"Altstadt-Traudl" sorgt für Furore

Moment des Anstoßes: Gertraud Schwarz will mit Dr. Josef Höß über das Künstlercafé diskutieren. Kurz darauf war sie verschwunden. Kampfrath

Sie ist ein Phänomen in Kempten und genießt Respekt und auch eine gewisse Berühmtheit: Gertraud Schwarz, besser bekannt als „Altstadt-Traudl“. Offen und unverblümt prangert sie Missstände in der kommunalen Tagespolitik an. Beim Vortrag des Alt-OB Dr. Josef Höß im „Waldhorn“ sorgte sie wieder für Furore, als sie empört den Saal verließ.

Höß, OB von 1970 bis 1990, blickte am Sonntag im nahezu überfüllten Waldhorn-Saal auf die Kemptener Stadtentwicklung zurück (der KREISBOTE berichtete). Andreas Kibler, Stadtrat und Ortsvorsitzender der CSU Kempten-West, hatte die Veranstaltung organisiert. Am Ende seines kurzweiligen Diavortrags sprach Höß davon, wie er in den 1970er Jahren die Fachhochschule nach Kempten geholt hat. Mit dem Satz „Es gibt für mich keinen schöneren Beruf, als Oberbürgermeister einer solchen Stadt zu sein“ beendete Höß (79) seine Rede. Wegen des Stichworts „Fach- hochschule“ meldete sich nun Gertraud Schwarz, die im Publikum saß, zu Wort: „Es gibt in Kempten zwei Studenten, die das Künstlercafé im ehemaligen Haus International betreiben.“ Dabei ging die 82-Jährige nach vorn zur Dialeinwand und stand plötzlich zwischen Höß und Kibler. Sie appellierte an den Alt-OB, dass das Gebäude in der Beethovenstraße keinesfalls abgerissen werden dürfe. „Sie sind schließlich der, der damals das Haus International an dieser zentralen Stelle ermöglichte“, meinte sie zu Höß, der ihr zuhörte und leicht amüsiert lächelte. Doch plötzlich war Gertraud Schwarz verschwunden, was den Leuten nicht verborgen blieb. „Das war doch Altstadt-Traudl, oder? Was ist denn passiert?“, flüsterten Viele an ihren Tischen. In dem Saal des Restaurants herrschte ohnehin ein reges Kommen und Gehen. Wenige Minuten später ernannten Kibler und Helmut Allgeier, Beisitzer im CSU- Kreisvorstand Kempten, Höß zum Ehrenmitglied der CSU Kempten-West. Dies sollte eine Überraschung für den erfolgreichen Politiker sein, der heuer am 25. Dezember seinen 80. Geburtstag feiert. Als Allgeier seine Laudatio hielt, kam der Auftritt von Gertraud Schwarz nochmals zur Sprache: „Hast Du Altstadt-Traudl beleidigt?“, fragte er Kibler, der schweigend und missmutig in der Ecke stand. „Das darfst Du nicht machen“, belehrte Allgeier den jungen Stadtrat. Altstadt-Traudl sorge zwar des Öfteren für Furore, aber Schwarz sei wegen ihres Engagements ungeheuer wichtig für die Stadt. Sprechverbot Schon am nächsten Tag war die Altstadt-Traudl in Kemptener Schulen unterwegs, um die beiden Pächter des Künstlercafés zu unterstützen. „Kibler gestattete mir nicht weiter- zusprechen“, sagte sie am Montag dem KREISBOTEN. Deswegen habe sie den Saal im Zorn verlassen. „Ich wollte den Leuten mein Anliegen vortragen, damit Josef Höß mir seine Unterstützung zusagt.“ Denn das ehemalige Haus International, das der Stadt gehört, dürfe nicht der Abrissbirne zum Opfer fallen. Das Gebäude im Herzen der Stadt diente einst als Bankfiliale und ist stark sanierungsbedürftig. Da es nicht unter Denkmalschutz steht, könnte die Stadt es abreißen lassen. Dieses Schicksal droht nun dem Haus. Es gibt mehrere Interessenten, die das Gebäude der Stadt abkaufen wollen. Eine Entscheidung ist bisher nicht gefallen. „Wir wollen zunächst abwarten, was sich im Umfeld des Künstlerhauses entwickelt“, sagte Dr. Richard Schießl, Wirtschaftsreferent der Stadt. Die Leidtragenden dieser Wartehaltung sind Marc Först und Tommy Leibfried, Pächter und Betreiber des Künstlerhauses. „Die beiden Studenten können nicht investieren, solange keine Entscheidung getroffen ist“, meinte Gertraud Schwarz. Das Künstlercafé besetzt mit seinen Live-Auftritten von Musikern, Poeten und Schauspielern eine bestimmte kulturelle Nische in der Stadt. Besonders bei Studenten ist das Café beliebt. „An der Hochschule gibt es derzeit rund 4000 Studenten, die sind wichtig für Kempten“, betont Altstadt-Traudl. „Ich habe sechs Enkel und sorge mich um deren Perspektive in der Stadt.“ OB Dr. Ulrich Netzer war am Sonntag nicht beim Vortrag von Dr. Josef Höß dabei. „Er war offiziell gar nicht eingeladen“, vermutet Gertraud Schwarz. Dem widerspricht Andreas Kibler: „Ich glaube, dass Netzer aus Höflichkeit nicht gekommen ist. Ich kann mich nicht in andere hineindenken. Aber vielleicht wollte Netzer Höß durch seine Erscheinen nicht die Schau stehlen.“ Und womit beleidigte er Altstadt-Traudl? „Ich sagte ihr lediglich, dass es nach der Veranstaltung noch eine Diskussion geben wird, bei der sie zu Wort kommen kann. Das war mein Wortlaut."

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