Allgäuer Geschichte verständlich präsentiert

Geschichte als Gestalter der Zukunft

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Flugplatz Durach 1935.

Die Nummer 116 trägt der jüngst erschienene Band „Allgäuer Geschichtsfreund – Blätter für Heimatforschung und Heimatpflege“.

Tilmann Ritter, 1. Vorsitzender des Heimatvereins Kempten, weist in seinem Vorwort auf die Bedeutung einer wiederholten Betrachtung der Geschichte hin, um in der Gegenwart und für die Zukunft „die richtigen Schlüsse ziehen und notwendigen Entscheidungen treffen zu können“.

Im kurzen Jahresbericht 2016 macht er deutlich, dass sich der Heimatverein unter anderem auch bei der Diskussion um die Stadtentwicklung weiterhin „intensiv“ einbringen wolle, so beispielsweise bei der Neuordnung und Gestaltung des Stadtparks oder der Museumsentwicklung. Allerdings stellt er auch mit Bedauern fest, dass sich die Ergebnisse solcher Dialoge gelegentlich „konträr demgegenüber präsentieren, wie wir es uns gerne gewünscht hätten“ – siehe ehemaliges Brauhausgelände. Ebenfalls im Auge behalten wolle man „wie und wann es in Sachen Beginenhaus weitergeht“.

Zwei große Kapitel sind dem Duracher Flugplatz gewidmet. Einmal greift der Autor Gerd Bischoff, Altbürgermeister der Stadt Immenstadt, den Flugplatz Durach-Kempten in der Zeit von 1933 bis 1945 auf und legt dar, dass Überlegungen für einen eigenen Flughafen in Kempten bereits in der Zeit unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg aufgekommen waren. Er zeichnet die spannende Geschichte, in der die militärische Nutzung während der NS-Zeit eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hat, auch in Verbindung mit der Ordensburg in Sonthofen. Erst seit 1950 wird der Flugplatz ausschließlich zivil genutzt.

Von einer ganz anderen Seite nähert sich der Germanist, Historiker und Sänger Gerhard Hölzle dem Ort in seinem Artikel „Quax in Fahrt“. 1943 hatte der Duracher Flugplatz für den gleichnamigen Film – Deutscher Verleihtitel: „Quax in Afrika“ – und Nachfolger des 1941 gedrehten Filmes „Quax der Bruchpilot“ mit dem damals bekannten Schauspieler Heinz Rühmann als Kulisse gedient. Hölzle beleuchtet aber vor allem „die Filmpolitik des Nationalsozialismus, ihre Vorgaben und Bedingungen“, denn, so der Autor, es sei „naiv in einer in der Nazidiktatur gedrehten Filmkomödie nur eine unpolitische und harmlose Unterhaltung zu sehen“.

Mit „für das öffentliche Leben maßgeblichen normativen Leitlinien frühmoderner „guter“ Policey“ beschäftigt sich Prof. Dr. Wolfgang Wüst vom Lehrstuhl für Bayerische und Fränkische Landesgeschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in seinem mit „WIDER „ehebruch, hurereÿ, unzucht, kuppeleÿ und unterschleipf“ – POLICEY-STATUTEN IN KEMPTEN IM JAHRE 1770“ etwas sperrig überschriebenem Artikel. Kurz gesagt geht es darin um die Aktualisierung des Stadtrechts. „’Policey’ steht meist für Ordnung“, so steht es zu lesen. So regelt beispielsweise Artikel 4 der Reichsstädtischen „Statuta“ von 1770: „Sodann ist nicht gestattet, die Zeit über als der Gottesdienst dau(e)rt, auf dem Kirchhof Sail zu spannen, oder Wäsch zu trocknen.“ Während Titulus II in 19 Artikeln „Von Straff offenbarer Laster, Frevel und anderer Ungebühr“ handelt, regelt Titulus III das “Heÿrathen und der Hochzeit Ordnung“. Des Weiteren werden unter anderem auch Testamente und Erbfolge neu geordnet.

Die wiedergefundenen Briefe von 1872 bis 1878 des in Bühl am Alpsee 1846 geborenen Malers Johann Georg Grimm hat W. Gunther Le Maire, Dipl. Kaufmann, ausgewertet. Reisefreudig ist Grimm wohl gewesen, wie seine Skizzen und Briefe unter anderem aus Brasilien, Sizilien, Tunesien, Algerien, Spanien oder Frankreich belegen. Zehn Jahre seines Lebens, von 1877 bis 1887, hat er in Brasilien verbracht, wo er zum Professor an der Kaiserlichen Akademie in Rio de Janeiro berufen wurde und die „Grupo Grimm“ gründete, die Landschaften plein air malte, wie Le Maire ausführt. Der schwer kranke Maler sei zunächst zu seinem in Wengen lebenden Bruder zurück ins Allgäu gekommen und kurz vor Weihnachten 1887 schließlich in Palermo verstorben, wohin er wegen des für ihn vorteilhafteren Klimas gereist war.

Mit sechs Buchbesprechungen von Kemptens Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck und (univ.) Diplomhistoriker und -pädagoge Dr. Werner Scharrer zu unterschiedlichsten Fachthemen schließen die 144 Seiten starken „Blätter“ zur Allgäuer Geschichte.  Christine Tröger

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