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»Aber woher kommst du ‚wirklich‘?«

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Von: Susanne Lüderitz

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Kempten/Allgäu – Eine Frau mit Kopftuch wird mit ihren fünf Kindern vom Linienbus stehengelassen. 

Ein schwarzer Mann sucht mit seiner deutschen Frau eine Wohnung; sie organisiert eine Besichtigung, als sie beide dort ankommen, ist die Wohnung bereits weg. Ein Kollege fragt die Wohnung im Nachgang ebenfalls an. Siehe da, sie ist wieder zu haben. In einem Restaurant wird die asiatisch aussehende deutsche Kellnerin gelöchert: „Aber woher kommst du wirklich?“ Solche Geschichten sind keine Einzelfälle, erklären Anke Heinroth und Anita Mutvar. Die beiden haben die allgäuweite Internationale Wochen gegen Rassismus unter dem Motto „Haltung zeigen“ initiiert und dafür das Netzwerk „WIR im Allgäu“ gegründet.

Heinroth hat die Leitung des Bereichs Asyl & Migration der Diakonie im Allgäu inne und ist hauptamtliche Integrationslotsin der Stadt Kempten. Mutvar ist die Integrationsbeauftragte der Stadt Wangen im Allgäu. Da sie beide beruflich und privat von Betroffenen immer wieder ganz ähnliche Rassismus-Erlebnisse hören, wollten sie etwas dagegen unternehmen. Zusammen mit den Fakultäten „Soziales und Gesundheit“; und „Gleichstellung, Familie und Diversity“ der Hochschule Kempten haben sie rund 30 Veranstaltungen der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ auf die Beine gestellt und dafür sogar deren Zeitraum verlängert.

»Es ist wichtig, Theorie und Praxis zu koppeln«

Normalerweise beginnen die Wochen um den Internationalen Tag gegen Rassismus am 14. März und enden am 27. März. Im Allgäu finden dagegen von 17. März bis 21. Mai Workshops, Lesungen, Vorträge, Ausstellungen, Installationen, Fachtagungen und Filmvorführungen statt – online und auch live. „Wir wollten die Fachtagung an der Hochschule Kempten in Präsenz anbieten und haben deshalb einen so späten Termin gewählt“, erklärt Prof. Dr. Peter Nick, der mit Prof. Dr. Patricia Pfeil für die Konzeption und wissenschaftliche Leitung der Fachtagung verantwortlich ist. Die Tagung am Samstag, 21. Mai, bietet zahlreiche Workshops für Betroffene, Fachkräfte, Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit und Interessierte und liefert den wissenschaftlichen Unterbau. Nach Anmeldung steht sie allen offen.

Rassismus im Fußball

Ein Improtheater und die Filmvorführung „Schwarze Adler“ im Colosseum Kino (Eintritt frei) schließen den Tag. Der Film thematisiert den Rassismus im (Bundesliga-)Fußball. Am anschließenden Filmgespräch nimmt auch ein Überraschungsgast teil.

Stark durch Vielfalt. Diese Botschaft transportiert das Logo von „WIR im Allgäu“. „WIR im Allgäu“  ist ein Netzwerk der hauptamtlichen Integrationslotsinnen und -beauftragten und Koordinierungsstellen Integration im Allgäu. Es hat die „Allgäuweiten Internationalen Wochen gegen Rassismus auf die Beine gestellt.“
Stark durch Vielfalt. Diese Botschaft transportiert das Logo von „WIR im Allgäu“. „WIR im Allgäu“ ist ein Netzwerk der hauptamtlichen Integrationslotsinnen und -beauftragten und Koordinierungsstellen Integration im Allgäu. Es hat die Allgäuweiten Internationalen Wochen gegen Rassismus auf die Beine gestellt. © Grafik: privat

»Rassismus – was hat das mit mir zu tun?«

Sara Sun Hee Martischius sitzt im Zug und schmökert in der Tagespresse. Sagt eine Person: „Sie liest sogar eine deutsche Zeitung!“ Es sind vor allem die kleinen Kommentare, die Vorurteile offenbaren und besonders schmerzen, die sogenannten „Alltagsrassismen“. Die Neustadter Künstlerin, Journalistin und Antidiskriminierungstrainerin Sara Sun Hee Martischius hat die Alltagsrassismen in Fotos zusammengestellt, die sie erlebt hat. Mit ihrem Projekt „Mein Leben – Dein Rassismus“ möchte sie die Betrachterinnen und Betrachter dazu einladen, sich mit eigenen verinnerlichten Rassismen auseinanderzusetzen und sie zu hinterfragen. Die Ausstellung wird in Wangen, Kaufbeuren und Kempten zu sehen sein.

Hilfe und Beratung

Wichtig war den Veranstaltern der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“, Projekte und Beispiele vorzustellen, um voneinander zu lernen. Außerdem wollen sie Impulse geben und gegebenenfalls im Nachgang Projekte ins Leben rufen. Ein Ziel ist auch, dass eine allgäuweite „Antidiskriminierungsstelle“ zur Beratung und Hilfe von Betroffenen eröffnet wird. Weil das Gebiet so groß ist, sei eine mobile Beratungsstelle denkbar. Am 11. Mai um 19.30 Uhr ist Hamado Dipama, zu Gast im Haus International in Kempten und diskutiert im Workshop die Frage: „Wie kann eine Antidiskriminierungsstelle gegründet werden?“

Den Auftakt der bunten Veranstaltungsreihe bildet am Donnerstag, 17. März, ein Online-Fachgespräch zwischen Kulturstaatsministerin und Schirmherrin Claudia Roth (Grüne) und der Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Heidrun Friese, die jüngst einen Sammelband zum Thema „Alltagsrassismus“ herausgegeben hat. Sie setzt sich fürs Hinschauen ein und sagt: „Letztendlich ist es mit dem ,Schmuddelthema‘ Rassismus wie mit einer Psychotherapie: verarbeiten, nicht verdrängen.“ („Die Welt“, 18.12.2019)

Mehr Infos und Anmeldung auf www.fachtagung-allgaeu.de.

Ausgewählte Veranstaltungen

• Workshop: Stereotype und Vorurteile erkennen – Diskriminierung vorbeugen, Do:, 19. Mai, 18-21 Uhr, Landratsamt Ostallgäu, Referentin: Ayse Coskun, Islamberatung Bayern

• Aktion in Leutkirch: Steine bemalen für 100 Prozent Menschenwürde, Mo., 21. März, 9-12 Uhr, Auf dem Markt, Leutkirch

• Online- Vortrag: Macht Rassismus krank? Di., 29. März, 19.30 Uhr, Referentin: Dipl. Psych. Barbara Abdallah-Steinkopff, Refugio München

• Lesung „Bewegter Donnerstag“: Adas Raum, Do., 7. April, 19 Uhr, Kempten-Museum im Zumsteinhaus oder online. „Sharon Dodua Otoos Mut und ihre Lust zu erzählen, ihre Neugier, die Vergangenheit und die Gegenwart zu verstehen, machen atemlos.“

• Ausstellung: Freiheit und ich, 25. April - 16. Mai, Haus International, Poststraße 22, Kempten

• Workshop: Paroli den Parolen, Sa., 14. Mai, 10-14 Uhr, Stadtteilbüro Thingers, Schwalbenweg 71, Kempten. Um Parolen sinnvoll zu entgegnen, brauchen wir Wissen, Strategien und demokratische Visionen.

• Workshop: „Was uns spaltet, was uns eint“, Sa., 30. April, 10-14 Uhr, Stadtteilbüro Thingers, Schwalbenweg 71, Kempten. Wir suchen nach dem, was uns eint; nach Haltungen und Handlungsoptionen, um dem Schwarz-Weiß-Denken zu entkommen.

• Vortrag: Geschichte des Rassismus, Do., 19. Mai, 19.30 Uhr, Haus International, Poststr. 22, Kempten, Referent: Prof. Dr. Ulrich Bauer, Hochschule Kempten

• Filmvorführung, freier Eintritt: Schwarze Adler, So., 22. Mai, 19 Uhr, Union Filmtheater Immenstadt (Rassismus im Fußball)

• Puppenspiel: Unterschiedlich gleich, So., 16 Uhr, der Termin wird noch mitgeteilt, Puppentheater Kaufbeuren

• Installation: „Schatten-Installation“, 18.-28. März tagsüber, Kornhausplatz Leutkirch

• Ausstellung – öffentliche Führungen: Lasst mich ich selbst sein So., 20. & So, 27. März, 14 Uhr, Geschwister-Scholl-Schule Leutkirch, Anmeldung bis zum Samstag vorher. Die Ausstellung des Anne-Frank-Zentrums erzählt die Lebensgeschichte des Mädchens und fragt: Was kann ich tun, gegen Rassismus, Ausgrenzung und Hass?

Es kommen laufend neue Veranstaltungen dazu auf: www.fachtagung-allgaeu.de/veranstaltungen

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