Auf dem Weg

Das Allgäu soll "Treiberregion" für Wasserstofftechnologie werden

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Tauschten sich mit Akteuren aus Forschung, Politik und Wirtschaft zum Thema Wasserstoff aus: (vorne v.l.) Prof. Wolfgang Hauke, Präsident der Hochschule Kempten, Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung sowie Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Kempten – „Hochschulen werden in Zukunft eine Kernfunktion übernehmen in der Verschmelzung von Wissenschaft und Anwendung“, ist sich Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung sicher.

Auf Einladung von Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller traf sie sich an der Hochschule Kempten zum Austausch mit regionalen Vertretern aus Wirtschaft und Politik sowie Experten der Hochschule. Das Thema: „Anwendungsmöglichkeiten der Wasserstofftechnologie.“ Karliczek und Müller wollen eine „nationale Wasserstoffstrategie“ voranbringen, die allerdings noch durchs Kabinett muss. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass „wir es auch vermarkten können“, wenn es gelinge, Ökologie und Ökonomie gut zu verbinden

Dafür baut die Ministerin unter anderem darauf, dass Müller für „verlässliche Partnerschaften mit Afrika“ sorgt, wodurch dort nicht nur mehrere Millionen neue und „gut bezahlte“ Arbeitsplätze entstehen würden. Der Vorteil für Deutschland: „Hier musst Du zehn Jahre diskutieren, dort kannst du in zwei Jahren bauen“, berichtete Müller unter anderem von einem großen Projekt in Marokko zur Erzeugung von Methanol, „die Veredelung von Wasserstoff“, da dafür laut Müller Tankstellen nicht umgerüstet werden müssen. Es soll aus dem afrikanischen Staat für die Energieversorgung nach Europa importiert werden. Kempten und Landkreis spielen vorne mit Aber, wie Karliczek es formulierte, „wir wollen nicht von Deutschland aus die Welt retten, wir wollen die Prototypen schaffen“, um sie zu exportieren. 

Die Wasserstofftechnologie soll der erste Schritt sein. So hatte sie auch ein offenes Ohr für Minister Müllers Ansinnen, aus dem Allgäu eine „Treiberregion“ zu machen und mit Unterstützung von Karliczeks Ministerium „das Forschungsfeld Wasserstofftechnologie auf- und auszubauen“. Damit will er dem Ziel eine „Modell-Innovationsregion für Wasserstoff“ zu werden, näher kommen. Dabei spielen mehrere Stränge eine Rolle: Bekanntlich ist die Region Oberallgäu-Kempten seit Ende 2019 eine von fünf Zukunftsregionen für Wasserstofftechnologie und die Hochschule Kempten plant ein Wasserstofftechnologie-Zentrum aufzubauen sowie das Allgäu als Wasserstoffregion zu etablieren, wie Prof. Dr. Andreas Rupp, Vize-Präsident der Hochschule, erklärte. Der Forschungsschwerpunkt „Energiesysteme und Energietechnik“ soll laut Hochschul-Präsident Prof. Wolfgang Hauke die Nutzung von Wasserstoff auf Schiene und Straße vorantreiben. Dabei hat Deutschland allerdings zwei Probleme. 

Das eine ist die in Bezug auf Innovation und Aktion recht unbewegliche Bahn, die nach dem Wunsch und Willen von Minister Müller dazu gezwungen werden müsse, grüne Wasserstofftechnologie einzusetzen. Man müsse richtig „Druck machen“, damit diese „Dreckschleudern“ von Dieselzügen aus den 1970ern und 1980ern die saubere Luft des Allgäus nicht mehr verpesten. Das zweite Problem ist, dass die „DAX-Unternehmen die Entwicklung verschlafen haben“, was „wir mit hunderttausend Ausstellungen bezahlen werden“, prognostizierte Müller, der sich darüber echauffierte dass in Afrika vor allem asiatische Autos fahren. Ein Punkt, den ZAK-Geschäftsführer Karl-Heinz Lumer auch anderer Stelle ausmachte. Denn „es nützt nichts, nur Wasserstoff zu erzeugen, wir brauchen auch Leute die ihn nutzen“, sagte er und da sehe er das Problem für Unternehmen, dass Europa mit der Herstellung entsprechender LKWs noch nicht so weit sei. „Man müsste also LKWs aus Asien kaufen.“ Auf den sehr viel stärker wachsenden Markt in Afrika als bei uns, schielte auch Stephan Hohm, Corporate Director R&D beim Logistiker Dachser. 1,3 Milliarden Menschen leben ihm zufolge aktuell auf dem afrikanischen Kontinent, mit rasant steigender Prognose.

 „Das sind Märkte, die dort für uns entstehen“, nicht nur Absatzmärkte, sondern auch Kooperationsmärkte, sah er das Potential. Deutschland sei hier dabei „eine ganz wichtige Entwicklung zu verschlafen“, wies er darauf hin, dass China in Afrika die Nase vorne habe. Ziel müsse sein, Dinge dort zu entwickeln und dann zu uns quasi zu re-importieren. Das seien „nicht nur Visionen“, konnte er von bereits drei Dachser Partnerschaftsprojekten in Äthiopien berichten und einem in Südafrika. Aktiv befasst sich auch AllgäuNetz bereits mit dem Thema und hat sich mit dem Zweckverband für Abfallwirtschaft (ZAK) auf Suche nach Energieabfall begeben. Dabei habe man genug Potential gefunden, um beispielsweise „20 Züge“ zwischen Oberstdorf und Buchloe fahren zu lassen, wie AllgäuNetz-Geschäftsführer Volker Wiegand berichtete. Sinnvollerweise soll die Energie auch da zur Wasserstoff-Produktion verwendet werden, wo sie anfällt, wie beim ZAK, am Klärwerk in Lauben oder an Wasserkraftwerken – eben überall dort, wo nicht benötigter „grüner Strom“ anfällt. 

ZAK-Geschäftsführer KarlHeinz Lumer erinnerte aber auch daran, dass „es nicht nützt, nur Wasserstoff zu erzeugen. Wir brauchen auch Leute die ihn nutzen“. Und doch zeigte sich Ministerin Karliczek am Ende zuversichtlich: „Wir haben die Kraft, das Wissen und das Können“, das in keinem Land der Welt so ausgeprägt sei. 

Christine Tröger

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