Einer der letzten seiner Art 

Altes Handwerk: Besuch beim Korbmacher Hans-Henning Kohl

Hans-Henning Kohl, Korbmacher aus Kempten
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Hundert Prozent Handarbeit, nachhaltig und beständig: Korbmacher Hans-Henning Kohl aus Kempten ist einer der wenigen, die das alte Handwerk noch beherrschen.

Kempten – Korbflechten ist ein Urhandwerk. Korbwaren und andere geflochtene Gefäße gehören zu den ältesten Gebrauchsgegenständen der Menschheit. Doch das Handwerk droht auszusterben. „Ich habe das Flechten erst spät gelernt. Da war ich schon Mitte 30. Mir ist das Handwerk das erste Mal in einer Therapie begegnet und da habe ich recht schnell festgestellt, dass es mir Spaß macht und mich innerlich ausgleicht. Die Arbeit mit den Händen, mit allen zehn Fingern gleichzeitig, hat für mich etwas seelisch Beruhigendes“, erzählt Hans-Henning Kohl rückblickend. Mittlerweile hat der 51-jährige eine kleine Werkstatt in einem alten Bauernhaus in Kempten-Rothkreuz. Fast täglich ist er dort, um seiner Tätigkeit nachzugehen, die inzwischen zu seinem Beruf geworden ist.

Von 2005 bis 2008 hat der Kemptener eine Ausbildung an der Staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung in Lichtenfels absolviert. „Das ist die einzige in Deutschland und auch wohl in ganz Europa, die eine dreijährige Vollzeitausbildung anbietet. In Frankreich gibt es noch eine Korbfachschule, die aber nur einen einjährigen Kurs anbietet.” Wie muss man sich die Ausbildung denn genau vorstellen? „Wir Korbmacher haben uns das erste Dreivierteljahr fast ausschließlich mit Feinflechterei beschäftigt. Die Feinflechterei ist eine sehr aufwendige Arbeit, da die geschälten Weidenruten von Hand aufgespalten, gehobelt und geschmälert werden müssen.

So entstehen gleich starke und breite Weidenschienen, die anschließend verflochten werden können. Filigrane Körbchen, Schälchen oder auch Handtaschen sind das Resultat. Außerdem lernt man im ersten Jahr das Flechten mit Peddigrohr. Peddigrohr wird aus dem Mark der Rattanpalme gewonnen und ist als Material sehr flexibel und robust“, schildert der ausgebildete Korbmacher. „Im zweiten Lehrjahr ging es dann um die sogenannte geschlagene Arbeit mit Vollweiden, also das traditionelle Flechten von Körben.

Geschlagene Arbeit heißt das Ganze übrigens deshalb, weil man bei dieser Flechtart das Geflecht abschlägt, um es zu verdichten. Im dritten Lehrjahr kam in meiner Ausbildung noch der Möbelbau mit Rattan hinzu und das Herstellen von Naturholzstühlen mit Sitzflächen aus Binsen. Hocker, Stühle, Sessel, Schaukelstühle und Truhen sind die typischen Flechtmöbel“, so Kohl. Der Kemptener war einer der letzten, der den Beruf des Korbmachers in Lichtenfels erlernen durfte. Die darauffolgenden Jahrgänge wurden und werden seitdem als Flechtwerkgestalter ausgebildet.

100 Prozent Handarbeit – nachhaltig und ökologisch

Für Kohl ist sein Beruf eine echte Leidenschaft. Geschlagene Arbeiten wie Körbe oder Kiepen (Rückentragekörbe) macht er besonders gerne. Er ist einer der wenigen Menschen in der Region, die dieses alte Handwerk noch beherrschen. Mit seinen handgefertigten Flechtarbeiten und Flechtkursen trägt er dazu bei, dass diese Tradition nicht in Vergessenheit gerät. In früheren Zeiten waren Körbe unverzichtbare Transportbehältnisse des Alltags. “Die Bauern haben ganz viel geflochten, allein schon deshalb, weil sie in ihrem Alltag ständig Körbe gebraucht haben. Das ist aber schon lange nicht mehr so. Heute ist das Flechten fast ausschließlich ein Kunsthandwerk.”

Für einen Einkaufskorb braucht der Korbmacher in der Regel acht Stunden. Das Material, seine Weidenruten, hat er zum größten Teil aus eigenem Anbau. „Im Frühjahr werden Weiden an einer feuchten, lichten Stelle gesteckt. Ich setze die Weidenstecklinge in die nasse Erde und über die Knospen, die so genannten schlafenden Augen, treiben die Weiden in der dunklen Erde Wurzeln. In der Vegetationszeit wächst die Weide heran und ab etwa Mitte November bis in den Spätwinter kann ich die Weidenruten ernten und abschneiden. Anschließend werden die Weiden gebündelt und kommen in ein trockenes Lager.“ Dann heißt es warten. Etwa ein Jahr m ü s s e n sie trocknen und r e i f e n . Am besten an e i n e m trockenen und dunklen Ort, damit die F a r b e nicht ausbleicht. Während der Lag e r u n g trocknen die Ruten nicht nur aus, sondern schwinden auch im Durchmesser erheblich.

Bis zu einem Drittel verliert die Rute an Durchmesser. Die getrockneten Weidenruten werden dann eingeweicht. In der Regel dauert das drei bis zehn Tage, je nach Weidenart und Wassertemperatur. „Ungeschälte Weiden lege ich in den Bach hier bei mir in der Nähe, da das Wasser sie unheimlich schnell weich macht”, beschreibt Kohl seine zeitintensive Materialgewinnung und Vorarbeit. „Das Einweichen macht die Ruten biegsam und geschmeidig, sodass sie sich anschließend prima verflechten lassen, ohne zu brechen. Die noch nicht verflochtenen, feuchten Weidenruten packe ich am Ende des Arbeitstages in trockene Tücher und Folie, damit sie weder austrocknen noch das Schimmeln anfangen, bis ich sie verarbeite.“ Weltweit gibt es rund 350 verschiedene Weidenarten. Kohl flicht vorwiegend mit Steinweiden, Dotterweiden, Amerikanerweiden, Mandel- oder Hanfweiden.

Die wichtigsten Werkzeuge sind die eigenen Hände

Vor gut zwei Jahren hat er endlich eine eigene Werkstatt gefunden und widmet sich seinem Beruf seitdem wieder vermehrt. „Mein Wunsch war es, meine kleine Werkstatt mit den Einnahmen durch den Verkauf der Körbe zu finanzieren. Und das gelingt mir ganz gut, sogar mit einem Taschengeld dazu”, strahlt der 51-jährige. Zwei Tage im Monat (immer Freitag und Samstag) kann der Korbmacher auf dem Vorplatz vom Eingang des Supermarkts BioMercato in der Lindauer Straße bei seiner Arbeit und mit seiner Ware erlebt werden. „Die Preise für meine Flechtwaren gestalten sich im Miteinander, im persönlichen Gespräch mit den Interessenten. Ich freue mich einfach, wenn die Menschen Interesse zeigen und mehr erfahren wollen.“ Die handgefertigten Flechtarbeiten sind nicht nur individuell, sondern auch sehr beständig. „Einen solide gearbeiteten Korb kann man in der Regel vererben”, verrät Kohl abschließend.

Kathrin Dorsch

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