»Bewegter Donnerstag«

Afrikas langer Kampf um seine geplünderten Kulturgüter 

Engagierte Rednerin: Bénédicte Savoy.
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Engagierte Rednerin: Bénédicte Savoy.

Kempten – Im Mai ist es dem Kempten Museum gelungen eine renommierte Wissenschaftlerin, nein, nicht ins Zumsteinhaus, aber in den Live-Stream des Bewegten Donnerstags zu locken. Aus Berlin hatte sich am Veranstaltungsabend Bénédicte Savoy online zugeschaltet, Kunsthistorikerin, Professorin an der TU Berlin und am Collège de France in Paris sowie Expertin für Raubkunst. 

Sie war eingeladen, ihr neues Sachbuch „Afrikas Kampf um seine Kunst – Geschichte einer postkolonialen Niederlage“ vorzustellen, das schon jetzt, wenige Monate nach seinem Erscheinen, „als Standardwerk“ gelte, wie Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn betonte. Für die Kunstwissenschaftlerin „eine Premiere“, denn es war ihre erste Lesung aus einem selbstgeschriebenen Buch überhaupt. Die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert von den europäischen Kolonialmächten geplündert wurden, ist in den letzten Jahren – erneut – zu einem brisanten Streitthema geworden. Nur wenige Tage vor dem Bewegten Donnerstag hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters bekannt gegeben, dass Deutschland ab 2022 die Benin-Bronzen an Nigeria zurückgeben wird. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von mehr als tausend wertvollen Metallobjekten, die 1897 nach blutigen Kämpfen von britischen Kolonialtruppen geraubt wurden und sich bis heute zu großen Teilen in deutschen Museen befinden.

Revolution im Hörsaal

In ihrem Vortrag las Savoy drei kurze Abschnitte vor, berichtete aber vor allem von der Entstehungsgeschichte des Textes und aus ihrer wissenschaftlichen „Werkstatt“. Im Rückblick, so die Historikerin, hat alles mit einem „Donnerschlag“ begonnen: Im Herbst 2017 hielt der erst seit Kurzem amtierende französische Staatspräsident Emmanuel Macron eine Rede vor etwa 800 Studierenden in Burkina Faso. Während draußen vor dem Hörsaal Demonstranten gegen die ehemalige Kolonialmacht protestierten, hatte Macron nach etwa zwei Stunden Redezeit offenbar „einen übermütigen Moment“ und verkündete, er wolle, dass „innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika geschaffen werden.“ – Der französische Präsident hatte in aller Öffentlichkeit das Wort „Restitution“ in den Mund genommen.

„Ich war wie versteinert“, erinnert sich Savoy. „Ich weiß auch noch, wo ich in dem Augenblick war, als ich davon gehört habe.“ Für sie als Französin war Macrons Zusage „eine Revolution“; und als Wissenschaftlerin, die sich seit ihrer Doktorarbeit über den napoleonischen Kunstraub in Deutschland mit Raubkunst beschäftigte, war ihr klar: „etwas Historisches war passiert“.

Wenige Wochen nach Macrons Besuch in Ouagadougou, der in der europäischen Museumswelt ein „tektonisches Beben“ auslöste, forderte Savoy in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass auch die deutsche Kulturpolitik ihre „Abschottungs- und Abwehrreflexe“ aufgeben müsse“. Und sie bekam einen folgenreichen Auftrag aus dem Elysée-Palast: Gemeinsam mit dem senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr sollte sie für die französische Regierung einen Bericht erarbeiten, wie die während der Kolonialzeit geraubten Kunstgegenstände zurückgegeben werden könnten.

Ungewöhnlich lange acht Monate arbeiteten die beiden „völlig unabhängig und auf eigene Kosten“. Sie recherchierten in Afrika, in vier frankophonen ehemaligen Kolonien südlich der Sahara, und in zahlreichen Pariser Archiven. „Diese zweifache Erfahrung hat tiefe Spuren in unserem Bericht, aber auch in meinem Leben hinterlassen“, erzählt Savoy, „und sie hat mir tiefe Erkenntnisse gebracht.“ So sei sie an einem Donnerstagabend mit ihrem Kollegen auf Recherchereise im königlichen Palast von Benin gewesen: einem völlig leer geräumten Gebäude, das heute unter Denkmalschutz steht und 1892 von „brutal wütenden“ französischem Militär geplündert wurde. Gleich danach nahmen die beiden Wissenschaftler ei- nen Nachtflug nach Paris, wo sie am anderen Morgen das völkerkundliche Musée du quai Branly aufsuchten. Dort waren sie umgeben von zahlreichen Kunstwerken, die einst aus dem Königspalast geraubt worden waren. Innerhalb weniger Stunden „haben wir einerseits die Abwesenheit der Objekte an einem sehr starken Ort erfahren – körperlich und philosophisch, wenn man so will – und andererseits ihre Anwesenheit an einem für sie nicht natürlichen Ort.“ Nachdem sie sich bereits zwei Jahrzehnte lang theoretisch mit Raubkunst beschäftigt hatte, war das für Savoy „eine extrem starke Erfahrung“.

Felwine Sarr und sie hatten ihre Untersuchung mit einer „Arbeitshypothese“ begonnen: „Es muss in den Pariser Archiven ganz viele Briefe mit Restitutionsgesuchen aus afrikanischen Ländern geben, die nie beantwortet wurden. Unsere Idee war: Wir sagen Macron, dass er diese Briefe höflich beantworten soll.“ Doch Savoy und Sarr fanden keine Briefe – „es war fast noch schlimmer“: Sie stießen auf zahlreiche Akten aus den 70er und 80er Jahren voll mit Zeitungsausschnitten, Berichten und Korrespondenzen, die eine jahrelange und weitgehend ergebnislose Debatte über die Rückgabe des kolonialen Raubguts dokumentierten. Die beiden mussten entdecken, dass die „Arbeit, die wir machen, schon mal komplett gemacht worden ist, als wir beide etwa acht oder zehn Jahre alt waren, um 1980 – es war schockierend“. So hatte etwa der damalige Direktor des Louvre, „eine Eminenz der Museumswelt“, in einem Bericht geschrieben, die Restitution kolonialer Raubkunst sei ein unausweichlicher „Akt der Solidarität, Fairness und Gerechtigkeit“. Doch offenbar war die gesamte Debatte völlig in Vergessenheit geraten, „eine Art Gedächtnisschwund, eine kollektive Amnesie“ war eingetreten.

Eine Debatte, die im Keim erstickt wurde

Zurück in Berlin „fuchste“ Savoy die Frage, ob es auch in Deutschland eine solche Diskussion gegeben hatte. Sie machte sich auf die Suche und fand insbesondere in den Archiven von Berlin, Stuttgart und Hamburg zahlreiche Spuren teils heftiger institutioneller und publizistischer Auseinandersetzungen. Auch in der Bundesrepublik waren die afrikanischen Bitten und Forderungen erfolglos geblieben. „Es wurde mir ein tiefes Bedürfnis, diese Funde öffentlich zu präsentieren. Ich verspürte eine innere Aufforderung, zu zeigen, wie die Diskussion damals im Ei erwürgt wurde“, sagt die Kunsthistorikerin mit einer französischen Redewendung.

Die erste Herausforderung in ihrer wissenschaftlichen Schreibwerkstatt war „sehr viel Material in eine Form zu gießen“, wobei „das Gesamtbild“, das sich dabei ergeben würde, noch unklar war. „Meine Leitfragen waren: Warum wurde die Debatte vergessen? Wer hat Ergebnisse verhindert?“ Savoy ordnete die Archivfunde chronologisch und stellte fest, dass die Debatte bereits sehr viel früher begonnen hatte, als sie bislang angenommen hatte: Die ersten Wortmeldungen afrikanischer Aktivisten stammten aus den 60er Jahren. „Meine erste heiße Spur“ war ein Artikel aus der senegalesischen Zeitschrift „Bingo“, in dem der Dichter und Journalist Paulin Joachim forderte: „Gebt uns die Negerkunst zurück“. Lange vor der Unabhängigkeit der Kolonien 1960 hatte sich eine starke politische und kulturelle Bewegung für eine eigenständige schwarze Identität entwickelt. Die UNO erklärte im Unabhängigkeitsjahr, die jungen afrikanischen Staaten hätten das unbedingte Recht zur Selbstbestimmung. Auch etwa fehlende Infrastruktur dürfe kein Vorwand sein, sie in ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entfaltung einzuschränken. Dennoch begründeten viele Museumsdirektoren und Kulturpolitiker ihre Weigerung, Raubkunst zu restituieren, u.a. mit der angeblichen Rückständigkeit der afrikanischen Gesellschaften, als die Forderungen von internationalen Organisationen und Staaten wie Nigeria schließlich auf ihren Schreibtischen landeten. In ihrem Buch folgt Savoy der chronologischen Struktur und wirft über 20 Jahre hinweg erhellende Schlaglichter auf die Restitutionsdebatte in Afrika wie Europa.

Bénédicte Savoy.

Politisch keine Frage von rechts oder links

Die Professorin beendete ihren Vortrag mit „einem großen Sprung“ zu einer mutigen Hundertjährigen: Die verstorbene FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher habe u.a. als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft „sehr mutig versucht, gegen die Museen anzukämpfen“. Auch in vielen Reden und Publikationen „hat sie immer wieder deutlich gemacht, dass die Vorstellung, Europa sei der Lehrer, Afrika der Schüler, zum Wegschmeißen ist. Es bedarf einer neuen Ethik der Beziehungen“, stellte die Historikerin klar. „In Afrika habe ich gelernt, wie wichtig Ahnen sind.“ Wer sich heute dafür starkmacht koloniale Raubkunst zurückzugeben, kann sich auch auf ‚Ahnen‘ berufen. „Wir lassen uns als seriöse Wissenschaftler nicht diskreditieren.“ 

Antonia Knapp

Zum Weiterlesen

Bénédicte Savoy: Afrikas Kampf um seine Kunst – Geschichte einer postkolonialen Niederlage. Verlag C. H. Beck, ISBN: 9783406766961.

Bénédicte Savoy/Felwine Sarr: Zurückgeben – Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Verlag Matthes & Seitz, 9783957577634.

Bénédicte Savoy: Beute – Eine Anthologie zu Kunstraub und Kulturerbe; sowie Beute – Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe. Verlag Matthes & Seitz, 9783751803120 bzw. 9783751803113.

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