Ausgemuht

Mit Abwesenheit der Festwoche verschwinden auch die Kuhmotive aus der Kunstausstellung – fast

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Im Hintergrund Markus Rabes „mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“ Die Ecke oben rechts ist hier verdeckt von Till Schillings „Heaven II”, eine faszinierende technisch-künstlerische „Spielerei“ und am Boden (wie viele andere Objekte „bodenständig“ ohne Sockel) erinnern Julia Miorins „Zwei Wartezimmerstühle“ an Denkspiele.

Kempten – Nun sind sie also endgültig angekommen im Allgäu. Zumindest in der Kunst. Oder zumindest in der „Kunstausstellung. Kunst aus dem Allgäu 2020“.

Gemeint sind die Wölfe und wolfsähnlichen Geschöpfe. Unter den Exponaten haben sie den Kuhmotiven eindeutig den Rang abgelaufen. Vielleicht ist diese Verschiebung ja gerade der Abwesenheit der Festwoche in diesem Jahr geschuldet?

Eindeutig „wölfelt“ es z.B. auf dem Ölgemälde des Sonthofener Künstlers Matthias Herzog, der ein Rudel dieser Vierbeiner auf „Futtersuche“ rund um eine Hot Dog-Bude geschickt hat. Etwas vager der mindestens wolfsartige Hund in Acryl und Kreide von Kornelia Kesel, mit nicht eben fröhlicher Miene, denn: „Der Flieger ist schon weg“. Optisch nicht so ganz eindeutig ist auch die Gattung von „Samy“, der/die mit gesträubtem Fell das Ölgemälde von Nikolaus Faßlrinner ziert. Katze? Hund? Wolf? Andererseits, wer würde seinen Wolf schon „Samy“ nennen? Klar erkennbar ist dagegen die Kuhlinie mit lediglich einem Vertreter: „Viehscheid“ hat Christoph Schneider seine Malerei mit Pastellkreide auf Karton überschrieben. Das nur am Rande.

Insgesamt ist es einmal mehr eine Ausstellung, die die Bandbreite der Allgäuer Kunst und Kunstschaffenden (hier geboren und/oder lebend) mit einem recht ausgewogenen Querschnitt widerspiegelt. Das gilt auch für die Lebensjahre derer, die hier Werke präsentieren; die Spanne reicht von Peter Zeiler, Jahrgang 1930, bis Eva-Carolina Dornach, Jahrgang 1992, und 49 weitere KünstlerInnen liegen dazwischen. Weniger Fotoarbeiten als in den letzten Jahren haben es diesmal in die Ausstellung geschafft, lediglich vier von 37 eingereichten (tief berührend sind die beiden schwarzweiß Fotografien „Roma in Svinia“ von Kristof Huf). Von den 163 eingereichten Malereien sind 24 zu sehen, Grafiken neun aus 51, Skulpturen 14 aus 66, Bildobjekte drei aus 23, bei den Installationen wurden alle vier in die Schau aufgenommen. Dazu sind zwei Werke im öffentlichen Raum ausgestellt: das Stahlobjekt „Untergang“ von Ecke Recla vor der Residenz und die Fotoarbeit auf LKW-Plane von Eva-Caroline Dornach an der Fassade des Beginenhauses. 

Das Ausstellungskonzept im großen Saal des Alpin-Museums stammt von Silvia Jung-Wiesenmayer und Marco Hompes. Neben einer geschwungenen „Preisträgerachse“, die sich mittig durch die Länge des Saales zieht, haben die beiden kleine Nischen gestaltet, in der sich Bezüge in Form, Farbe, Thema, Empfinden... zwischen einzelnen Arbeiten erkennen lassen. So harmonieren in einem „Abteil“ auf der linken Saalseite die Drahtarbeit „Tastzeller“ von Susanne Krämer (die sensible Beleuchtung betont das feine Drahtgebilde durch das Schattenspiel an der Wand) mit zwei Arbeiten von Michael Klammsteiner, „banner“ (Ölfarbe auf Metall) und „untitled“ (Gesso, Lack auf Holz) und dazu „Big Eye“, einem krachrot lackierten Holzobjekt von Franz Kussauer. Unpassend-passend drängt sich Stephan A. Schmidts „5 Millionen“ dazu, eine Art Freizeit-Rätsel-Glücks-und-Spaß-Fotografie (Lambda-Abzug hinter Acrylglas). In einem anderen „Abteil“ stechen vor allem zwei Dinge ins Auge: das unübersehbare Ölgemälde „Mittagslicht im Kaisersaal (Barockkloster St. Mang, Füssen)“ von Angelika Böhm-Silberhorn und davor, wie ein Wächter in aufmerksamer Hab-Acht-Stellung „Recxa“ (Bronzeguss nach Holzmodell), ein Krokodil von Winfried Becker. So unterschiedlich beide Werke sind, eine so vollendete Verbindung gehen sie hier miteinander ein. 

Eine ebenfalls bemerkenswerte Sichtachse bilden eine der Figuren von Anna Dorothea Klug-Faßlrinners „The grotesque body“, ausgezeichnet mit dem diesjährigen Kunstpreis der Stadt Kempten (alle PreisträgerInnen siehe Kreisbote vom 11. Juli 2020 „Kunst ohne Festwoche“). Von einem bestimmten Blickpunkt aus liegen die verschränkten Arme auf einer Linie mit den gekreuzten Armen von Helen Fellners „leise“ (Holzschnitt in Handabdruck). Die weiteren Preisträger: • Thomas-Dachser-Gedenkpreis: Carin Stoller mit zwei Ölbildern jeweils „o.T.“; • Förderpreis der Dr.-Rudolf-Zorn-Stiftung: Florian Rautenberg mit „The Easter Beaster Mega Plan”; • Ausstellungsstipendium der Sparkasse Allgäu: Till Schilling mit „dark“ (Mixed Media, LED, Glas, Stahl, Elektronik). Sehenswert ist auch das zweite Werk, mit dem Schilling in der Kunstausstellung vertreten ist, „Heaven II” (Mixed Media, Holz, LCD, Farbe). Geöffnet ist die Ausstellung im Alpin Museum, Landwehrstraße 4, vom 8. August bis 2. Oktober. Die Öffnungszeiten sind in der Zeit von Samstag, 8. August bis Sonntag, 16. August täglich von 10 bis 18 Uhr; in der Zeit von Dienstag, 18. August bis Freitag, 2. Oktober, Di. – So., 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Christine Tröger

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