Ältester Kemptener wird 107

OB Dr. Ulrich Netzer (rechts) gratuliert Paul Baier zu seinem 107. Geburtstag. Damit ist der Oberstleutnant a.D. der älteste Kemptener, womöglich sogar der älteste Mensch im Freistaat Bayern. Exakt recherchieren lässt sich das allerdings nicht. Foto: Kampfrath

Paul Baier lacht und redet gern und viel. Das tat er auch am Samstag, als er seinen 107. Geburtstag im Kemptener Margaretha- und Josefinenstift feierte. Seit 2007 wohnt der Jubilar in diesem Altenheim. Mit seinen 107 Jahren gilt Oberstleutnant a.D. Paul Baier als ältester Kemptener und einer der ältesten Männer im gesamten Freistaat Bayern. Im Aufenthaltsraum des ersten Stocks wartete der Träger des Bundesverdienstkreuzes auf seine Gäste, die er freudestrahlend willkommen hieß.

„Bewahren Sie sich Ihren Humor“, wünschte Heimleiter Detlef Worgull dem Geburtstagskind. Als Paul Baier die herzförmige Torte sah, die ein Konditor für ihn gebacken hatte, rief er: „Das ehrt und freut mich besonders.“ Über den Besuch des Kemptener Oberbürgermeisters Dr. Ulrich Netzer (CSU) zeigte sich die Hauptperson gerührt: „Es freut mich, dass Sie zum fünften Mal zu mir kommen.“ Netzer antwortete: „Sie haben aber gut mitgezählt.“ Die Gäste sangen anlässlich des Wiegenfestes die Lieder „Zum Geburtstag viel Glück“ sowie „Viel Glück und viel Segen“. „Ich danke allen, die hier in der Pflege tätig sind. Ich laufe jeden Tag etwa eine Stunde. Man muss sich bewegen und man muss etwas tun“, erklärte Paul Baier. OB Ulrich Netzer schenkte ihm im Namen der Stadt Kempten einen Korb mit lauter Piccolosektflaschen und ein Buch über die Treppen der Illerstadt. Der OB las Baier einen Brief des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer vor: „Sie sind nun von den Jahren her an der Spitze in Bayern.“ Seehofer hatte als Präsent ein Rotweinset mit einer Flasche und zwei Gläsern geschickt, in die das Wappen des Freistaats Bayerns eingraviert war. Netzer persönlich schenkte dem alten Herrn ein Buch mit Abbildungen der Gemälde seiner Frau Heidi. Gute Zusammenarbeit Paul Baier schnitt mit Hilfe des Heimkochs Sigi Hohenegg die Schokoladenhimbeertorte an. „Die enthält 22 Kalorien − pro Stück. Jetzt stoßen wir aber an, nicht dass der Sekt warm wird“, scherzte Netzer. „Prost und zum Wohl auf meinen 107. Geburtstag“, sagte der Jubilar. Jürgen Weizenegger, Sozialdienstleiter des Margaretha- und Josefinenstifts, entzündete ein Tischfeuerwerk. Während die Feiernden die Torte aßen, unterhielt sich der 107-Jährige angeregt mit seinem Nachbarn Netzer. „Ich muss erst am Montag wieder ins Rathaus, wir haben Zeit“, meinte der Oberbürgermeister. Dann rief er: „Herr Hohenegg, kochen Sie immer so gut? Kein Wunder, dass hier die Leute so alt werden.“ Der Koch antwortete ihm: „Wir versuchen, die Leute gesund und gut zu ernähren. Aber die Torte stammt nicht von mir.“ Der Heimbeiratsvorsitzende Alois Bischofberger hielt eine Rede für den Senior. „Ich wollte Ihnen persönlich ein Geschenk machen. Nichts zu trinken oder zu essen. Ich werde nachher einen Choral für Sie spielen.“ Paul Baier habe im Heimbeirat sehr gut mit ihm zusammengearbeitet, ihn moralisch unterstützt und das Rückgrat gestärkt. „Wir zwei begegnen uns sehr oft beim Morgenspaziergang auf dem Bürgersteig des Adenauerrings. Wir unterhalten uns gerne miteinander.“ Die Lieblingsthemen seien dabei die Ahnenforschung und die Ulmer Schachtel, ein Bootstyp, der nur flussabwärts fahren kann. Langer Lebenslauf Über beide Inhalte habe Baier ein Referat in dem Seniorenheim gehalten. „Das über die Ulmer Schachtel dauerte über eine Stunde, sodass wir nicht mehr zum Singen kamen.“ Bischofberger trug das Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“ vor, wobei er sich am Klavier begleitete. Paul Baiers Sohn Gerhard (71) las den Lebenslauf vor, den sein Vater verfasst hatte. Am 21. Januar 1905 kam Paul Baier in Steinberg (Kreis Ulm) zur Welt. Er hatte sechs Geschwister. Nach der Lehre als Schriftsetzer in Dietenheim trat er 1923 der Reichswehr bei. 1935 heiratete er Hermine Malterer. Zwei Söhne, fünf Enkel und sieben Urenkel sind das Ergebnis dieser Ehe. Von 1945 bis 1953 arbeitete er als Schriftsetzerlehrmeister in Rosenheim. 1954 kam er schließlich nach Kempten, um das Technische Hilfswerk und zwei Jahre später die Bundeswehr aufzubauen. Nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse ging er 1962 in den Ruhestand. Mit seiner Frau konnte er 1995 noch die Diamantene Hochzeit feiern, ein Jahr später starb sie. An eine Sache erinnert sich Paul Baier besonders gern. Während seiner Zeit bei der Reichswehr fuhren er und sieben andere Soldaten mit einem selbstgebauten Motorboot auf der Donau von Ulm bis nach Rumänien und Bulgarien. Vier Wochen dauerte die über 2000 Kilometer lange Flussreise. „Wir waren bis zum Donaudelta unterwegs. Es war eine tolle, nicht ganz ungefährliche Fahrt. Unser Boot hieß ‘Deutschland’. Die Leute gaben uns leckeren Fisch und Paprika zu essen“, erzählte der älteste Bayer. Wasser scheint ohnehin das liebste Element Paul Baiers zu sein: „Ich bin gern geschwommen, war aber zu klein für einen Sportschwimmer. Dann war ich Rettungsschwimmer.“ Er freue sich, dass er noch lebe und etwas schreiben könne, so der Jubilar bei seiner Geburtstagsfeier weiter.

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