Auf einer langen »Wüstenwanderung«

Altenheimseelsorge in Zeiten der Pandemie  

Maria Soulaiman.
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Maria Soulaiman.

Kempten – In den Kemptener Alten- und Pflegeheimen kümmern sich die evangelischen und die katholischen Kirchengemeinden gemeinsam um die Seelsorge für die Bewohnerinnen und Bewohner: Maria Soulaiman, Pfarrerin der St.-Mang-Gemeinde, und die Pastoralreferentinnen Ursula Liebmann-Brack und Elisabeth Sailer feiern Gottesdienste und Andachten, bringen die Krankenkommunion, begleiten Sterbende, gestalten Abschiedsfeiern und besuchen die Heimbewohnerinnen und -bewohner. 

Sie verabreden sich mit den Menschen zu einem Gespräch oder um gemeinsam zu beten, schauen aber auch spontan vorbei und erkundigen sich, wie es den älteren Damen und Herren geht. Zudem begleiten sie die zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und haben auch für Angehörige und Pflegende ein offenes Ohr. Seit Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr hat sich ihr Arbeitsalltag sehr verändert. Besuche in den Heimen waren wochenlang verboten, nach wie vor gelten strenge Kontaktbeschränkungen und Hygienevorschriften.

Die ersten Wochen im Frühling seien „schlimm“ gewesen, erinnern sich die drei Altenheimseelsorgerinnen übereinstimmend. Die Heimbewohnerinnen und -bewohner seien teils unter „Zimmerquarantäne“ gestellt worden, gemeinsame Mahlzeiten, Bastelnachmittage, Singkreise oder Gymnastikstunden fielen aus. Auch die Seelsorgerinnen konnten den weitgehend isolierten älteren Menschen zunächst nur am Telefon oder per Brief ein wenig Trost spenden und zuhören. Ausnahmen gab es nur für Sterbende. Als die Infektionsschutzbestimmungen etwas gelockert wurden, durften die Kirchenmitarbeiterinnen die Bewohnerinnen und Bewohner auch wieder persönlich besuchen. Als „externe Dienstleisterinnen dürfen wir“, anders als Familienangehörige, Freundinnen und Freunde, „auch auf die Zimmer“, erklärt Ursula Liebmann-Brackmann. Der Mund-Nasen-Schutz „verunsichert“ aber „hin und wieder“ und „beeinträchtigt manchmal das Gespräch“, berichtet ihre Kollegin Maria Soulaiman. Da sie ihre Pfarrstelle erst im März angetreten habe, kam es auch zu Verwechslungen: „Ich bin sogar schon für die Ärztin gehalten worden.“

Gottesdienste unterm Fenster 

Nachdem die erste Corona-Welle abgeflaut war, „haben wir Gottesdienste im Freien veranstaltet“, weil die Hauskapellen zu klein seien, erzählt Elisabeth Sailer. „Wir haben viel ökumenisch gemacht, sonst wechseln wir uns mit dem Gottesdienstfeiern ab.“ Die älteren Herrschaften hätten am offenen Fenster teilgenommen – aus dieser Entfernung allerdings „ist es schwierig einzuschätzen, ob ‘was ankommt.“. Liebmann-Brack ist sich sicher: „Definitiv kommt ‘was an! Den Friedensgruß haben wir uns zugewunken.“

Elisabeth Sailer.

Besuch durften die Heimbewohnerinnen und -bewohner zwischenzeitlich wieder täglich empfangen, bevor im November ein erneuter Lockdown verhängt wurde. Seit die Infektionszahlen drastisch angestiegen sind, gelten wieder deutlich strengere Regeln. In einigen Häusern ist Besuch nur einmal wöchentlich erlaubt und auch auf andere gesellige Veranstaltungen müssen älteren Leute größtenteils verzichten. Die Organisation privater Besuche ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter derart zeitaufwendig, dass für andere Aktivitäten kaum Zeit bleibt: Die Treffen finden nach wie vor nicht auf den Zimmern statt, sondern – je nach Jahreszeit – draußen unter einem Pavillon oder in einem größeren Raum. Die älteren Damen und Herren müssen pünktlich hingebracht und wieder abgeholt werden, damit sich nicht zu viele Menschen gleichzeitig im Besuchszimmer aufhalten, die Termine müssen aufeinander abgestimmt, Möbel und Trennscheiben regelmäßig desinfiziert werden.

Sehnsucht nach spontaner Zuwendung

Auch den Besuchen der Seelsorgerinnen „ist wahnsinnig viel genommen“, bedauert Liebmann-Brack. „Das Spontane, Unverkrampfte fehlt.“ An ihren Besuchstagen dürften sie jeweils nur einen Wohnbereich aufsuchen. Anders als sonst, sei es ihnen nicht gestattet, noch kurz auf einem anderen Stockwerk vorbeizuschauen, etwa weil es dort einer Bewohnerin im Moment schlecht geht und ihr ein wenig Zuwendung guttäte. „Bisher konnte ich immer darauf vertrauen, dass sich das Nötige ergeben wird, auch im Sterbeprozess. – Dabei sind wir notwendiger als vorher.“

Ursula Liebmann-Brack.

Sailer berichtet, dass viele „Hochbetagte“ sich fragten: „Gibt ‘s nochmal normale Besuche, bevor ich sterbe?“ Auch sie macht sich Sorgen um „das seelische Wohl“ der älteren Menschen, befürchtet, dass „die Leute abbauen oder Ängste entwickeln“. Ihre katholische Kollegin veranschaulicht die bedrückende Situation und die Bedeutung der Seelsorge mit einem Bild aus der Bibel: Die Heimbewohnerinnen und -bewohner „sind auf einer langen Wüstenwanderung. Ich gehe mit, suche keine Oase, aber bringe ab und zu ein Glas Wasser und versuche zu vermitteln, dass diese Wüstenzeit auch mal ein Ende hat.“  

Die Heimleitungen seien mit der Aufgabe, die Verordnungen konkret und zeitnah umzusetzen, teils alleingelassen worden und mit widerstreitenden Erwartungen konfrontiert. Es sei eine große Herausforderung, Gesundheitsschutz und Lebensqualität gegeneinander abzuwägen, die Wünsche einzelner und die Bedürfnissen der Gemeinschaft soweit als möglich in Einklang zu bringen. Pfarrerin Soulaiman ist es ein Anliegen, „zurückzublicken“, „zu analysieren“, Maßnahmen und Entscheidungen auch zu hinterfragen. Sie erzählt, dass sie Menschen beerdigt habe, ohne an die Trauernden „heranzutreten“, sie mit einem Händedruck oder einer Umarmung „zu trösten“. „Vielleicht brauchen wir mehr Einzelfallentscheidungen.“

Quelle des Zuspruchs

Für die Kirchen könne die Krise auch eine Chance sein, sich stärker auf „ihr Kerngeschäft, die Seelsorge,“ zu konzentrieren. Soulaiman findet, die kleiner werdenden kirchlichen Gemeinschaften sollten „nicht warten, bis die Menschen zu uns kommen, sondern zu ihnen gehen“, wie zum Beispiel auf der Weihnachtsbühne am St. Mang-Platz. Die drei Altenheimseelsorgerinnen sind sich einig, das der christliche Glaube auch im 21. Jahrhundert „eine wichtige Ressource“ und „ein persönlicher Anker“ sein kann, wie Liebmann-Brack formuliert. Die Gemeinschaft der Gläubigen und Suchenden, „das Verbundensein“, sei wie „eine Quelle in der Wüste“. Sailer drückt die sinnstiftende Erfahrung mit einer Lebensweisheit aus: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.“ Die „grundchristliche“ Haltung, „den Schwächeren zu sehen und zu schützen“, so Liebmann-Brack, tue in der Leistungsgesellschaft not. „Diese Zeit hat offenbart, wer nicht mehr leistet, hat Probleme, unabhängig vom Alter“, meint auch Soulaiman. Über die Proteste der Querdenker und deren zeitweilige Strategie, Demonstrationen als ‚Gottesdienste‘ anzumelden, sind alle drei entsetzt. Die Kirche warne vor „einfachen Antworten“, stellt Soulaiman klar. „Die Pandemie ist keine Strafe Gottes. Wir halten das gemeinsam aus.“ 

Antonia Knapp

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