Alte Dame mit Vergangenheit

Ausgesprochen schnittig kommt sie daher, die „alte Dame“ mit bewegter Vergangenheit. Frisch herausgeputzt trat sie am Osterwochenende einmal mehr die Reise von ihrer „Winterwerft“ in Überbach bei Kempten nach Lindau an, wo „Melita“ ihren 100. Sommer am – oder besser gesagt im bzw. auf dem – Bodensee verbringen wird. Dass es sich bei „Melita K19“ weder um einen Kaffeefilter handelt, noch um eine menschliche Großmutter, dürfte damit wohl klar sein.

Vielmehr ist sie 9,10 Meter lang, 1,70 Meter breit, trägt einen stolzen 12,60 Meter hohen Mast, wiegt mit Balastblei 2,5 Tonnen, hat eine Segelfläche von 40 Quadratmetern am Wind, ist aus Eichenholz gebaut und entspricht durchaus nach dem Klassenzertifikat aus dem „Geburtsjahr“ 1910 „den Vorschriften für Klassifikation, Bau und Ausrüstung von Yachten der internationalen Renn-Klasse“. Und Regatten hat sie selbst noch als „Oldtimer“ mit unterschiedlichen Takelagen schon eine ganze Reihe erfolgreich bestritten. Seit 1976 ist die ehemalige Sechs-m-R-Yacht im Besitz der Überbacherin Karin Scheithe-Kühnbach, die zusammen mit ihrem Mann Hansjörg inzwischen wohl jeden Quadratzentimeter des Schiffs überholt hat. Allein im Winter 2007/2008 erneuerte er Kielbalken, Totholz, Vordersteven, Spanten im Bug, Bodenwrangen, Kielbolzen und die halbe Beplankung. Zur Arbeitserleichterung für den „Allroundhandwerker“ wurde seinerzeit die Wohnstatt, ein Bauernhaus in Überbach, nach Schuppengröße ausgewählt. Dass „Melita“ da natürlich reinpassen musste, „stößt bei den meisten Menschen auf Unverständnis“, nimmt es Karin inzwischen gelassen. Manch nachträgliche Einbauten gehen auf Hansjörgs Konto, wie beispielsweise der Elektromotor, der sich bei Flaute oder „Hafenmanövern“ als sehr nützlich erwiesen habe. Wie unter Segel, bringt „Melita“ es damit bei Bedarf auf satte fünf bis sechs Knoten (rund zehn km/h). Schmunzelnd zeigt er auch die „Einbauküche“ unter der Sitzbank: Eine Schublade mit Besteck, eine mit mobiler elektrischer Kochplatte. Luxus kann man in den beengten Verhältnissen nicht erwarten. Aber den brauchen die beiden passionierten Segler auch nicht. Neben vielen Kurztrips unternehmen sie trotz der ebenso beengten Schlafmöglichkeit jedes Jahr eine zwei bis dreiwöchige Urlaubstour auf dem Bodensee. Für Landausflüge sind Klappräder an Bord. Im letzten Jahr waren sie mit „Melita“ erstmals in fremden Gewässern, am Genfer See unterwegs. Seit 1913 im selben Hafen Sauber auf dem Hänger festgezurrt geht es zum 100. Stapellauf erst über die Autobahn, dann durch die engen Gassen der Lindauer Insel zum Hafen des Segelclubs, wo „Melita“ seit 1913 ihren Liegeplatz hat. Bevor das eingespielte Zweierteam ihr Schiff per Kran ins Wasser lässt, bekommt der Bug zum Jubiläum noch ein bisschen Blumenschmuck an den Bug. Den kleinen Werkzeugen hat Hansjörg mit Korken „Schwimmwesten“ verpasst. Es seien nämlich schon „oft Sachen versenkt worden“, denen er dann „hinterher tauchen musste“. Routiniert wird unter dem Auge der Schaulustigen der Mast gesetzt und befestigt, die Segel sauber aufgetucht und festgezurrt, alles startklar gemacht. Der ersten kurzen Fahrt der Saison steht nichts mehr im Wege. Ihren Segelschein hat Karin 1964 gemacht. „Zu Segeln angefangen habe ich, weil ich wissen wollte, wie so ein Boot ohne Paddel oder Motor fahren kann“, lautet ihre einfache Erklärung. Mit 16 Jahren hat ihr Mann zu segeln begonnen und sich volljährig „zunächst ein Boot und erst später ein Auto gekauft“, erzählt er. Wie der 100. Geburtstag der „Melita“ gewürdigt wird, ist noch offen. An ihren 80. Geburtstag erinnern sich die beiden Segelfans aber noch gut. Da sei nämlich die gleichaltrige Namensgeberin mit ihrer Schwester gekommen. Und dann plötzlich verschwindet die Sonne, der Wind frischt auf und auch die Lampen für die Sturmwarnung fangen an zu blinken. Kurz vor dem Liegeplatz gibt es doch noch Aufregung: „Mann über Bord!“ – oder besser Frau. „Melita“ wollte ihren 100. Stapellauf wohl mit ihrer Besitzerin gern auf Augenhöhe feiern. Und die nahm es nach dem ersten Schreck im sieben Grad kalten Wasser des Bodensees durchaus mit Humor.

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