Der Archäologische Park Cambodunum feiert

Heiße Geburtagsparty zum 30.

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Kulturamtsleiter Martin Fink (re.) mit Kelten und Römern der Gruppe Ballistrari Camboduno.

Kempten – Wer eine laue Sommernacht mit chilligen Latinoklängen erwartet hatte, wurde schon nach wenigen Takten eines Besseren belehrt.

Die explosive Mischung verschiedener Musikstile des argentinischen Oktetts „Rosario Smowing“ barst förmlich in den altehrwürdigen Gemäuern des Archäologischen Parks Cambodnunum (APC), zu dessen 30. Geburtstag die Herren vergangenen Samstagabend aufspielten.

Dass dem Sänger Diego Javier Casanova sein Nachname irgendwie Programm war, war kaum – ehrlich gesagt gar nicht – zu übersehen. Er zog von der ersten bis zur letzten Sekunde eine testosteronschwangere mit südamerikansicher Theatralik gewürzte Charme-Offensive durch, die Mann/Frau lächelnd, staunend, amüsiert oder auch bewundernd verfolgte. Ein raubeiniger Latin-Lover, ein argentinischer Tom Waits, ein sich in seiner Rolle (auch mal am Boden) räkelnder Frontmann, in jedem Fall absolut bühnentauglich und das mitnichten auf Kosten gesang-

licher oder interpretatorischer Qualitäten. Insgesamt spielte da ein „Achter“ aus einem Guss – mitreißend, in Bann schlagend, ins Blut, ins Herz und in die Glieder fahrend.

Da ging es bei der Geburtstagsmatinee am Vormittag mit gleichwohl schöner wie gediegener Musik von Sängerin Leonie Leuchtenmüller, Andreas Schütz am Piano, Bernd Sigerist (Bass) und Sebastian Kern (Percussion) eindeutig beschaulicher zu. Schließlich gaben sie ja auch den Rahmen für die offizielle Geburtstagsfeier des APC mit einem Rückblick auf das „Geburtstagskind“, dessen Eltern OB Thomas Kiechle in der Stadt Kempten und im damaligen Oberbürgermeister Dr. Josef Höß (1970 bis 1990) ausmachte. Dem Alt-OB sei es zu verdanken, „dass bereits 1982 eine Archäologische Abteilung beim Kulturamt eingerichtet wurde“ und bald darauf Kemptens Vergangenheit im APC lebendig. Als „ganz starke Stütze“ von Anbeginn und „engstens verbunden mit dem APC“ nannte er Dr. Gerhard Weber, der sich sowohl als Archäologe und Architekt, als auch später als Kulturamtsleiter „unermüdlich für die wissenschaftliche Erforschung des Parks wie auch für die Aufbereitung dieses Wissens für ein breites Publikum eingesetzt“ habe.

Da Weber aufgrund einer schon lange stehenden Verpflichtung nicht anwesend sein konnte, übermittelte Dr. Maike Sieler, seit Oktober 2016 Leiterin des APC, seine Grußbotschaft, die auch beinhaltete, dass der APC so lange „eine halbe Sache bleibt“, solange das Schauhaus mit den vielen Funden „nicht zum Sprechen gebracht wird“.

Happy Birthday APC!

Höß erzählte launig von der Entstehungsgeschichte des APC bis zu seiner Eröffnung 1987. Demnach ist es einer Eingebung „beim Rasieren“ im Jahr 1979 zu verdanken, dass er sich, wie er bekannte, zunächst am Stadtrat vorbei, dem römischen Erbe widmete und in einem Gutachten 1980 bestätigt bekommen habe, dass Cambodunum „eine Sonderstellung einnimmt“. Erst dann habe er „langsam angefangen, den Stadtrat zu informieren“, denn damals wie heute sei es nicht immer so einfach (gewesen), kulturelle Dinge neben all den Notwendigkeiten auch noch zu bedienen. Mit Dr. Gerhard Weber sei ihm von Prof. Dr. Günter Ulbert von der LMU München dessen „bester Mann“ gegeben worden. Schließlich seien zwei Möglichkeiten für den Umgang mit den Ausgrabungen zur Auswahl gestanden: graben, untersuchen, wieder zu schütten oder ausgraben und rekonstruieren. Die Wahl sei bekanntlich auf Variante zwei gefallen, wobei man „so weit wie es ging, auf die alten Bauweisen eingegangen ist“.

Und dann schloss er seinen Rückblick mit einer „seriösen“ und einer „nicht so seriösen“ Anmerkung. Als er 1970 OB geworden sei, habe Trier immer behauptet, die älteste Stadt Deutschlands zu sein, woraufhin er Kontakt mit mehreren relevanten Oberbürgermeistern aufgenommen habe, um diesen zu erklären, dass Kempten beim römischen Schreiber Strabo als „Polis“ Cambodunis genannt und damit älter sei. Bislang habe keiner widersprochen schmunzelte er. Und zweitens: da Weitnauer „immer von Kelten gesprochen habe“, habe er Weber scherzhaft den Auftrag erteilt, „einen ausgestopften Kelten zu finden“. Diese bislang „nicht erfüllte“ Hoffnung gebe er nun an Sieler weiter.

Kulturamtsleiter Martin Fink war sich zwar „ziemlich sicher“, dass Strabo „nie hier“ gewesen sei, sondern bei der Erwähnung Cambodunums als „Polis“ selbst auf ältere Quellen zurückgegriffen habe. Aber, frohlockte Sieler, auch wenn „wir das keltische Cambodunum bislang nicht bieten können“, für ein „Aufholen mit Trier“ reiche es inzwischen aufgrund der Funde allemal. Und da es sich um einen runden Geburtstag handelte, war die Matinee eingebettet in ein ganzes Wochenende mit ganztägigen Angeboten vom Schreiben in der Antike, Römerspielen, einer kleinen römischen Modenschau, Experimentieren mit wohlriechenden Substanzen, selbstgebackenem Brot, einer Schaugrabung, Römern und Kelten der lokalen Gruppe „Ballistrari Camboduno e.V.“ und einem abschließenden, wenn auch so ganz und gar unrömischen, dafür lässigen Jazzfrühschoppen mit den Gypsy-Jazzern „Die Propeller“ (siehe nebenstehender Artikel) am Sonntag.

Als seit Jahren feste Größe am Ort gelten die kleinen feinen Veranstaltungen des APC-Sommers, der sich heuer auf die Einbettung des Geburtstags mit drei Konzerten beschränkte. Mehr Publikum hätte die virtuos-geniale Formation „Le Bang Bang“ am Donnerstagabend verdient, die wetterbedingt noch in die Kleinen Thermen ausweichen musste. Da hatte in beiden Punkten „Memento“ am Abend darauf mehr Glück und „Rosario Smowing“... – ohne weitere Worte. 

Christine Tröger

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