Sommerferien mal anders

Allgäuer Cowboys ohne Lasso: Kleinhirten auf dem Wenger Egg

Die Schüler (v.li.) Timo und Leo haben auf der Alpe von Thomas Oberrieder einen ganz besonderen Ferienjob auf der Alpe Wenger-Egg-Kleinhirten
+
Die Schüler (v.li.) Timo und Leo haben auf der Alpe von Thomas Oberrieder einen ganz besonderen Ferienjob.
  • Lutz Bäucker
    VonLutz Bäucker
    schließen

Weitnau – Timo (14) und Leo (12) leben in den Ferien als „Kleinhirten“ in 1.000 Metern Höhe - mit 130 Jungrindern, ohne Fernsehen, ohne Computer.

Timo und Leo sind Schüler, wie Hunderttausende andere in Bayern. Und doch machen die beiden etwas anders: Sie helfen beim Sömmern der Tiere auf dem Wenger Egg.

„Uns fehlt‘s an nix“, beteuern die beiden Buben und blinzeln in die Spätsommersonne, die gerade die Alpe Wenger Egg in ihr mildes Licht taucht. Das ist seit Ende Juli ihr Zuhause, hier wohnen sie mit dem Alphirten Thomas Oberrieder und seiner Partnerin Ramona Steinle. Hier packen sie mit an, beim Viehtrieb, bei der Versorgung kranker und verletzter Tiere und immer, wenn irgendetwas zu tun ist.

Die Kleinhirten legen weite Wege zurück

„Wir sind die Cowboys“, grinst Leo, „uns fehlt nur das Lasso!“ Mal sind sie unterwegs mit dem Quad, um die „Schumpen“ (Jungrinder bis etwa zwei Jahren) von einer Weide zur nächsten zu treiben, mal zu Fuß, um Zäune zu reparieren oder ein Jungtier zu suchen. „Wir haben 36 Kilometer Zaun und rund 8.000 Zaunpfosten bei uns hier oben“, stellt Leo nicht ohne Stolz fest.

Die beiden Schüler aus Wengen verbringen den Sommer schon zum zweiten Mal fernab der üblichen Sommerlustbarkeiten wie Badengehen, Eisessen oder am PC-spielen: „Unsere Großeltern Mösslang haben die Alpe fast 50 Jahre lang bewirtschaftet“, erzählt Timo, der Ältere, „als Thomas und Mona sie 2020 übernommen und uns gefragt haben, ob wir helfen möchten, haben wir sofort ‚Ja!‘ gesagt.“

Kein Zuckerschlecken auf der Alp

Es ist kein Zuckerschlecken, was sie sich ausgesucht haben. Aufstehen um halb sieben, dann das Kleinvieh hinterm Haus versorgen, die Schweine füttern, erst danach gibt’s Frühstück. „Die Tiere kommen immer zuerst, dann die Menschen“, weiß Leo, der als FC Bayern-Fan die Fußballbilder im Fernsehen schon ein bisschen vermisst.

Danach müssen sie schauen, wie es den Rindern geht, ob eines verletzt ist oder krank: „Viele haben den ‚Äugler‘, eine Bindehautentzündung“, berichtet Alphirte Oberrieder, „und durch das Stehen im heuer oft nassen Boden kriegen die Tiere Probleme an den Klauen.“ Da helfen Salbenverbände, und die anzulegen, das machen die Buben schon sehr routiniert. Oberrieder ist begeistert: „Die Buben machen das super!“ Wenn sie sehen, dass ein weibliches Tier „rindrig“ (brünstig) ist, muss es schnell gehen: „Der Besamer kommt innerhalb weniger Stunden aus Memmingen zu uns rauf“, weiß Leo.

An schönen Tagen unterstützen die beiden auch Mona Steinle bei der Getränke- und Essensausgabe für die vielen Besucher: „Das Bier oder die Limo darf nicht ausgehen“, lacht Timo und sein Bruder ergänzt: „Monas selbstgebackener Schoko-Kirsch-Kuchen ist der absolute Renner bei Wanderern und Mountainbikern.“

Sie wissen genau, was sie tun

„Als Kleinhirte darfst du kein Weichei sein“, stellen die beiden Schüler nüchtern fest. Fast jeden Abend fallen sie müde ins Bett, der Ferienjob ist anstrengend. Manchmal reicht‘s gerade noch für eine Runde Kartenspielen, das war‘s dann. „Wir brauchen nicht mehr“, sagen sie, „es macht echt Spaß, immer mit den Tieren in Kontakt zu sein, das ist toll.“ Viele Rinder erkennen sie an ihrer Fellzeichnung, 130 Stück von 15 verschiedenen Bauern genießen das würzige Berggras mit vielen Kräutern.

Nur selten müssen Timo und Leo mal etwas fester zupacken, um die Schumpen auf den richtigen Weg zu lenken: „Das sind absolute Herdentiere, die laufen immer der Leitkuh hinterher.“ Und neugierig sind sie: „Ein Loch im Zaun, und sie sind weg!“ Die beiden Schüler wirken lässig und cool, sie wissen genau, was zu tun ist, keine Spur von Heimweh nach dem Tal.

Kleinhirten: Taschengeld von der Bank

Als Kleinhirten bekommen sie ein Taschengeld von der regionalen Raiffeisenbank, die mit diesem Programm den Hirtennachwuchs für die vielen Alpen im Allgäu fördert. „Leider müssen wir am 14. September wieder runter ins Tal und nach Weitnau in die Schule“, bedauern Timo und Leo. Also wieder Mathe, Sport und Technikunterricht statt Cowboy sein: „Wenn der Thomas uns wieder haben möchte, sind wir nächstes Jahr aber wieder oben!“

Zum Schluss ihrer etwas anderen Sommerferien sind beide nochmal sehr gefragt: Sie müssen helfen, ihre Schumpen heil ins Tal zu bringen, zum Viehscheid am Ortsrand von Wengen: „Das ist dann wie Cowboys beim Rodeo“, lachen Timo und Leo. Es sieht so aus, als ob der Sommer 2021 für sie ein schöner Sommer gewesen ist.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht
Kempten
ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht
ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht
HOI!-Verein und ZAK eröffnen schickes Gebrauchtwarenhaus
Kempten
HOI!-Verein und ZAK eröffnen schickes Gebrauchtwarenhaus
HOI!-Verein und ZAK eröffnen schickes Gebrauchtwarenhaus
Kemptener mit Leib und Seele ist Dr. Franz Tröger – neulich auf dem Bunten Sofa
Kempten
Kemptener mit Leib und Seele ist Dr. Franz Tröger – neulich auf dem Bunten Sofa
Kemptener mit Leib und Seele ist Dr. Franz Tröger – neulich auf dem Bunten Sofa
Drei Lärmquellen – Feuerschwenden mitten drin
Kempten
Drei Lärmquellen – Feuerschwenden mitten drin
Drei Lärmquellen – Feuerschwenden mitten drin

Kommentare