»Ich muss immer liefern!«

Allein unter Männern und im Lockdown gefangen

Jenny Harß, Eishockey-Spielerin
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Olympia und Obama - Harß ist die erfolgreichste Frau in der Männerdomäne Eishockey.

Kempten/Füssen – Jenny Harß kommt gut gelaunt und in dicker Daunenjacke zum Freiluft -Interview mit dem Kreisboten: „Mir geht’s gut,“ lacht die 33jährige und stellt ihren mitgebrachten Schläger erstmal in die Ecke. Sie ist eine der besten Eishockeytorhüterinnen Deutschlands und steht bei den Männern der Kemptener „Sharks“ im Tor. Jenny hat Zeit für ein gutes Gespräch, denn für AmateursportlerInnen heißt es derzeit: Spielen verboten!

Leistungssport in Pandemie-Zeiten – eine komplizierte Sache. Auch für Jenny Harß. Keine Spiele, kein Mannschaftstraining, keine Motivation? „Doch, doch“, sagt sie, „ aus einem vorübergehenden Tief hab ich mich schon wieder rausgezogen“. Jenny macht Yoga für die geistige und körperliche Fitness, sie läuft und fährt Rad und ist froh, als deutsche Nationalspielerin wenigstens ab und zu im Füssener Eishockeyleistungszentrum aufs Eis gehen zu dürfen. Ein Privileg, das die junge Frau mit dem brünetten Haar sehr zu schätzen weiß. So erhält sie sich „das Gefühl fürs Eis“, eine wesentliche Voraussetzung für das hohe Niveau, auf dem Harß seit vielen Jahren spielt.

Lieber den Puck fangen als ihm hinterher zu rennen

„Jenny ist ehrgeizig und sehr professionell“, lobt ihr Trainer Carsten Gosdeck vom ESC Kempten, „sie zeigt überragende Reflexe und hat hervorragende Reaktionszeiten“. Deshalb steht sie wohl auch im Tor des Bayernliga-Aufsteigers und hat viel dazu beigetragen, daß die Kemptener Männer bis zum Lockdown einen prima Auftritt hingelegt haben. Als Frau allein unter Männern – für Jenny nichts Besonderes: „Ich hab Eishockey im Blut“, schmunzelt sie, der Vater, der Bruder, beide jagen dem Puck hinterher, mit vier Jahren begann sie beim EV Füssen mit dem Laufen auf dem Eis. Sie hätte auch Fußballspielerin werden können, meint Harß, auch beim Tennis gehörte sie zu den Besseren. Doch sie blieb auf dem Eis und im Tor: „ Fangen ist mir lieber als Herumzurennen.“

Torfrau auf MännerNiveau

Mit dieser Einstellung rutschte Jenny nirgends aus, egal wo sie gerade den Kasten sauber halten sollte. Bei den Frauen in Riessersee und Memmingen oder bei den Männern in Pfronten, Sonthofen oder Königsbrunn war sie der Rückhalt im Team. „Nur im Tor können Frauen auf dem gleichen Level wie Männer spielen“, erklärt Gosdeck, auf dem Feld seien die körperlichen Unterschiede zu groß. „Ich muß immer liefern“,, sagt Harß . Mit Life-Kinetik (u.a.Bälle jonglieren) trainiert sie ihre Reaktionsfähigkeit, am Computer macht sie Übungen für ihre Augen, dazu gibt es auch Kraft-und Ausdauertraining: „Ich stehe in einem Spiel 60 Minuten unter Beschuß, das kostet richtig Kraft.“ Dumme Macho-Sprüche von Gegenspielern oder Zuschauern kommen da gar nicht erst auf, die Torfrau wird auf allen Seiten respektiert.

Händeschütteln mit Präsident Obama

Von 2009 bis 2012 verstärkte die Allgäuerin das College-Team der Uni von Minnesota – „ein amerikanischer Traum für jede Frau und jeden Mann, die oder der Eishockey liebt“. Der Höhepunkt dort: ein Empfang im Weißen Haus, Händeschütteln mit Barack Obama inklusive! Da strahlen Jennys dunkle Augen noch heute: „Das war wirklich eine ganz große Ehre für mich.“ Zweimal durfte Harß schon für Deutschland auf olympischem Eis spielen, vielleicht kommt 2022 in Peking das dritte Mal hinzu: „Das ist mein Ziel,“ sagt sie mit dem gelassenen Selbstbewußtsein einer Topsportlerin, die niemandem mehr etwas beweisen muß.

Bleibe optimistisch

Jenny Harß nimmt ihren riesigen Schläger in die Hand: „Ich bleibe optimistisch, das wird schon.“ Deutschlands TopEishockeytorhüterin krault ihren jungen Hund Simba, hakt sich bei ihrem Freund ein und entschwindet zur nächsten Trainingseinheit irgendwo in den Allgäuer Wäldern.

Lutz Bäucker

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