Wenn plötzlich alles anders läuft

Der Alltag in Zeiten von Corona

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Absolute Leere. Auch in Kempten sind die Spielplätze wie leer gefegt. Unbeschwertes Spielen ist in Zeiten des Katastrophenfalls erst mal nicht mehr möglich.

Kempten – Silvester 2019. Noch nicht mal drei Monate her. Ich weiß noch genau, wie ich mich damals beim Anstoßen um Mitternacht auf das neue Jahr gefreut habe.

VON KATHRIN DORSCH

Und vor allem, auf was ich mich gefreut habe. Das Konzert von Carlos Santana in München, den Urlaub auf Sardinien im Frühsommer, den Besuch von Freunden in Österreich an Ostern, das Frühlingskonzert vom Musikverein oder die Olympischen Spiele mit Allgäuer Beteiligung in Tokio. Nicht zu vergessen die Taufe meines Patenkindes im April mit einer großen Feier.

Das war noch zu der Zeit, als ich den Namen Corona lediglich als das meistverkaufte Bier in Mexiko kannte oder als ein Automodell von Toyota. Ganz schwach erinnere ich mich auch noch daran, dass mir eine Freundin irgendwann einmal von einer tollen Wanderung auf Lanzarote vorschwärmte. Auf den Monte Corona ging‘s hoch, den schönsten Krater der ganzen Insel! Ein mächtiger Vulkankegel. Jetzt, knapp drei Monate später, bekommen wir das „mächtig“ in Verbindung mit Corona mehr als deutlich zu spüren. 

Mächtig etwas verändert hat er nämlich, der Coronavirus. Unser alltägliches Leben wurde vom einen auf den anderen Moment auf den Kopf gestellt. Nichts geht mehr. „Rien ne va plus.“ Normaler Alltag war einmal, jetzt heißt es: Improvisieren und das beste aus dem machen, was sich jeden Tag neu ergibt. Und dabei aufpassen, Menschenmassen meiden, Hände waschen, desinfizieren, nicht ins Gesicht fassen, keine Umarmungen mehr, Abstand halten. Nichts verharmlosen, aber auch nicht in übertriebene Hysterie verfallen. Ein schwieriger Balanceakt, der mal gut und mal weniger gut funktioniert.

Plötzlich ausgeknockt

Auf einmal fährt alles auf Null herunter. Was früher normal war, scheint plötzlich unfassbar weit weg. Mit Freunden zusammen zum Italiener oder Griechen ums Eck, gemütlich am Samstag auf dem Wochenmarkt einkaufen und sich vielleicht noch kurzerhand eine Portion Kässpatzen gönnen, spontan ins Kino, weil das Wetter schlecht ist, eine Runde Schwimmen mit den Kids oder mal wieder auf den Crosstrainer ins Fitnessstudio. Irgendwie sollte der Winterspeck ja langsam weg. 

Aber nichts, Pustekuchen! Kein VHS-Kurs, keine Musikprobe, kein Theater, kein Flötenunterricht, keine Chorprobe, kein Stammtisch, kein Kinderturnen, kein Wandertreff. Auf einmal sind die Tage nicht mehr vollgepackt. Kein Gehetze mehr: von der Arbeit direkt zur Mittagsbetreuung, Kids holen, danach den Großen zum Fußball-Training fahren, schnell noch das Nötigste einkaufen, den Großen wieder abholen, die Kleine zum Ballett bringen, dann – wenn‘s besonders dick kommt – noch der Elternabend in der Schule und gegen 22 Uhr zum feierlichen Abschluss eines gefühlten Endlos-Tages den Russischen Zupfkuchen vorbereiten, weil man sich wieder hat breitschlagen lassen, beim Vereinsfest seinen Teil beizutragen. Stopp! Durchschnaufen. Jetzt ist plötzlich Zeit. Unendlich viel Zeit.

Zeit für das Lieblingsbuch, Zeit für das monatelang aufgeschobene Kelleraufräumen, Zeit für das Sortieren und Sichten Tausender Urlaubsfotos (ein wenig schmerzt der Gedanke, dass es wohl vorerst die letzten Urlaubsbilder sein werden. Für dieses Jahr? Wer weiß das schon!), Zeit für ein längeres Telefonat mit der guten alten Freundin, die mittlerweile in Brandenburg lebt, Zeit für einen gemeinsamen Spieleabend. Ganz klassisch. Alle Vier am Tisch, analog. Die Siedler von Catan, das verrückte Labyrinth, Jenga oder Activity. Wie gut, dass der Wohnzimmerschrank anscheinend doch noch einiges zu bieten hat. Für schwere Zeiten.

Der merkwürdige Aufstieg des Toilettenpapiers

Eines hätte ich mir aber so schnell nie träumen lassen. Dass ich eines Tages wie verrückt auf der Suche nach Toilettenpapier sein werde. Einige von uns lassen sich notgedrungen schon von Freunden etwas mitbringen. Wenn diese glücklicherweise in einem der vielen Supermärkte und Drogerien fündig wurden. Während man noch im Januar gute Freunde mit ein paar Pralinen glücklich machen konnte oder einer guten Flasche Rotwein als Mitbringsel, hüpfen jetzt alle vor Freude im Dreieck, wenn ich mit einer Packung Vierlagigem vor der Türe stehe. Corona macht‘s möglich. Meine Oma hat mir die Tage am Telefon eine durchaus berechtigte Frage gestellt: „Was wollen die Menschen mit dem ganzen Klopapier? Essen?“ 

Man schwankt in diesen Tagen ein wenig zwischen der Freude über den teilweise grandiosen Zusammenhalt untereinander, Solidarität an allen Ecken und Enden. Für häuslich Isolierte werden schon seit längerem Einkaufsdienste organisiert. Auf der anderen Seite hängen in den Discountern in Kempten bereits einige Plakate, die darauf hinweisen, dass man für Mitmenschen doch bitte noch Lebensmittel übrig lassen sollte. Hamsterkäufe seien kein Zeichen von Gemeinschaft und Zusammenhalt. Einige brauchen das wohl wirklich schriftlich, direkt vor der Nase. Es gibt ihn eben, diesen kleinen, feinen Unterschied: zwischen einem vernünftigen und klugen Vorrat und dem tonnenweisen Horten. Und manchmal beobachte ich dann, wie andere hektisch zum Regal laufen und ordentlich Dosenravioli oder H-Milch in den Wagen hieven und frage mich selbst leicht verunsichert: Sollte nicht vielleicht auch...?!?! Angst und Unsicherheit verbreiten sich in diesen Tagen gefühlt stellenweise genauso schnell wie der Virus selbst.

Eingesperrt im eigenen Land – die eigenen 4 Wände sind wieder gefragt

Die Grenzen sind dicht. Und zwar für uns Deutsche selbst. Vom einen auf den anderen Tag ist die Reisefreiheit dahin. Nichts mehr mit Urlaub, Last Minute-Flug oder Städtetrip. Spontan oder geplant. Spielt alles keine Rolle. Was die meisten bislang nur aus Erzählungen über frühere DDR-Zeiten kannten, wird jetzt für alle von uns bittere Realität. Einreise verweigert! Für eine Freundin, die vor einer Woche für vier Wochen nach Ecuador reisen wollte, ein lange erträumter Rundreisetrip, war beim Zwischenstopp in Amsterdam Schluss. Vorerst nichts mit bequemer und einfacher Weiterreise nach Quito als Deutsche. Alternative: wahlweise zwei Wochen Quarantäne vor Ort. Dann lieber daheim sein, im vertrauten Umfeld. Die eigenen vier Wände sind momentan die einzige Option.

Mittlerweile rät auch die bayerische Staatsregierung, über Ostern schlicht und einfach zu Hause zu bleiben. Auch nicht innerhalb von Deutschland ein wenig Ablenkung vom Corona-Chaos zu suchen. Ich denke plötzlich an meine Oma und ihr langes Leben zurück. Sie kennt das. Auf die eigene Wohnung beschränkt. Nicht hinaus in die weite Welt, ständig unterwegs sein. Nein, sich begnügen. Auf den eigenen Garten, wenn man denn das Glück hat, einen zu besitzen. Dort seine Zeit zu verbringen. Einfach viel selbst mit den eigenen Händen machen. Selbst backen, selbst kochen, selbst reparieren, selbst nähen, selbst stricken, selbst basteln. 

War doch früher auch möglich. Da gab es keinen Thermomix für die Küche oder Online-Shops, um möglichst zeitsparend und effizient neue Schuhe oder Klamotten ordern zu können. Oder etwa schicke Deko für das anstehende Osterfest. Jetzt sind wir schlagartig gezwungen und aufgefordert, das beste aus der aktuellen Situation zu machen. Wir werden heruntergefahren, von Höchstgeschwindigkeit auf knapp über 0 Stundenkilometer. Ausgebremst.

Vielleicht schaffen wir es, trotz der dramatischen Umstände und Einschnitte, trotz der Überforderung, der Angst, der Unsicherheit und der Sorge vor der Zukunft, auch etwas Positives aus der Krise mitzunehmen. Von der keiner weiß, wie lange sie dauert, und ab wann wir wieder ein sogenanntes normales Leben führen können. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir insgeheim wünsche, Corona wäre für mich immer nur die mexikanische Biermarke geblieben oder ein prima Wandertipp für den nächsten Urlaub auf Lanzarote. Bleiben Sie gesund und zuversichtlich!

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