Wie steht es um die Gleichberechtigung?

Gleichberechtigung: Unternehmerinnen wagen eine Analyse

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Die Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion (v. l.): die jungen Unternehmerinnen Vanessa Hirnigl, Verena Lauterbach, Bernadette Brem und Nadine Schenk

Kempten/Landkreis – Terminlich passend zum Weltfrauentag feierten die Allgäuer Unternehmerinnen e.V. am vergangenen Sonntag ihr 10-jähriges Bestehen.

Der Jubiläumseinladung ins Tagungszentrum S4 folgten nicht nur viele der mittlerweile 110 Vereinsmitglieder, sondern auch Kerstin Schreyer, die Bayerische Staatsministerin für Wohnen, Bau und Verkehr.

Es sei schade, dass es heutzutage noch einen Weltfrauentag brauche, um daran zu erinnern, dass Frauen und Männer gleichberechtigt seien, betonte Schreyer in ihrem Grußwort. Egal, ob Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft, scheinbar seien Frauen entweder zu jung oder zu alt, um wichtige Ämter zu besetzen. Dabei sei es wichtig, Frauen bei der Entscheidungsfindung mit einzubeziehen, da diese eine andere Führungskultur mit sich brächten als ihre männlichen Vertreter. Dies führe dazu, dass gemeinsam getroffene Entscheidungen besser seien, so die Politikerin. Bei einem Punkt könnten sich die Frauen allerdings noch etwas von den Männern abschauen, nämlich, wenn es um das Vernetzen gehe. Während sich Männer nach dem Feierabend auf ein Bier träfen, um sich auszutauschen, würden Frauen nach Hause zu ihren Kindern gehen oder pflegten Angehörige.

 „Frauen müssen sich immer rechtfertigen, wenn sie mehrere Rollen zeitgleich einnehmen. Die Allgäuer Unternehmerinnen sind der Beweis dafür, dass Frauen erfolgreiche Netzwerkarbeit betreiben und verschiedene Rollen unter einen Hut bringen können“, resümierte Schreyer. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion zur Thematik „Die Frau und Unternehmerin im 21. Jahrhundert“ teilten vier Allgäuer Unternehmerinnen ihre Erfahrungen mit den anwesenden Gästen. Für Bernadette Brem war damals die Aussage, dass sie Steuerberaterin und Mutter nicht zur gleichen Zeit sein könne, ausschlaggebend für ihre „Jetzt-erst-recht“-Haltung, weshalb sie rückblickend dankbar für diese Bemerkung sei, da die Bemerkung letztendlich ausschlaggebend für die Entscheidung zur Selbständigkeit gewesen sei. Auch Nadine Schenk ist das Austarieren der Rollen als Unternehmerin und Mutter vertraut. Da ihr Mann ebenfalls berufsbedingt viel unterwegs sei, mussten sie für ihr Kind eine gute Betreuung finden.

 „Es hat viel Mut gekostet, loszulassen und sich einzugestehen, dass es sowohl meinem Kind als auch mir gut geht“, meinte Schenk. Für Vanessa Hirnigl war im Berufsalltag anfangs vor allem ihr junges Alter eine Herausforderung, um als Führungskraft angesehen zu werden. Seit drei Jahren ist sie Büroleiterin eines Kemptener Reisebüros und tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter. „Es war etwas komisch, die Vorgesetzte von Personen mit viel längerer Berufserfahrung zu sein. Mittlerweile funktioniert das aber ganz gut. Auch die Kunden sind manchmal noch irritiert“, erzählte Hirnigl. Verena Lauterbach hat sich erst Ende letzten Jahres als Unternehmensberaterin im Bereich der Unternehmenskommunikation selbständig gemacht und ist seit drei Monaten Mitglied bei den Allgäuer Unternehmerinnen. Zuvor war sie in Unternehmen in München sowie Frankfurt angestellt und habe persönlich erlebt, was es bedeute, ein Workaholic zu sein. Nach einem Zwischenstopp in Tübingen, den sie auch dazu nutzte, ihre Prioritäten zu verschieben, sich ein Pferd zu kaufen und dafür Verantwortung zu übernehmen, habe sie letztlich den Weg zurück ins Allgäu gefunden.

 „Der Anfang in die Selbständigkeit ist schwierig, aber bei mir ist es schnell ins Laufen gekommen“, so Lauterbach. Auch Schenk genießt den Perspektivwechsel von der Angestellten hin zur Unternehmerin: „Damals war ich nur vorbereitende Instanz ohne Entscheidungsbefugnis. Der Erfolg wurde anderen gutgeschrieben. Das hat sich mittlerweile gewandelt.“ Seit 2015 ist sie als systemischer Coach und seit Kurzem zusätzlich als Mediatorin selbständig. Auf die Frage, was man Frauen an die Hand geben müsse, um mehr Gleichberechtigung im Unternehmermilieu zu erzielen, gab es unterschiedliche Betrachtungsweisen. Für Brem ist es ganz wichtig, auf sich selbst und die eigene Gesundheit zu achten. „Man darf manchmal ein bisschen egoistisch sein, aber das musste auch ich erst lernen. Seit ich selbst länger krank gewesen bin, gehe ich jetzt einmal im Jahr alleine in den Urlaub, um zu regenerieren.“ Schenk hob hervor, dass man das Mutter sein nicht als Handicap, sondern als Chance sehen müsse. Mütter seien es gewohnt, vieles zeitgleich abzuarbeiten und dabei strukturiert und mit dem nötigen Weitblick vorzugehen. 

Leider müsse man noch immer in Unternehmen beweisen, dass es Vorteile mit sich bringe, Mutter zu sein. Für Hirnigl sei Bildung der Schlüssel für beruflichen Aufstieg. Hier stelle sie bereits einen Wandel fest. Immer mehr Frauen würden ihr Abitur machen und anschließend studieren. Lauterbach äußerte dahingehend Bedenken, dass Frauen zwar studieren würden, jedoch nicht in den Studiengängen, die zu Führungspositionen führten. Sie habe in ihrer bisherigen Berufslaufbahn die Erfahrung gemacht, dass alle CEOs immer Männer waren. Hirnigl sieht die Qualifikation für solche Positionen grundsätzlich bei Frauen gegeben, jedoch würden sie gar nicht die Möglichkeit erhalten, sich beweisen zu dürfen, da Männer bei Bewerbungen bevorzugt behandelt würden. Brem sprach in diesem Zusammenhang vom fehlenden Mut der Frau, zu zeigen, über welche Fähigkeiten diese verfüge. Insgesamt blickt Hirnigl positiv in die Zukunft, denn sie stelle zumindest in ihrem Umfeld einen gesellschaftlichen Wandel fest: „Männer wollen nicht nur Karriere machen. Frauen wollen auch Karriere machen“. 


Dominik Baum

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