Was steckt hinter den zunehmenden Angeboten und Variationen alternativer Heilmethoden

"Wer heilt hat recht?"

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Unter den alternativen Heilmethoden genießt die Homöopathie eine sehr große gesellschaftliche Anerkennung.

Kempten – Die mannigfaltigen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, die uns die wissenschaftliche Medizin heute zur Verfügung stellt, sind zweifelsohne ein Segen für die Menschheit. Trotzdem scheint dem stetigen Fortschritt der klassischen Medizin etwas zu fehlen. Denn immer mehr Menschen wenden sich alternativen Heilmethoden zu, und lassen sich dabei auch nicht von den zahlreichen Publikationen über den fehlenden Beweis der Wirksamkeit abschrecken.

Es sind chronisch kranke Patienten, die neue Wege suchen. Es sind Kranke, die sich eine sinnvolle Ergänzung zur wissenschaftlichen Medizin wünschen. Oder Menschen, die versuchen, das Leben ganzheitlich zu sehen und ihre Gesundheit, ohne eventuelle Nebenwirkungen der Pharmazie, wieder zu erlangen. Es sind aber auch Verzweifelte, die als „austherapiert“ gelten, und Patienten, die an der immer weiter fortschreitenden Spezialisierung der Medizin scheitern.

Spezialisten verfügen heute über ausdifferenzierte Kenntnisse. Sei es, Menschen durch die Apparatemedizin in kleinste anatomische Scheiben zu zerlegen, oder Krankheiten frühzeitig durch molekulare Labormedizin zu entdecken. Diese wertvollen Errungenschaften bergen jedoch eine Gefahr, wenn mehr und mehr die ganzheitliche Sicht für den Patienten verloren geht. Vielleicht gründet hierin die Sehnsucht nach alternativen Heilmethoden, die den Mensch ganzheitlich und im Kontext seiner Lebensumstände wahrnehmen. Nach Therapien, die ihm Selbstheilungskräfte und damit Selbstwirksamkeit für seine Heilung vermitteln.

Begriffswirrwarr 

Eine verbindliche Definition des Begriffes „Alternativen Heilmethode“ existiert nicht, was die Abgrenzung zur „Naturheilkunde“ oder zur „Komplementärmedizin“ erschwert. Kom- plementär, also ergänzend, werden die alternativen Heilmethoden häufig neben der wissenschaftlichen Medizin eingesetzt. Die meisten Heilmethoden – mit der Natur- heilkunde als Untergruppe – sind eigenständige Therapieformen, die von Ärzten, vor allem aber von Heilpraktikern ausgeführt werden. Heilkunst meint im Heilpraktikergesetz „jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen […]“(§1(2) HeilprG). In Deutschland darf sie nur von Ärzten, Psychotherapeuten und Heilpraktikern ausgeführt werden. Trotz dieser klaren Regelung gibt es Unsicherheiten und rechtliche Grauzonen. Ist jeder, der Psychotherapie ausübt ein Psychotherapeut? Wo hört Wellness auf und wo fängt die Behandlung an? Was darf ein Therapeut, was darf ein Heiler?

"Grünes Licht" für rituelle Heiler 

Heiler haben 2004 für ihre eher „rituelle Heilung“ grünes Licht vom Bundesverfassungsgericht bekommen, da Patienten in diesem Fall „etwas von einer Heilbehandlung Verschiedenes“ wählen. Darauf muss der Heiler deutlich hinweisen. Komplizierter wird es, wenn Patienten bei der Suche nach alternativen Heilmethoden auf den Begriff Therapeut stoßen. Physiotherapeuten dürfen auf Verordnung von Ärzten im Rahmen ihrer Kenntnisse behandeln, alle anderen Personen, die ihre Tätigkeit mit dem Begriff Therapeut verbinden, wie z.B. Dorn- oder Aromatherapeut, dürfen keine Heilkunde ausüben, es sei denn, sie sind Arzt oder Heilpraktiker. Grenzüberschreitend wäre also bereits eine Anweisung, die sich auf ein konkretes Krankheitsbild bezieht. Auch für Heilpraktiker gelten gewisse Einschränkungen. Nicht behandelt werden dürfen die im Infektionsschutzgesetz genannten Virusinfektionskrankheiten, Geschlechts- krankheiten und Zahn-, Mund- und Kiefererkrankungen.

Seriöse Heilpraktiker kennen ihre diagnostischen und therapeutischen Grenzen, sie richten sich nach der Sorgfaltspflicht und führen keine Behandlung durch, die das Wohl des Patienten gefährdet. Mittlerweile gibt es, je nach Bundesland verschiedene, sektorale Heilpraktiker. Relativ neu sind die Gebiete der Physiotherapie und Podologie. Bekannter ist der Heilpraktiker für Psychotherapie. Er muss seine therapeutische Tätigkeit auf dieses Gebiet beschränken, da er nur rund um die Psychotherapie geprüft wird. Der landläufig als „Kleiner Heilpraktiker“ bezeichnete Therapeut darf sich jedoch nicht Psychotherapeut nennen, da diese Bezeichnung gesetzlich geschützt ist und eine langjährige akademische Ausbildung voraussetzt.

Um zu gewährleisten, dass auch Heilpraktiker über die notwendigen medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, wird für deren Zulassung eine amtsärztliche Prüfung durchgeführt. Für die Ausbildung gibt es jedoch keinerlei rechtlichen Vorgaben, von autodidakter Wissensaneignung bis zur Vollzeitschule ist alles möglich. Das Bestehen der anspruchsvollen Prüfung ist ohne eine umfassende medizinische Grundausbildung allerdings kaum möglich. Laut dem Gesundheitsamt des Landkreises Augsburg bestehen von den jährlich 550 bis 650 Prüflingen des Regierungsbezirkes Schwaben nur circa 50 bis 60 Prozent die Prüfung. Heilmethoden, mit denen der Prüfling arbeiten möchte, werden bei der Überprüfung nicht abgefragt. Die Methoden ihrer späteren Praxistätigkeit müssen sich die Anwärter in separaten Kursen und Weiterbildungen aneignen. Eine Herausforderung – denn die Auswahl der alternativen oder ergänzenden Therapien zur wissenschaftlichen Medizin ist groß und unübersichtlich. Die AOK listet beispielsweise auf ihrer Homepage achtzig alternative Heilmethoden auf, und hat dabei noch nicht das ganze Feld der Möglichkeiten erfasst. Die nachfolgende Einordnung kann somit auch nur als Versuch gesehen werden, die Verfahren etwas zu strukturieren. Sie ist weder vollständig, noch verbindlich.

Als Naturheilverfahren lassen sich Therapien bezeichnen, die ihre Hilfs- und Heilmittel eben genau dort beziehen: aus der Natur (z.B. Aromatherapie, Ernährungslehre, Kneipptherapie, Lichttherapie, Phytotherapie, Wärme- und Kälteanwendungen). Die Methoden haben eine relativ gute Akzeptanz, da sie teilweise schon lange existieren und „natürlich erklärbar“ sind. Sie finden oft begleitend zu anderen Therapien statt oder werden prophylaktisch angewandt, um das Immunsystem zu stärken.

Ziel von Ausleitungsverfahren ist es, den Körper von Schlacken und Giftstoffen zu befreien. Der gesamte Stoffwechsel soll durch diese, meist schon sehr alten Methoden, entlastet werden (z.B. Aderlass, Baunscheidt-Verfahren, Blutegeltherapie, Schwitzkuren, Schröpfen). Einige von ihnen, wie das Baunscheidt-Verfahren, sind auch Reiztherapien und sollen, ähnlich der Eigenbluttherapie, als positive Impulse die körpereigene Abwehr aktivieren. Im weitesten Sinne ist auch die Homöopathie eine Reiztherapie, die beim Patient die Selbstheilungskräfte aktiviert.

Körpertherapien versuchen, Fehlstellungen und dysfunktionale Bewegungsmuster zu beheben (z.B. Chiropraktik, Feldenkrais-Methode, Fußreflexzonenmassage, Osteopathie, Rebalancing, Rolfing, Wirbelsäulentherapie nach Dorn). Es sind einerseits bewährte Therapien, die Patienten bei Beschwerden des Bewegungsapparates helfen können, aber auch innovative Methoden, wie die Microkinesi, die den Körper mit sanften Stimulationen zur ganzheitlichen Selbstheilung anregt.

Heilmethoden, bei denen es um Energiefluss geht, werden häufig unter dem Begriff Energetische Verfahren angeboten (Akupunktur, Akupressur, Jin Shin Jyutsu, Kinesiologie, Mentalfeld-Technik, Reiki, Shiatsu und weitere). Die blockierte Lebensenergie, auch Chi genannt, soll durch verschiedene Techniken wieder in Fluss gebracht werden. Die Akupunktur, bei dem das blockierte Chi durch einen Nadelstich an entsprechender Stelle gelöst wird, genießt einen guten Ruf. Andere Therapienformen, wie die Übertragung einer universellen Energie auf den Patienten beim Reiki, werden gerne in die esoterische Ecke gedrängt.

Die Meinung zu Therapien, die auf das Bewusstsein und die Seele einwirken, ist ebenso ambivalent. Teils sind ihre Erfolge wissenschaftlich anerkannt, wie in der Hypnosetherapie. Teils wird ihre Wirksamkeit bestritten, und sie erfreuen sich trotzdem großer Beliebtheit, wie die Bachblütentherapie, bei der 38 disharmonische Bewusstseinszustände durch Blütenauszüge behandelt werden.

Viele der Therapieformen entstanden auf den Grundlagen anderer Methoden, wie beispielsweise das BodyTalk™-System, bei dem sich unter anderem die Traditionelle Chinesische Medizin, aber auch Einflüsse der westlichen Naturheilkunde der Quantenphysik vereinen, um Fehlschaltungen zwischen Körper, Geist und Seele in Balance zu bringen.

Einige der genannten Therapien sind Säulen komplexer Heilverfahren, wie der Traditionellen Chinesischen und Ayurvedischen Medizin oder der Anthroposophischen Heilkunde. Sie implizieren unter anderem natürliche Arzneimittel, Ernährungslehre, Ausleitungsverfahren und energetische Verfahren.

Heilen mit Gottvertrauen 

Aus alten Heilmethoden wurden alternative Heilmethoden – Hildegard von Bingens Lehre, die Verbreitung der Wasserkuren durch Pfarrer Sebastian Kneipp und die Ernährungslehre von Dr. Bircher-Berner zeigen exemplarisch, dass viele Wurzeln der heutigen alternativen Medizin weit zurückreichen. Es ist auch noch nicht lange her, dass es in fast jedem Dorf „Brandlöscher“ und Gesundbeter gab. Der Glaube daran war nicht esoterisch, sondern von Gottvertrauen geprägt.

Wer sich zu einer alternativen Heilmethode entschließt, wird im Vorfeld vermutlich weder nach objektiven Belegen der Wirksamkeit „googeln“, noch wissenschaftliche Beweise vom Therapeut einfordern. Die Reputation eines Therapeuten spielt eine große Rolle. Übrigens halten Menschen, laut einer Studie der Gemeinnützigen Stiftung der Identity Foundation, Heilpraktiker im Bereich der alternativen Heilmethoden für kompetenter als Ärzte . Viele Heilpraktiker folgen einer Berufung, und ihre Überzeugung gibt dem Patienten Sicherheit. Letztlich muss der Patient entscheiden, bei wem er sich gut aufgehoben fühlt und Vertrauen fassen kann. Das Bauchgefühl ist oft ausschlaggebend – immerhin ist das von Dr. Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut wissenschaftlich unterlegt.

Allopathie versus Homöopathie? 

Ein gutes Bauchgefühl scheinen viele Menschen zur wohl meistgenutzten alternativen Heilmethode in Deutschland, der Homöopathie, zu haben. Deren Begründer Dr. Samuel Hahnemann war mit seinen negativ konnotierten Wortschöpfungen „Schulmedizin“ und „Allopathie“ nicht ganz unbeteiligt am bis heute währenden Disput zwischen der wissenschaftlichen und alternativen Medizin. Überspitzt dargestellt geht man in der wissenschaftlichen Medizin davon aus, dass die Mehrzahl der alternativen Heilmethoden, wenn überhaupt, nur aufgrund von Placebo-Effekten wirken. Die Anhänger der alternativen Heilmethoden sprechen im Gegenzug oft abfällig über die „Allopathie“, da sie deren isolierte Symptomenbehandlung ohne Ursachenbekämpfung beklagen. Eine Studie der Stiftung Warentest hat die Kontroverse 2005 nochmals befeuert, und bestätigte in ihrem Buch „Die andere Medizin“ lediglich einem Drittel der über fünfzig getesteten Heilmethoden eine positive Wirkung – die Homöopathie war nicht dabei. Das Buch hielt objektiven Bewertungsmaßstäben nicht stand, die Auflage wurde eingestellt. Auf der Internetseite des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte finden sich im Gegenzug Studien, die eine positive Wirkung der Homöopathie durchaus nachweisen. Eine evidente Erklärung über die Wirkmechanismus der homöopathischen Arzneien, in denen ab einer bestimmten Verdünnung keine Ausgangssubstanz mehr nachweisbar ist, gibt es freilich bis heute nicht. Solange die Wirksamkeit der vielfältigen alternativen Heilmethoden nicht ausreichend erforscht ist, müssen wir uns wohl, wie bereits von Immanuel Kant vorgeschlagen, auf unseren eigenen Verstand verlassen. Dass Methoden wie die Akupunktur oder Homöopathie in anderen Ländern fest in das Gesundheitssystem verankerten sind, könnte dabei ein Denkanstoß sein.

Auch Krankenkassen müssen sich mit dem Wirksamkeitsnachweis der alternativen Heilmethoden auseinandersetzen. Fehlt dieser, wird von einer Erstattung zum finanziellen Schutz der Solidargemeinschaft abgesehen. In den Leistungskatalogen finden sich mittlerweile trotzdem einige alternative Therapien, die eine breite gesellschaftliche Anerkennung genießen, wie die Akupunktur, Homöopathie und Osteopathie. Deren Erstattung ist allerdings häufig auf bestimmte Krankheitsbilder beschränkt und bei nahezu allen Kassen an die Behandlung durch einen Arzt gebunden. Wer sich ohne Krankenzusatzversicherung von einem Heilpraktiker behandeln lassen möchte, muss in die eigene Tasche greifen. Das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (GebüH) ist nicht bindend, somit ist der Heilpraktiker bei der Festlegung seines Honorars vollkommen frei. Zusatzversicherungen erstatten jedoch selten über den Höchstsatz hinaus. Die Berufsordnung für Heilpraktiker weißt allerdings darauf hin, Patienten im Vorfeld über die Behandlungskosten zu unterrichten.

Ebenso gibt es in dieser Berufsordnung der Heilpraktiker-Berufsverbände einen Hinweis auf die Weiterbildungspflicht. Allerdings, und das ist ein immer wieder benannter Kritikpunkt, ist der Heilpraktiker in der Art und Weise seiner Aus- und Weiterbildung der Therapiemethoden genauso frei, wie bei der Erlangung seiner medizinischen Kenntnisse. Im Schadensfall haftet er jedoch wie ein Arzt. Der Patient, der mit dem Heilpraktiker einen freiwilligen Vertrag eingeht, ist sich bewusst, dass hier Heilverfahren abseits schulmedizinischer Pfade durchgeführt werden. Das entbindet Heilpraktiker, die sich in der Regel über eine Berufshaftpflichtversicherung absichern, natürlich nicht von ihrer Sorgfaltspflicht. Heilversprechen sind grundsätzlich verboten, und die Aufforderung zur Unterlassung notwendiger konventioneller Behandlungsmethoden kann, ebenso wie ein Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht, ernsthafte rechtliche Konsequenzen zur Folge haben. Heilpraktiker sind also keine „Gesetzlosen“ und handeln in der überwiegenden Zahl – wie auch Ärzte – zum Wohle ihrer Patienten.

Kliniken springen auf 

In diesem Sinne birgt die bereits begonnene Annäherung von wissenschaftlicher Medizin und alternativen Heilmethoden sicher noch viele Chancen und Möglichkeiten. In zahlreichen Kliniken werden alternative Heilmethoden bereits angeboten, und sowohl Heilpraktiker als auch Ärzte wissen, dass es manchmal Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die (noch) nicht erklärbar sind. Was würden wir wohl heute denken, über eine Naturheilkundige, die uns von ihren Visionen über förderliche oder schädliche Auswirkungen der Nahrung auf Körper, Geist und Seele erzählt. Über einen Heiler, der ohne Berechtigung, aber äußerst erfolgreich eine meldepflichtige Infektionskrankheit behandelt. Oder über den Arzt, der zur vegetarischen Ernährung rät, da Gemüse, Obst und Getreide die Sonne tanken, und damit „Sonnenlichtnahrung“ sind? Hildegard von Bingen würden wir vermutlich an eine Esoterik-Messe verweisen, Pfarrer Sebastian Kneipp beim Gesundheitsamt anzeigen und Dr. Bircher-Benner vorschlagen, sich an den „Papst“ veganer Ernährung, Attila Hildmann, zu wenden – und dabei wertvolles Wissen für unsere Gesundheit übersehen.

Von Cordula Amann

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