kollege Menthel bei der Skiflug-WM in Oberstdorf. Nicht nur für Felder ist aber eines ganz klar: „Alleine sind wir gar nichts.“ Alles gehe nur im Team und mit den vielen Leuten, die an der Basis ihre Arbeit machen. Seinen Hut bereits genommen hat Nikolaus Felder, der es auf 35 Jahre als Christoph 17-Arzt bringt. Der 69-jährige Internist, Intensiv- und Notfallmediziner hat sich zudem in den Ruhestand verabschiedet, was ihn nicht davon abhält weiterhin im Rettungsdienst aktiv zu sein. In wenigen Wochen verabschieden sich auch seine drei Kollegen aus dem Christoph-17-Team.

„Alleine sind wir gar nichts.“ 

Nikolaus Felder zur Bedeutung des gesamten Teams.

Der Viszeralchirurg Ernst Horling (62) war von 1986 bis 1994 am Kemptener Klinikum, bevor er als leitender Oberarzt nach Kaufbeuren wechselte. Über 30 Jahre ist er inzwischen als Arzt im Rettungshubschrauber unterwegs und Kempten dadurch weiterhin verbunden geblieben, nicht zuletzt weil ihn „Notfallmedizin immer interessiert“ habe. Im 32. Dienstjahr verabschiedet sich Gerhard Zipperlen vom Dienst im Rettungshubschrauber. Der 64-jährige Anästhesist und Leiter des Medizin-Controllings für den Klinikverbund Allgäu und das Klinikum Kempten hat eben die coronabedingt wiederbelebte Stelle des Koordinators für die Kliniken übernommen. Und als Vierter im Bunde verlässt Lutz Menthel, Facharzt für Chirurgie, nach 22 Jahren das Hubschrauberteam.

Christine Tröger

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