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»Radler werden jetzt wahrgenommen«

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Von: Lutz Bäucker

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Vier Jahre lang Anwalt der RadlerInnen: Tobias Heilig vom „ADFC
Kempten-Oberallgäu“. Hier auf
dem blauen Asphalt der als Fahrradstraße ausgewiesenen Herrenstraße in Kempten
Vier Jahre lang Anwalt der RadlerInnen: Tobias Heilig vom „ADFC Kempten-Oberallgäu“. Hier auf dem blauen Asphalt der als Fahrradstraße ausgewiesenen Herrenstraße in Kempten. © privat

Kempten – Tobias Heilig führt seit vier Jahren den Kreisverband „Kempten-Oberallgäu“ des „Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs“(ADFC). Am Donnerstag gibt er den Vorsitz ab und zieht im Gespräch mit dem Kreisboten ein Fazit.

„Kempten ist keine klassische Fahrrad-Stadt, aber immerhin nehmen Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit die Radlerinnen und Radler jetzt wahr und unsere Vorschläge ernst.“ Das war nicht immer so, gibt Radl-Enthusiast Heilig zu bedenken und ergänzt: „Allerdings sind wir von einer fahrradfreundlichen Kommune noch weit entfernt.“

Der gebürtige Leutkircher sitzt seit seiner Schulzeit im Sattel. „Ich bin schon immer gern geradelt, da war ich als Erwachsener froh, mit dem ADFC eine starke Interessenvertretung gefunden zu haben.“ Jahrelang unterstützte Heilig in Kempten den Club als Mitglied, im Januar 2018 stand er plötzlich in der ersten Reihe der Oberallgäuer Radfahrer: nach dem überraschenden Rückzug des langjährigen Vorsitzenden Herbert Müller wurde der Software-Entwickler zum Nachfolger gewählt. Für Tobias Heilig (49) wie ein Blitz aus heiterem Himmel. „Ich hatte das nicht geplant, ließ mich aber überreden. Ich wollte dem Kreisverband als Übergangslösung dienen, bis ein neuer Vorsitzender gefunden worden wäre.“ Doch aus der mutmaßlichen „Notlösung“ sind vier Jahre geworden, in denen Heilig, sein Vorstandsteam und viele aktive ADFC-Mitglieder das Thema Radfahren erfolgreich auf die Agenda Kemptens heben konnten.

ADFC als respektierter Partner der Politik

Mit aktuell fast 450 Mitgliedern hat sich der Radlclub zur respektierten Interessenvertretung gemausert, die in der Mobilitäts-und Verkehrspolitik ein gewichtiges Wörtchen mitredet. „Früher hieß es in entscheidenden Sitzungen und Gesprächen oft: ‚ach, die Radfahrer, was wollen die denn?‘“ blickt Radl-Anwalt Heilig zurück auf die Anfänge seiner Amtszeit, „heute sind wir in jeder Ausschusssitzung des Stadtrates dabei und hören genau zu. Und hinterher kann jeder auf unserer Homepage nachlesen, was die einzelnen Parteien oder der OB gesagt haben“, freut er sich. Diese Transparenz zeigt Wirkung: „Stadträte und Stadtverwaltung nehmen unsere Probleme viel ernster als einst, die vor zwei Jahren entstandene Mehrheitskoalition gegen die CSU agiert deutlich fahrradfreundlicher, Thomas Kiechle muss darauf Rücksicht nehmen.“

 Der ADFC ist zum Partner beim Mobilitätskonzept der Stadt geworden, seine Vorschläge und seine Kritik werden öffentlich diskutiert und im Idealfall übernommen. Und so kann sich der scheidende Kreisvorsitzende über einige bemerkenswerte Erfolge freuen.

Historische Erfolge für Radfahrer

Am 27. Juni 2019 fand die bisher größte Radldemo im Allgäu statt – trotz Gluthitze rollten 750 Teilnehmer über den Kemptener Ring. Ein halbes Jahr später setzte der ADFC mit einer großen Podiumsdiskussion die Initialzündung für die Änderung der politischen Machtverhältnisse im Rathaus. Das clubeigene Angebot an Radtouren wurde ausgebaut, heuer steht das Thema Fahrsicherheitstraining für E-bike-Nutzer und Rad-Wiedereinsteiger im Fokus. Und in ein paar Tagen wird die Hartnäckigkeit des ADFC in der Bahnhofstraße für alle sichtbar. „Die neue Umweltspur dort haben wir lange gefordert. Sie hat eine historische Dimension“, stellt Tobias Heilig nüchtern fest, „zum ersten Mal nimmt man in Kempten dem Autoverkehr etwas weg zugunsten des Radverkehrs! Das gabs noch nie!“ Und das sorgt sogar überregional für Aufsehen: Das „Bayerische Fernsehen“ plant im Mai eine ausführliche Berichterstattung über die bemerkenswerte Entwicklung in Kempten.

Noch viel Luft nach oben

Heilig weiß aber auch: Trotz einiger Erfolge ist noch viel Luft nach oben. Die Radwege sind oft suboptimal, das Netz für sicheres Radfahren in und durch die Stadt weist noch viel zu große Lücken auf, am Ring, in der Salzstraße leben Radler nach wie vor gefährlich. Und es fehlt an modernen Abstellanlagen. 

Radlanwalt Heilig wünscht sich auch eine Wiederbelebung des „Runden Tisches“ zum Thema Radfahren. „Ich habe den Eindruck, dass die Verwaltung und auch der Kemptener Radverkehrsbeauftragte Stefan Sommerfeld zu wenig Zeit dafür haben.“ Von OB Kiechle würde er gern klarere Worte hören. „Er radelt zwar gern, er hat sich in puncto Verkehrswende bisher aber nicht eindeutig positioniert.“ Bei den Kemptener Bürgerinnen und Bürgern ist der ADFC offenbar angekommen. „Viele schicken uns immer wieder Vorschläge oder melden Probleme beim Radeln, dafür sind wir sehr dankbar, die leiten wir immer weiter an die zuständigen Stellen. Leider passiert aber zu wenig.“

Tobias Heilig bleibt am Hinterrad

Der leidenschaftliche Fahrradfahrer Tobias Heilig bleibt trotz seines Rückzuges aus der ersten Reihe des Oberallgäuer ADFC gewissermaßen am Hinterrad. Als verkehrspolitischer Experte wird er den neuen Vorstand weiter unterstützen und seine Finger in offene Wunden legen. Und auf einem seiner drei Räder Energie und Ideen tanken: per Mountainbike in den Alpen, auf dem Rennrad über die grünen Hügel des Allgäus oder mit dem Trekkingfahrrad auf dem täglichen Weg zur Arbeit. Tobis Tipp für die nächste Ausfahrt: „Radeln Sie mal nach Norden, die Iller lang, Ruine Kalden, über Altusried durch liebliche Wiesentäler nach Wiggensbach. Eine entspannende Tour, wenig Menschen auf schmalen Sträßchen, Entschleunigung pur!“

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