Epochale Veränderungen in der Verkehrsführung

Adieu autogerechte Stadt

Ein Auto rast durch die Stadt
+
Symbollbild

Kempten – Laut Mobilitätskonzept 2030 soll der ÖPNV, der Rad- und Fußverkehr gestärkt werden. In Zukunft müssen sich alle Verkehrsteilnehmer auf radikale Änderungen einstellen. Ein Teil wird vermutlich jubeln ein anderer Teil wird unzufrieden sein. Besonders betroffen ist die Bahnhofstraße zwischen Albert-Ott-Straße und Fischerösch und die Wiesstraße, aber auch die Memminger Straße im Bereich des ehemaligen Krankenhauses.

Die Bahnhofstraße wird von vier auf zwei Fahrspuren für den Motorisierten Individualverkehr (MIV) reduziert und erhält eine Umweltspur. Dazu werden zwei Bussonderfahrstreifen mit dem Zusatz „Fahrradfahrer frei“ (Busse können bei Bedarf Radfahrende überholen) eingerichtet. Um das zu ermöglichen wird die Fahrbahnabtrennung mit einer gestrichelten Linie markiert. Für die Busse wird ferner eine Busbevorrechtigung an der Lichtsignalanlege (LSA) Albert-Ott-Straße stadtein-und auswärts, installiert. An den Knotenpunkten Bahnhofstraße/Albert-Ott-Straße, werden Aufstellflächen (stadtauswärts) für den Radverkehr inklusive separater Signalisierung für den Bus-und Radverkehr eingerichtet. Für Linksabbieger von der Bahnhofstraße in die Haubenschloßstraße und in die Haslacher Straße werden durch Rückbau des Grünstreifens Aufstellungsflächen geschaffen. Die an der Ostseite der Bahnhofstraße vorhandenen Querparkplätze werden in Längsparker umgewandelt. „Längsparker sind sicherer als Querparker“ so Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann. Ferner wird die westliche Bushaltestelle von der Ecke Bahnhofstraße/Haslacher Straße direkt vor die Hochschule verlegt. Eine Durchfahrt von der Bahnhofstraße in die Fischerösch soll verhindert werden.

Der Bussonderfahrstreifen Richtung Stadt beginnt bereits südlich des Knotenpunktes Schuhmacherring/Bahnhofstraße. Laut Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann wird mit der Einführung des Bussonderfahrstreifens die verkehrliche Situation für den Bus- und Radverkehr, gemäß den Zielen des Moko 2030, deutlich verbessert. Konflikte im Seitenraum zwischen Fußgängern, Radfahrern und wartenden Fahrgästen des ÖPVN in den Haltebereichen werden verhindert. Netzlücken für den Radverkehr werden geschlossen. Dem Linienbusverkehr wird eine behinderungsfreie Fahrt auf der Bahnhofstraße ermöglicht. Petra Tietze und Julius Blaschke vom Büro VCDB (VerkehrsConsult Dresden-Berlin) stellten die Ergebnisse des Verkehrsgutachtens mittels einer Simulation vor, in welcher als Worst Case die Verkehre von acht Stunden auf eine Stunde projiziert wurden. Das Ergebnis bescheinigt, dass die Leistungsfähigkeit des Straßenraums und der Knotenpunkte in gutem Maße ausreichend bleiben, um den Verkehr auch in den Spitzenstunden bedienen zu können. Besonders wurden dabei die Linksabbieger von der Bahnhofstraße in die Haslacher Straße und Haubenschloßstraße und der Knotenpunkte Bahnhofstraße/Albert-Ott-Straße untersucht. Es konnte belegt werden, dass der Knoten Bahnhofstraße – Albert Ott Straße leistungsfähig bleibt.

Für die Linksabbieger in die Haubenschloßstraße und in die Haslacher Straße in der Regel keine Rückstaus entstehen. Die Umsetzung einer Umweltspur ist mit der Umgestaltung des Knotenpunkts Albert-Ott-Straße im Zuge eines Parkhausneubaus vereinbar. Die Leistungsfähigkeit bestehender Kfz-Ströme und die optimale Bevorrechtigung des Linienverkehrs kann aufrechterhalten werden. Mit den Investoren des Parkhaueses wurde Einvernehmen erzielt, dass PKWs nur rechts reinfahren und rechts rausfahren. Für aus dem Süden kommende Kfz wird eine Linksabbiegespur eingerichtet. Es entstehen allerdings höhere Wartezeiten bei der Parkhausein- und -ausfahrt und für Linksabbieger ins Parkhaus.

Laut Wiedemann konnte die Skepsis seitens ECE (Forum Allgäu) und des Citymanagements ausgeräumt werden. Josef Mayr (CSU) Verwies darauf, dass für die Einzelhändler die Erreichbarkeit der Innenstadt gewährleistet werden muss. „Die Hauptverkehrsachsen haben große Aufgaben, wenn zum Beispiel Baumaßnahmen irgendwo stattfinden, gleichen diese Achsen das aus. Unsere Nachbarn aus dem Süden erwarten, dass die Zuführung nach Kempten verbessert wird. Es gibt wichtige Hinweise aus Waltenhofen. Da kommt das Nutzergefühl und nicht das Bauchgefühl zum Tragen. Ich habe das Bedürfnis das zu tun, dass der Auswärtige gut in die Stadt kommt. Über diese Verkehrsachse alle Parkhäuser erreicht. Das Rettungszentrum benutzt die Bahnhofstraße als Hauptrettungsstraße.“

Für die gemeinsame Spur Bus und Radfahrer hat er Sicherheitsbedenken, wenn ein Bus von hinten kommt. Aus seiner Sicht sollte man den Radverkehr in der Wiesstraße bündeln, weil diese viel mehr Sicherheit bietet und vom Bahnhof die Wiesstraße die direkte Verbindung zur Stadt ist. „Wir haben die Fragestellungen ernst genommen und wollen Ihnen etwas vorschlagen was auch funktioniert. In der Worst Case Betrachtung haben wir festgestellt, dass es funktioniert. Wir handeln nicht nach Bauchgefühl sondern nach Fakten. Es gibt keinen Verdrängungsverkehr. Die Einsatzfahrzeuge des Rettungszentrums können die Busspur benutzen und erfahren damit eine Verbesserung“, so der Tiefbauamtsleiter. Einen Dauerkonflikt Radfahrer – Bus schloss er kategorisch aus.

Für Thomas Hartmann (Grüne) ist die jetzt angedachte Maßnahme genau die Richtige, da der Modalsplit (Aufteilung der Verkehre auf ÖPNV, Fußgänger, Radfahrer, Kfz) verbessert werden muss. „Die Planung zeichnet sich durch eine besonders gründliche Untersuchung aus.“

Für Baureferent Tim Koemstedt gibt es kein entweder oder, denn „sowohl die Wiesstraße als auch die Bahnhofstraße sind gleichrangig.“

Alexander Buck (FW) mahnte an, dass man allen Verkehrsteilnehmern gerecht werden soll, so wie es im Mobilitätskonzept beschlossen worden sei. „Wir wollen ÖPNV und Radverkehr stärken.“ Er plädierte dafür, dem Vorschlag der Verwaltung zuzustimmen. Julius Bernhardt FFK) wies aus eigener Erfahrung darauf hin, dass der Ist-Zustand höchst gefährlich sei. „Der Vorschlag hat Hand und Fuß. Bisher musste ich die Fahrbahn mit dem Bus, den PKWs und den LKWs teilen. In Zukunft nur noch mit dem Bus.“

Helmut Berchtold wies auf die großen Bedenkenhin, die die Polizei hat. Es gibt etliche Hofausfahrten, es kann nicht kontrolliert werden, dass Kfz auf die Busspur ausweichen, da diese ja nicht durchgehend von Bussen benutzt wird. Ebenso kann das kurzfristige Parken von Lieferfahrzeugen nicht ausgeschlossen werden. Er sah die Busspur kritisch. „Der OPNV hat keinen Zeitvorteil, der Bus darf 50 km/h fahren und der Radfahrer?“. Ferner wies er darauf hin, dass jeder Bus mit einer „on board unit“ ausgestattet werden muss, damit das verzugslose Überqueren der Kreuzungen sichergestellt wird.

Die KVB besitzt 32 Busse hinzu kommen dann noch die 100 überregionalen Busse. „Eine unit kostet 2000 Euro zuzüglich Einbaukosten für eine Sache, die wir im Moment nicht benötigen.“ Laut Wiedemann werden zunächst Schleifen als Übergangslösung eingebaut bis alle Busse mit einer „on board unit“ ausgestattet sind. Laut Oberbürgermeister Thomas Kiechle muss man von einer autogerechten Stadt wegkommen. „Wenn wir den Rad- und Fußverkehr stärken wolle, kann es nur zu Lasten des MIV gehen. Wir haben die Fragen des Citymanagements und ECE bekommen und uns Gedanken gemacht, dass der Einzelhandel nicht leidet.“ Ebenso wies er darauf hin, dass das Gutachten keine Probleme sehe und die Parkhäuser weiterhin gut angesteuert werden können. Die Hochschule habe keine vernünftige Anbindung an die Innenstadt. „Wir müssen in unserer Stadt Perspektiven erarbeiten und den ÖPNV stärken“ so Kiechle abschließend.

Die Umgestaltung Bahnhofstraße wurde mit den Gegenstimmen der drei CSU Stadträte beschlossen. Im Nachgang zur Sitzung hat Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann auf Nachfrage mitgeteilt, dass die „Umbaumaßnahmen“ hauptsächlich mittels Fahrbahnmarkierungen und nur mit kleineren Baumaßnahmen umgesetzt würden. Allerdings seien die Firmen, die Fahrbahnmarkierungen ausführen, derzeit voll ausgelastet, so dass derzeit das Umsetzen der Maßnahme nicht absehbar sei.

Helmut Hitscherich

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Das Holzplatzquartier erhält einen Bebauungsplan 
Das Holzplatzquartier erhält einen Bebauungsplan 
Corona-Ticker Kempten: Erster Fall der indischen Variante im Oberallgäu
Corona-Ticker Kempten: Erster Fall der indischen Variante im Oberallgäu
Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten
Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten
Küchenchef schätzt regionales Kalbsfleisch als Spezialität 
Küchenchef schätzt regionales Kalbsfleisch als Spezialität 

Kommentare