Aktiv eintreten für Demokratie

Die "zentrale Untersuchungsanstalt der Staatssicherheit der DDR" durchlebt

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Der Zeitzeuge Hans Jochen Scheidler berichtet von seiner Inhaftierung in Hohenschönhausen - „zentrale Untersuchungsanstalt der Staatssicherheit der DDR“.

Kempten – Der Ort der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen erzählt von einer 44-jährigen Geschichte politischer Verfolgung in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone und der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

Frank Häring, Vorsitzender der Freien Demokratischen Partei (FDP) Kempten hatte letzten Montag in das ART Hotel Kempten zu einem Vortrag von Hans Jochen Scheidler, einem ehemaligen Häftling der „zentralen Untersuchungsanstalt der Staatssicherheit der DDR“ eingeladen. 

Das ehemalige Gefängnis Hohenschönhausen befand sich im Berliner Bezirk Lichtenberg, es war ein Sperrbezirk, der auf keinem Stadtplan eingezeichnet war, umgeben von Stacheldraht und Wachtürmen. Selbst Untersuchungshäftlinge, die dort inhaftiert waren, wussten nicht, wo sie sich befanden. In der Zeit von 1951 bis 1989 saßen etwa 11.000 Häftlinge ein, von mutmaßlich politischen Widersachern bis hin zu Nationalsozialisten. Hans Jochen Scheidler war einer dieser Häftlinge. Als 25-jähriger junger Mann war er zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt und in das Gefängnis Hohenschönhausen gebracht worden. Heute führt er als Zeitzeuge Besucher durch die heutige Gedenkstätte in Hohenschönhausen und möchte zur Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen politischer Verfolgung und Unterdrückung in der Diktatur anregen. 

„Die Gräueltaten und Verbrechen an der Menschlichkeit dürfen niemals in Vergessenheit geraten“, sagte der Gastredner. Scheidler, der 1943 geboren wurde, erzählte von einer unbeschwerten Kindheit, die er im Ostteil von Berlin bei seinen Eltern verbrachte. Er wurde zu einem kritisch denkenden jungen Mann mit eigener Meinung erzogen. Seine Eltern und er waren überzeugt, in dem besseren Deutschland zu leben, erzählte er, in einer antifaschistischen, antikapitalistischen und demokratischen DDR. Der demokratische Sozialismus war ihre Wunschvorstellung. Im Sommer 1968 strebte die Tschechoslowakei nach Reformen unter Alexander Dubcek, mit Unterstützung einer sich rasch entwickelnden kritischen Öffentlichkeit, erklärte der Referent. Es sollte ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz geschaffen werden, mit freien Wahlen, Reisefreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit. Doch die Hoffnung und der „Prager Frühling“ waren schnell wieder vorbei. 100 Fallschirmjäger landeten in Prag und schlugen die Reformbewegung nieder. 

Dieses Ereignis hatte auch Auswirkung auf seine Zukunft, so Scheidler. Er sollte für drei Jahre nach Prag im Rahmen eines Forschungsstipendiums gehen, was nun nicht mehr möglich war. Er und vier seiner Freunde protestieren mit 800 Flugblättern gegen die Zerschlagung des „Prager Frühlings“. Im August 1968 wurden sie wegen dieser Protestaktion als Klassenfeinde verurteilt und kamen nach Hohenschönhausen. Es sei die härteste Zeit seines Lebens gewesen, sagte Scheidler. In den unterirdisch gelegenen Lager- und Kühlräumen einer ehemaligen Großküche mussten 1946/47 Gefangene ein Zellengefängnis mit 60 fensterlosen Zellen errichten. Es gab keine Waschräume, keine Toiletten und keine Heizung. Tag und Nacht brannte Licht, die Häftlinge fühlten sich wie „abgetaucht“. So kam das Gefängnis zu seinem Namen „U-Boot“, erklärte der Zeitzeuge. Im Jahr 1961 entstand direkt daneben eine neue Haftanstalt, in der er inhaftiert war. Statt körperlicher Folter wurden die Häftlinge psychologisch zermürbt, durch Isolationshaft, Ungewissheit und Desorientierung. Das Personal wurde dafür speziell an der juristischen Hochschule in Potsdam in operativer Psychologie geschult. 

Auch durften die Gefangenen keinerlei Beschäftigung nachgehen, wie lesen oder schreiben. Es gab keinen Blick nach draußen, alle Zellenfenster waren aus Milchglas und in den Vernehmungsräumen waren die Vorhänge stets zugezogen, schilderte Hans Jochen Scheidler die damaligen Zustände. Besonders in Erinnerung war ihm der „Tigerkäfig“ geblieben, eine Freiluftzelle mit Platz für nur eine Person, für den zweimal pro Woche vorgesehenen Gefangenenfreigang. Für Scheidler endete die Haft vorzeitig nach 16 Monaten. Er durfte nicht mehr an die Universität, bekam einen Bewährungshelfer und einen Job in einem Berliner Großbetrieb. Nach seiner Entlassung war ihm viel Sympathie und Verständnis entgegengebracht worden, erzählte der Referent. Durch seine gute Integration in das sozialistische Kollektiv wurde seine Personalakte bereinigt und die Jahre im Gefängnis gelöscht. Trotz der Inhaftierung in Hohenschönhausen hatte er in all den Jahren die Hoffnung auf eine demokratische, antikapitalistische DDR nicht aufgegeben. Heute sei sein Wunsch, ein aktives Eintreten für die Demokratie und eine lebendige Erinnerungskultur. Gegen Ende der Veranstaltung hatten die Teilnehmer noch Gelegenheit zum Austausch mit dem Referenten. 

Christine Reder

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