Reiseziel: Architektur

Der architekturforum allgäu e.V. präsentiert neuen Architekturführer 

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Einige der Architekten, von denen Kemptener oder Oberallgäuer Bauten im Führer beschrieben sind: Peter Geiger, Christiane Maucher, Gerhard Pahl, Günther Prechter, Thomas Meusburger, Willi und Felix Huber.

Kempten/Allgäu – „Der Führer ist für die breite Öffentlichkeit gedacht, auch für Laien“, sagt Franz G. Schröck, Geschäftsführer des architekturforum allgäu e.V.

Der Verein hat nun den Nachfolger des 2006 erschienen Bandes „P001 – P 058, Architektur im Allgäu 1990 – 2005“ herausgebracht. Diesmal in Farbe, aber in ähnlichem Umfang von rund 200 Seiten und wieder beim Kunstverlag Josef Fink.

58 Objekte aus dem Unter-, Ober-, West- und Ostallgäu werden in „P059 – P117, Architektur im Allgäu 2006 – 2015“ auf je einer Doppelseite vorgestellt. In den Klappen des kleinformatigen Buches dient eine Karte mit allen Objekten der Übersicht. Die Objekte werden entlang einer Linie von Nord nach Süd vorgestellt. „So kann sich der Interessierte eine Tour zusammenstellen und die Bauten besichtigen“, erklärt Schröck. Eine Sonntagstour zu ausgewählten Bauten also? Den Herausgebern und den beitragenden Architekten ist es wichtig, das Thema Baukultur ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Zwar habe sich seit Erscheinen des ersten Bandes bereits „ein gewisser Qualitätsanspruch bei der Gestaltung unserer gebauten Umwelt etabliert“, wie Schröck im Vorwort schreibt. Aber es reiche noch nicht aus.

Am Donnerstagabend versammelten sich Interessierte, Mitglieder und sechs Architekten von Kemptener und Oberallgäuer Objekten zur Buchpräsentation in der Buchhandlung Dannheimer. Schröck selbst tourt derzeit durch Allgäuer Städte, bei denen jeweils die regionalen Architekten ihre veröffentlichten Werke vorstellen.

Mit der PanoramArena in Wiggensbach stellte Thomas Meusburger von f64 architekten ein Projekt vor, bei dem die Nutzer und Anrainer aktiv in den Planungsprozess eingebunden waren. Um die Einfamilienhäuser in der Nachbarschaft nicht zu erdrücken, wurde die Sporthalle mit einem „zurückgenommenen Dachtragwerk“ geplant. Die geschosshohe Holzbinderkonstruktion schaffe eine warme Atmosphäre.

Ein weiterer Mehrwert entstehe durch die großzügigen Panoramafenster, für die die Halle bereits bekannt ist. Die gesellschaftliche Relevanz und die Bürgerbeteiligung war ein Auswahlkriterium der dreiköpfigen externen Jury für die Aufnahme in den Führer. Der Bürgerbahnhof in Leutkirch, das Dorfbackhaus in Martinszell und der HoSchMi-Stadel sind weitere Beispiele solcher Bauten.

Aber auch die Frage, wie sich das Gebäude in die Umgebung einfügt, „ob sie mit ihr in Dialog tritt“, so Schröck, war für die Jury wichtig. Mit dem vom Architekturbüro Huber gestalteten S4-Gebäude in Kempten stellten Willi und Felix Huber ein solches vor. Das Büro- und Geschäftshaus in U-Form bietet einen freien Platz gegenüber der hier sichtbaren Stadtmauer und hebt sie hervor.

Auch das buddhistische Europazentrum in Bühl am Alpsee kann hier erwähnt werden. Günther Prechter von Dietrich / Untertrifaller Architekten erklärte Details zu seiner Gestaltung: Das rechteckig angeordnete landwirtschaftliche Mustergut wurde mit einem in den Hang eingelassenen Wohn- und Schlafgebäude ergänzt, das die Hofform des Gutshofes aufnimmt. Um den Blick vom gegenüberliegenden Seeufer nicht zu stören, wurde dies so niedrig wie möglich gehalten.

Wie mehrere Architekten betonten, rücke das Thema „behutsame Nachverdichtung“ immer mehr in den Mittelpunkt. „Hier genügend Privatsphäre herzustellen, ist die Aufgabe des Architekten“, sagte Peter Geiger von heilergeigerarchitekten. Auf einem langen schmalen Grundstück in Kempten löste er das Problem mit einer langen Mauer, die nur die Eingangstür als Öffnung besitzt. Gleichzeitig diene die dicke Mauer als Einbauschrank, Garderobe, Kinder-Geheimtreppe, Platz für den Sekretär und die Speisekammer. Ein Hof, der ebenfalls hinter der Mauer liegt, verbindet Garage und Haus, sodass sich das Familienleben geschützt im Garten abspielen kann.

Ein weiteres Kriterium der Jurymitglieder war der Umgang mit dem Altbestand bei Umbaumaßnahmen. Die Zahnarztpraxis Dr. Bauer bedient nun die Ansprüche einer modernen Praxis, ohne den Charme der Stadtvilla zu zerstören, die von Christiane Maucher von architektur + raum vorgestellt wurde. Sie hatte unter anderem veranlasst, dass das Treppenhaus von allem Plastik befreit und die Holztreppe geschliffen wurde. Die Praxisräume sind jetzt über zwei Etagen so angeordnet, dass die Gründerzeitstruktur des Gebäudes erhalten bleibt. Überbreite Türzargen sind den Holzstützen der alten Türen zu verdanken.

Aus der Reihe fiel Ingenieur Gerhard Pahl von Dr. Schütz Ingenieure. Er war für die Restaurierung der Hohen Brücke Gunzesried verantwortlich. Die Besonderheit beim Brückenbau: Der Ingenieur muss die Vorgehensweise beim Bau mitplanen, erklärte Pahl. Da in der Gunzesrieder Ach kein Kran hätte aufgestellt werden können, wurde das neue Tragwerk auf die alten Stahlbetonbögen gelegt, bevor diese zersägt und abtransportiert wurden. Heute erinnert die Bauwerk an die dortige historische Brücke von 1901.

Pahl erläutert in einem Vorwort auch den Beitrag des Brückenbaus zur Baukultur. Mit der A7-Talbrücke in Enzenstetten ist ein zweites solches Bauwerk vertreten. Aber auch eine Alpenvereinshütte, Industrie- und Gewerbebauten und öffentliche Plätze haben Eingang in den Architekturführer gefunden.

Ob sich der Architektur-Tourismus fest im Allgäu etabliert, sei dahingestellt. Jedenfalls laden das feste Papier, die übersichtliche Gestaltung, das handliche Format und die kurzen informativen Texte im Allgäuer Architekturführer dazu ein, ihn als Reiseführer zu benutzen und – Aber auch als kurzweilige Bettlektüre oder zur Inspiration eignet er sich nicht schlecht. Einzig die ästhetischen Bilder würden im großen Format besser wirken.

Susanne Kustermann

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