Absturz ohne Vorwarnung

Die Welt hat sich verändert – auch das Allgäu

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(v. li.) Robert Frank, Vizepräsident IHK Schwaben, Peter Leo Dobler, Vorsitzender Regionalversammlung Kaufbeuren & Ostallgäu, mit Vizepräsident Gerhard Schlichtherle und Markus Brehm, Vorsitzender der Regionalversammlung Kempten und Oberallgäu.

Kempten/Oberallgäu – „Die Welt hat sich verändert – auch das Allgäu“, konstatierte Markus Brehm, Vorsitzender der Regionalversammlung Kempten und Oberallgäu, in „Woche 15, Tag vier“ nach dem Lockdown, bei der Pressekonferenz der IHK Schwaben am vergangenen Donnerstag. Ein gesunder Mittelstand aus teilweise inhabergeführten Familienunternehmen sowie ein spannender Branchenmix aus Handel, Dienstleistung, Tourismuswirtschaft, Handwerk und Industrie herrsche im Allgäu vor. Ein Grund, weswegen die Region die letzte große Krise 2009/2010, ohne große Einbrüche und Ausschläge gemeistert hatte. Das Corona-Virus jedoch, „habe nicht nur einen Schock hinterlassen, sondern alles auf den Kopf gestellt“ – Auswirkungen und Folgen dieser Krise seien noch nicht absehbar.

Eine Anfang Mai von der IHK Schwaben durchgeführte stichprobenartige Befragung von 1000 Mitgliedsunternehmen bildete die wirtschaftliche Lage von Produktion, Handel und Dienstleistungsbetrieben im Frühjahr 2020, mitten in der Corona-Krise, ab. 43 Prozent der befragten Unternehmen im Landkreis Oberallgäu und Kempten hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Geschäftslage im Vergleich zum Vorjahr als „schlecht“ bewertet, 50 Prozent der Befragten erwarteten sogar eine weitere Verschlechterung. Konstante Umsätze wie im vergangenen Jahr erwarteten nur 15 Prozent der Unternehmen. 19 Prozent der befragten gingen von einem Rückgang um zehn Prozent aus. Einen Umsatzeinbruch von bis zu 25 Prozent nahmen 24 Prozent der Betriebe an, 16 Prozent schätzten ihre Einbrüche auf bis zu 50 Prozent, zehn Prozent sogar noch darüber hinaus. Einen „existenzbedrohenden Status“ ihrer Liquidität gaben Ende April bereits sieben Prozent der Betriebe an. 21 Prozent befanden ihren Liquiditätsstatus für „schlecht“, 33 Prozent hielten ihn für „befriedigend“ und 39 Prozent für „gut“. Um die schwächere Nachfrage in der Krise auszugleichen, gaben 51 Prozent der befragten Betriebe an, ihre Personalkapazitäten durch entsprechende Instrumente angepasst zu haben.

Anstieg der Arbeitslosenzahlen

So wären die Arbeitslosenzahlen im Allgäu von März von 2,6 Prozent im Mai auf 3,5 Prozent gestiegen, sagte Brehm. 70 Prozent der Unternehmen hätten ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Letztendlich werden die Folgen des Lockdowns in Gastronomie, Hotellerie noch bis Mitte Ende 2022 spürbar sein, bis die Betriebe wieder auf dem Stand vor der Krise sind, sagte Brehm. Auch denAusbildungssektor hat das Virus gelähmt, so hätte es in der Region Kempten/Oberallgäu 22,8 Prozent weniger Ausbildungsverträge gegeben. Verständlich – denn letztendlich würden die Unternehmen ums Überleben kämpfen und sich eher um eine Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter als um die Einstellung von neuen bemühen. Mit einer Initiative will die IHK mit Unterstützung von staatlichen Zuschüssen, Auszubildende wieder in die Unternehmen bringen, um so einem Fachkräftemangel vorzubeugen. Hart getroffen hatte der Shutdown aber vor allem die Gastronomie und die Tourismusbranche im Allgäu/Schwaben. Da diese Branche aber einen wesentlichen Teil der Wirtschaft im Oberallgäu und in Kempten ausmache und diese „quasi auf dem Nullpunkt gewesen ist“, kam es zum großen Absturz des Konjunkturindex, führte Peter Leo Dobler, Vorsitzender der Regionalversammlung Kaufbeuren & Ostallgäu, aus. Von 120 Indexpunkten im Herbst 2019 ist der Konjunkturindex im Oberallgäu/Kempten im Frühjahr auf 74 Punkte gerauscht. Entsprechend sind die Zahlen für das Allgäu; von 120 Punkten im Herbst ist der Konjunkturindex im Frühjahr auf 80 Punkte gefallen. 

Wochenlang ohne Perspektive

So wären seit Anfang Mai 90 Prozent der Betriebe gezwungenermaßen auf Null heruntergefahren worden und wären zehn Wochen lang, ohne irgendeine Perspektive gewesen, erklärte Robert Frank, Geschäftsführer der Parkhotel Frank GmbH in Oberstdorf und Vizepräsident der IHK Schwaben. Sie hätten sich mehr Vorlaufzeit gewünscht, die ganzen Wellnessvorgaben wären Hängepartien gewesen und hätten letztendlich zu kurzfristigen Stornierungen geführt, was zusätzlich für Unruhe gesorgt hätte. „Gerade nochmal glimpflich davongekommen“, äußert er sich über die Situation der Tourismusbranche südlich von Kempten. So sei die Stimmung bei den Vermieterbetrieben inzwischen wieder „deutlich besser“. Viele Gäste würden derzeit vor allem aus Deutschland ins Allgäu kommen; viele darunter auch zum ersten Mal. Durch finanzielle politische Unterstützungen könnten Betriebe aufgefangen werden, allerdings werde es einige geben, die trotzdem nicht überleben werden, sagte Frank. Die Auswirkungen werde man ab Herbst spüren. 

Umsatzrückgänge werden erwartet

70 Prozent der befragten Unternehmen sagten, sie werden Umsatzrückgänge haben, dazu gehört auch die produzierende Industrie, deren Lieferketten zwei bis drei Monate in der Krise unterbrochen waren“, sagte Markus Anselment, IHK-Regionalgeschäftsführer. So wirke sich ein Exportrückgang nicht nur in den Ländern entsprechend aus, auch die Exportmärkte würden noch zwei bis drei Jahre an der Krise zu knabbern haben, bis sie wieder auf dem alten Niveau wären. „Damit wir nicht zu depressiv werden, schauen wir nach vorn“, sagte Gerhard Schlichtherle, Vizepräsiden der IHK Schwaben. Für ihn war es wichtig in der Krise, den Kontakt zur Politik gehalten zu haben. Schließlich hätte sie einen guten Job gemacht, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Mit klaren Forderungen an die Politik setzt sich die IHK Schwaben dafür ein die Digitalisierung und den Ausbau der Infrastruktur weiter voranzutreiben, die Energiekosten durch die Reduktion der EEG-Umlage zu senken sowie die Abschreibungs- sowie Verlustrechnungsmöglichkeiten für Unternehmen zu verbessern. Keine Aussicht auf eine Reform würde es bei der Anpassung der Unternehmenssteuern geben. Doch „Hand in Hand mit Staat, Wirtschaft, Politik und Beschäftigen“ könne Deutschland den Restart aus der Corona-Krise schaffen, da ist sich Schlichtherle sicher. Mit einer Ausweitung der Kurzarbeit von 18 auf 24 Monaten könnte man außerdem weitere gravierende Folgen auf dem Arbeitsmarkt abfedern, fügte Dobler hinzu.

Warnung vor Sparmaßnahmen

Auch wenn es kein herausragendes Wirtschaftsjahr für die Kommunen werden wird, mahnte Anselment davor, Sparmaßnahmen gerade im infrastrukturellen Bereich vorzunehmen. So hätte gerade in der Krise die Digitalisierung, besonders in den Schulen, eine große Rolle gespielt. Jedoch hätte man gerade in Deutschland, im Bereich des Homeschooling, Nachholbedarf, so Anselment und verwies dabei auf Österreich. Schließlich hätte dort der Umstieg auf den digitalen Unterricht auf Anhieb geklappt – anders als bei uns. Weiterhin fordert die IHK Schwaben künftig eine verstärkte Abstimmung zwischen den Ländern, damit es künftig zu keinen Wettbewerbsnachteilen mehr komme. So hätten die unterschiedlichen Regelungen in den Ländern dazu geführt, dass Kunden im angrenzenden Baden-Württemberg eingekauft und die Urlaubsgäste sich für den „bereits geöffneten“ Wellnesstempel im Nachbarland Österreich entschieden hätten.

Tamara Lehmann

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