Nicht mit "Lutherischen" spielen

Stadtarchivar Dr. Böck hält Vortrag "1818-2018 – 200 Jahre Kempten"

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Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck und FU-Kempten-Vorsitzende Silvia Rupp.

Kempten – „Für katholische Mütter war es lange noch die reinste Katastrophe, deren Kinder sollten sich von den ‚lutherischen‘ Balgen möglichst fern halten“, schmunzelt Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck bei seinem Vortrag „1818-2018 – 200 Jahre Kempten“,

den er auf Einladung der Frauenunion Kempten hielt. „Der umkämpfte Bau der Freitreppe war nun endlich eine Verbindung von Altstadt und Neustadt, bei der zwei stattliche Häuser abgebrochen werden mussten“, so Böck weiter.

Aber wie hatte alles begonnen? Auf dem Weg zur Vereinigung von Altstadt und Neustadt, die 1802/1803 bayerisch geworden war, schrieb 1815 der für Kempten zuständige Kommunaladministrator Karl Loose resignierend an die Regierung nach München, etwa sinngemäß: „…die Vereinigung beider Städte ist noch nicht weiter zustanden gekommen als etwa die Vereinigung von Martinszell und Wildpoldsried…“!

Die erste Kemptener Zeitung „Neueste Weltgegebenheiten“ 1783-1840, nahm von der „Zwangsehe“ der beiden Städte mit keinem Wort nur annähernd Notiz. Im „Königlich-Bairischen Intelligenzblatt der Stadt Kempten-Oberdonaukreis“ erschienen lokale Nachrichten weiterhin getrennt nach Alt- und Neustadt. Erst 1844 fiel die Zollgrenze, beim Bau des ersten Kemptener Bahnhofs fragte die Bürgerschaft, ob dies der katholische oder evangelische Bahnhof werden sollte. Bis 1870 gab es getrennte Wochenmärkte, bis 1893 getrennte Schrannen. 1908 entschloss man sich, eine gemeinsame Kandidatenliste für die Gemeindewahlen aufzustellen.

Böck betont die Entschlossenheit des damaligen Bürgermeisters Adolf Horchler. Nachdem dieser die beiden Schrannen zusammenlegen wollte, holte die Presse mit einem Rundschlag aus und schrieb im September 1893 folgende Todesanzeige: „Es hat Horchler, dem Allmächtigen, und den Herren der Altstadt gefallen, heute die neustädtische Schranne eines gewaltsamen Todes sterben zu lassen. Sie starb, weil sie keine andere Wahl hatte, ganz ergeben in den Willen und die Beschlüsse der altstädtischen Mehrheit im Stadtmagistrat und Gemeindekollegium an Luftmangel, herbeigeführt durch Erdrosselung...“

Nicht genug der Häme, legte die Kemptener Zeitung im Oktober 1893 mit einer Vermählungsanzeige noch einmal deftig nach: Im den über mich irrtümlich oder böswillig verbreiteten Gerüchten zu begegnen, teile ich hierdurch allen mit, dass ich keineswegs mit Tod abgegangen bin. Vielmehr habe ich mich mit meiner lieben alten Kollegin in der Altstadt, von der ich nun schon so viele Jahre geschieden lebte, wieder vereinigt… Hochachtungsvoll Die vereinigte neustädtische und altstädtische Schranne.“

Auf die Frage von FU-Vorsitzenden Silvia Rupp, wie sich Kempten seit der Zusammenlegung kulturell und gesellschaftlich verändert hat, meinte Böck: „Es ist eine Stadt der Vereine geworden“, bemerkt er, „bis 1886 waren es bereits 99 Vereine, 1912 etwa 270, heute sind es circa 300 Zusammenschlüsse im Vereinswesen. Neben früheren „Wohltätigkeitsvereinen“ finden wir Wander- und Naturfreunde, Sport- und Turnvereine, religiöse Gruppen für Unterhaltung, Bildung, Geschichte, Heimatpflege und Archäologie. Nach der 1805 gegründeten neustädtischen Lesegesellschaft „Harmonie“ sind der altstädtische Fischerei-Verein 1825 und der neustädtische Liederkranz 1829 die ältesten Vereine Kemptens.

„Der mühsame Weg zur inneren Einheit musste mentale und psychische Blockaden überwinden“, schloss Böck seinen Vortrag vor einer begeisterten Damenriege.

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