"Alles war leer"

Fotos und Texte zur Tragödie von Tschernobyl machen derzeit in Kempten das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich. Foto: Kampfrath

Der 26. April 1986 hat die ganze Welt verändert. An diesem Tag explodierte ein Reaktor im ukrainischen Tschernobyl. Zigtausende Menschen starben deswegen in der Folgezeit an Krebs. Heuer jährt sich die Katastrophe zum 25. Mal. Deswegen will das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk mit der Ausstellung „Menschen – Orte – Solidarität“ daran erinnern. Vergangene Woche war sie in Kempten zu sehen.

Zwei mannshohe schwarze Stelen stehen in der Südhalle der St.-Mang-Kirche. Sie nennen Namen von 480 Ortschaften, die durch den atomaren Supergau nicht mehr existieren. Die Ausstellung erklärt, wie es zu dem Unglück kam. Bei einem Test schloss die Betriebsmannschaft die Turbinenventile. Wider Erwarten stieg die Reaktorleistung um ein Vielfaches. Die entstehenden Gase dehnten sich aus. Der hohe Dampfdruck sprengte die 1000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktors weg. Ohne Schutzanzüge löschten die 186 alarmierten Feuerwehrleute in dieser Nacht über 30 Brände. Sie wussten nicht, dass es sich um ein atomares Desaster handelt. In den folgenden Wochen starben 28 Feuerwehrleute und Kraftwerksmitarbeiter qualvoll. Erst am 7. Mai konnten Hubschrauberpiloten den Reaktorbrand durch das Abwerfen von Sand, Bor, Blei, Dolomit und Lehm löschen. Der drei Kilometer von Tschernobyl entfernte Ort Pripjat, der für die Mitarbeiter des Atomkraftwerks gebaut wurde, ist heute eine Geisterstadt. Die freigesetzte Radioaktivität betrug nach Schätzungen das Ein- bis Vierhundertfache der Atombombe von Hiroshima. Besonders die Radionuklide Jod-131, Cäsium-137, Strontium-90 und Plutonium-239 gerieten in die Umwelt. Durch die Schilddrüse, Nahrung und Atemluft gelangten sie in den menschlichen Körper. Eine Schautafel zeigt, wie stark der Boden in Deutschland 1986 kontaminiert war. Demnach war Bayern am stärksten belastet. Sinkende Lebenserwartung Bis Ende der 1980er Jahre hielt die sowjetische Regierung das Ausmaß der Katastrophe geheim und betrieb Verharmlosungspolitik. Mehrere Tafeln widmen sich den Liquidatoren. Sie bauten unter anderem den Betonsarkophag um den Reaktor und bargen radioaktiven Schutt. Dabei waren sie einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. Viele erkrankten später. Vor allem ältere Menschen kehrten nach der Umsiedlung in ihrer ehemaligen Dörfer zurück. Etwa fünf Millionen Menschen wohnen heute in den verseuchten Regionen Weißrusslands, Russlands und der Ukraine. Im weißrussischen Gebiet Gomel, das durch nukleare Regenschauer stark belastet wurde, sank die Lebenserwartung zwischen 1986 und 2000 um fünf Jahre. Dort baute die weißrussische Regierung ein modernes Zentrum für Strahlenmedizin. Die letzten Schautafeln beschäftigen sich mit dem Thema Solidarität. Besonders Deutschland, Japan und Italien engagierten sich. Die Solidaritätsbewegung begann mit Hilfslieferungen und Erholungen für Kinder, während heute strukturelle Hilfe im Vordergrund steht. Ohne die internationale Unterstützung könnten die betroffenen Länder die Folgen von Tschernobyl nicht bewältigen. Zahlreiche Initiativen in Deutschland, Frankreich und Italien beschäftigen sich mit der Früherkennung und Behandlung von Schilddrüsenkrebs, der zu den zentralen Folgen der nuklearen Katastrophe gehört. Die Ausstellung geht auch darauf ein, dass die nukleare Tragödie von Tschernobyl immer mehr in Vergessenheit gerät. Die Schautafeln sind beidseitig bedruckt. Der innere Rundgang zeigt die informative Sachausstellung. Viele Tafeln informieren nicht nur mit Text und Bild, sondern auch mit kleinen Filmen, bei denen der Ton über Kopfhörer kommt. „Die modernen Medien sind gut für so eine Ausstellung geeignet“, sagte Brigitte Römpp, die die Schau nach Kempten geholt hatte. Beim äußeren Rundgang ist die Fotoausstellung von Rüdiger Lubricht zu sehen, der sich seit 2003 mit dem Thema beschäftigt. Begehrte Zeitzeugin Als Zeitzeugin beantwortete Elena Kirsnouskaya die Fragen der Besucher. Eigentlich sollte Dr. Ludmilla Birjukowa nach Kempten kommen, aber sie durfte nicht reisen. „Das ist Weißrussland“, meinte Brigitte Römpp. Elena Kirsnouskaya wohnte damals in Minsk. „Am 2. Mai 1986 bekam ich einen Brief vom Militär, dass ich ins Kreiswehrersatzamt kommen solle“, erzählte die Krankenschwester. Als sie und andere dort eintrafen, mussten sie in Militärautos einsteigen. „Wir wussten nicht, wohin wir gefahren werden.“ Ziel war die 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl. „Das Schlimmste war, nach der Ankunft die verlassene Stadt zu sehen. Die Straßen, die Häuser – alles war leer.“ In der Sperrzone musste die Weißrussin die Radioaktivität messen und schnelle medizinische Hilfe leisten. In Hoiniki half sie beim Aufbau eines Krankenhauses für die Betroffenen. „Wir hatten zwar Salben, Medikamente, Binden und Desinfektionsmittel. Aber da medizinische Geräte fehlten, konnten wir die Leute nicht ordentlich untersuchen.“ Einen Monat später durfte Elena Kirsnouskaya zurück nach Hause fahren, denn sie hatte Magenbluten. Im Juli 1987 erlitt sie eine Fehlgeburt. Der behandelte Arzt meinte damals, dass das eine Folge ihres Aufenthalts in der Sperrzone sei. Nach Kempten ist Kiel die nächste Station der Ausstellung. Erst im Juni kommt sie mit München dann schließlich auch wieder nach Bayern und Süddeutschland.

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