"Steinerne Urkunde"

Geheimnissvolle Burgställe

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Für ungeübte Augen schwer zu erkennen: Burgstall in Kniebos bei Kempten.

Kempten – Dank Dr. Otto Merkt (1877-1951), einstiger Oberbürgermeister Kemptens, ist im Allgäu mancher kleine Hügel nicht einfach nur ein Hügel, wie das ungeschulte Auge sonst vermuten würde.

Der „Burgenjäger, wie Roger Mayrock, Leiter des Allgäuer Burgenmuseums, ihn in seinem Vortrag nannte, hat nämlich Bodendenkmäler „kartiert und mit Gedenksteinen versehen“.

In seinem Vortrag „Burgen, Burgställe, Bodendenkmäler im Wald“, den Mayrock im Rahmen der Ausstellungseröffnung von „DenkMal im Wald“ hielt, schärfte er sowohl Blick als auch Hintergrundwissen für die verborgenen Zeugen mittelalterlicher Geschichte. Aber wie muss man sich das Allgäu im Hochmittelalter überhaupt realitätsnah vorstellen? Eine von Mayrock nach akribischen Recherchen angefertigte Illustration zeigte eine landwirtschaft- lich geprägte Szenerie, mit Burg – Wohnstatt für den so genannten Dienstadel mit ihren Familien und dem Gesinde – und Vorburg, wo sich die landwirtschaftliche und handwerkliche Infrastruktur befand.

Wie Mayrock schilderte, wurde der niedere Adel durch Lehen sozusagen zum „Unternehmer“, was natürlich Verpflichtungen gegenüber dem Lehensherrn mit sich brachte, von dem sie Burgen mit Ländereien, zum Beispiel für Getreideanbau, bekamen. Häufige Grundformen von mittelalterlichen Wehranlagen waren ein Wohnturm auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, genannt „Motte“, und eine Burganlage, die auf einem Gelände- sporn zwischen zwei Bachtälern errichtet wurde. Ein Wohnturm konnte laut Mayrock von sieben bis 20 Meter hoch sein, mit entsprechend variabler Anzahl von Zimmern, die jeweils eins über dem anderen angeordnet waren. „Eine Heizung gab es immer“, egal ob im Mittelalter oder früher, betonte er. Und noch eine häufige, dennoch falsche, Vorstellung stellte er richtig: „Das Meckern der Ziegen war eher der Alltag als Waffengeklirr.“ Viele Burgen hätten sogar nie eine kämpferische Auseinandersetzung gehabt. Vielmehr hätten Merkmale der Wehrhaftigkeit, zum Beispiel Palisaden, häufig „Bedeutung weit über das Praktische hinaus“ gehabt und seien Symbole für die „gesellschaftliche Stellung des Adels“ gewesen.

Wie Mayrock verdeutlichte sind intakte Bodendenkmäler unter anderem deshalb so wichtig für die Geschichtsforschung, weil die existierenden Urkunden vor allem „Geschäftsurkunden“ waren, die weder Aussagen zum Leben noch über die Aufteilung liefern. Bei den Ruinen sei deshalb ausschlaggebend, was wir als Besucher nicht sehen. Das, was unter der Erde liegt, sei quasi eine „steinerne Urkunde“, die auch von Bränden, Ernährungsgewohnheiten und vielem mehr berichte. Bedauerlicherweise würden Burgställe oft aus Unwissenheit aufgeschüttet oder mit der „Planierraupe platt gemacht“.

Auch von sehr häufigen Schäden durch übereifriges Engagement wusste er zu berichten, durch das im besten Glauben Schutt mit allem was sich darin befindet abgetragen und die Ruine gereinigt werde. „Übrig bleibt ein aussageloses Baudenkmal.“ Der „typische Werdegang“ einer Burg sei, dass sie verlassen wird, die Vorburg aber als Bauernhof weiterlebt. Das Material der zunehmend zur Ruine verfallenden Burg wird wieder als Baustoff für andere Objekte verwendet, bis nur noch der Burgstall übrig bleibt, der meist nur noch anhand seiner topographischen Merkmale zu erkennen ist.

Die Wanderausstellung „DenkMal im Wald“, ergänzt durch ausgewählte mittelalterliche Burgställe in und um Kempten, ist noch bis 23. November täglich (außer montags) von 10 bis 16 Uhr im Börsensaal des Kemptener Kornhauses zu sehen. Details zum begleitenden Fotowettbewerb (der Kreisbote berichtete) mit einer Karte der zehn Bodendenkmäler sowie den dazugehörigen GPS-Daten gibt es zum Mitnehmen in der Ausstellung oder im Internet auf der Seite www.museen-kempten.de.

Christine Tröger

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