Der Fall ins Bodenlose

Allgäuer Gastgeber kämpfen um ihr Überleben und demonstrieren

Das Oberallgäuer Landratsamt
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Vor dem Landratsamt Oberallgäu in Sonthofen wird es an diesem Wochenende Aktionen geben, die auf die Not der Kleinvermieter während des Lockdowns aufmerksam machen sollen.

Oberallgäu - Den Oberallgäuer Gastgebern reicht‘s. Besonders kleine Privatvermieter stehen durch die Lockdowns vor dem Ruin. Am Samstag, 27. Februar, wollen sie demonstrieren.

Die Sozialstruktur ist ein Begriff aus der Soziologie, bei der eine Gesellschaft, kurz gefasst, nach ihren sozialen Merkmalen und ihrer sozialen Schichtung beschrieben wird. Die Sozialstruktur des ländlichen Oberallgäus wird durch eine kleinteilige Landwirtschaft geprägt. Rund 800 aller landwirtschaftlichen Betriebe im Allgäu betreiben als zweites Standbein die Vermietung an Urlaubsgäste. Dieses zusätzliche Einkommen sichert meist das Überleben der Bauernhöfe. Diese bewährte Sozialstruktur ist in Gefahr und es liegt an der Politik, ob diese durch andauernde Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie verlorengeht oder auch zukünftig die Allgäuer Gesellschaft ausmacht. Das einst stabile Sozialstrukturen nicht zwingend für die Ewigkeit angelegt sind, beweist u.a. das Ruhrgebiet, das zum sozialen Schlusslicht Deutschlands wurde.

In der Behörden-Matrix

„Wir müssen Ostern wieder für unsere Gäste öffnen dürfen!“, sagt deshalb Margret Hohberger, die in Bolsterlang das Gästehaus ­„Eldorado“ betreibt und die zugleich den Vorsitz im Verein „Gastgeber mit Herz e.V.“ innehat. Gemeinsam mit Angelika Soyer vom Verein „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof e.V.“ organisiert Margret Hohberger nun zum ersten Mal in ihrem Leben eine Demonstration. So wird es am Samstag, den 27. Februar, vor dem Landratsamt auf dem Oberallgäuer Platz in Sonthofen eine stille „Plakat-Demo“ geben, bei der als Mahnung an die politisch Verantwortlichen Plakate, gespannte Leintücher und Holzkreuze, beschrieben mit den Sorgen und Nöten der Kleinvermieter, aufgestellt werden. „Nach 30-wöchigem Beherbergungsverbot für Übernachtungsbetriebe ist die Existenz vieler Privatvermieter und kleinstrukturierter Unternehmen bedroht“, weiß Margret Hohberger aus ihrer Branche zu berichten.

„Gemeinsam mit unseren Mitstreitern vom Verein „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof“, dem Kreisvorsitzenden der BHG Oberallgäu Armin Hollweck und den Allgäu TopHotels konnten wir nur resigniert feststellen, dass unsere Stimmen bis dato nicht gehört wurden.“ Nun soll bei einem Aktionswochenende mit zwei Demonstrationen in Sonthofen insbesondere auf die Not der privaten Kleinvermieter medial aufmerksam gemacht werden.

Insbesondere die kleinen Privatvermieter könnten die großen Verlierer der Pandemie werden, da diese in aller Regel kein Gewerbe angemeldet haben und somit nicht berechtigt sind, Anträge an Überbrückungshilfen zu stellen. Es droht ein Fall ins Bodenlose. Aber auch für die anderen wird das Warten auf klägliche Abschlagszahlungen zum Alptraum. „Um überhaupt einen Antrag für Überbrückungshilfen stellen zu dürfen, braucht es einen Steuerberater“, erzählt Margret Hohberger. Der hat die Vermieterin satte 1160 Euro gekostet. Bekommen hat sie derweil 7000 Euro bei fortlaufenden Kosten, die sich für ihren Betrieb nun auf über 100.000 Euro summieren. Deshalb fordert der Verein „Gastgeber mit Herz“: „Es muss jetzt schnell geholfen werden. Bekommen die Betroffenen nicht sofort finanzielle Hilfe, werden wir unser Allgäu nicht mehr wiedererkennen!“

»Ostern müssen wir öffnen!«

Auch Angelika Soyer reicht‘s. „Die Stimmung kippt“, stellt die Vorsitzende von „Mir Allgäuer “ fest. „Bis zum ersten Lockdown standen all unsere Betriebe gut da, es gab 2019 vier Millionen Übernachtungen im Allgäu, so viele wie noch nie. Doch jetzt sind die privaten Kleinvermieter, darunter viele Bäuerinnen und Bauern, sowohl finanziell wie menschlich am Boden“, berichtet Soyer am Telefon. Dass die Impfstrategie nicht funktioniere, spürten nun insbesondere die kleinen Vermieter, nicht die großen Bettenburgen, die anlog zu anderen Wirtschaftsbereichen gerettet würden. Als Mischbetriebe kommen diese nicht in den Genuss finanzieller Hilfe und da derzeit auch die landwirtschaftlichen Betriebe nicht rentabel wirtschaften können, bringt das viele im Allgäu in Existenznot, sagt Angelika Soyer.

Deshalb heißt die Forderung der Betroffenen ganz klar: „Ostern müssen wir öffnen!“ Da es genügend Anfragen von Urlaubswilligen gibt, hält Soyer eine Öffnung für Ostern für sinnvoll. Wenn ich unsere Mitglieder befrage, sagen mir die meisten: „Es wäre wichtig, Reisen im eigenen Land zuzulassen, sonst fliegen die Menschen ins Ausland – das ist keine Lösung!“ Bereits mit der Aktion „#gemeinsam unter 50“ habe man in Kooperation mit der Allgäu GmbH gezeigt, dass man die Infektionszahlen im Allgäu erfolgreich senken konnte. Nun fordert „Mir Allgäuer“ einen stufenweisen Einstieg in den Tourismus, flankiert von Schnelltests wie in Österreich.

Zudem sieht Soyer das Allgäu im Vorteil, weil anders als in Österreich die Besucher hauptsächlich aus Deutschland kommen und so eine Einschätzung des Infektionsgeschehens besser zu verfolgen sei und keine Mutationen aus dem Ausland eingetragen werden. Zusammengefasst die Forderungen der Kleinvermieter: „Nutzen wir endlich die modernen digitalen Werkzeuge, wie QR-Codes zur Registrierung an Freizeiteinrichtungen und Gaststätten, für die Kontaktnachverfolgung und setzen Schnelltests für jeden ein! Wir brauchen einen baldigen Weg aus dem unsäglichen Dauerlockdown! Die Kollateralschäden sind für die Menschen unermesslich. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben!“

Jörg Spielberg

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