Versandriese plant Verteilzentrum am Allgäu Airport – Geteiltes Echo aus der Kommunalpolitik

Kommt Amazon ins Allgäu?

Amazon will am Allgäu Airport ein Verteilzentrum bauen
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Sowohl der Memminger Stadtrat als auch der Unterallgäuer Kreistag verschoben eine Entscheidung, wie sie auf die Pläne von Amazon reagieren, am Allgäu Airport ein Verteilzentrum zu errichten.

Memmingen/Allgäu – Nach vorliegenden Informationen plant der amerikanische Versandhändler Amazon ein neues Verteilzentrum auf einer Gewerbefläche in der Nähe des Allgäu Airport in Memmingerberg. Das Grundstück gehört einer Besitzgesellschaft, der neben Allgäuer Kreisen und Städten auch Banken und der Flughafen angehören.

Rund vier Hektar umfasst das Areal in der Nähe des Flughafens, auf dem Amazon offensichtlich sein Verteilzentrum errichten will. Das Grundstück ist im Besitz der Städte Kempten, Memmingen und Kaufbeuren, den Landkreisen Unter-, Oberund Ostallgäu sowie Lindau und Neu-Ulm. Darüber hinaus beteiligt sind mehrere Sparkassen, die Landkreis-Wohnungsbau Unterallgäu sowie der Allgäu Airport.

Nach Auskunft des amerikanischen Versandriesen soll ein Verteilzentrum mit einer Gebäudegröße von etwa 5600 Quadratmetern entstehen, Amazon als Nutzer würde sich für 15 Jahre einmieten. In einem Verteilzentrum werden Pakete aus den Logistikzentren für die Auslieferung an den Kunden (die so genannte „letzte Meile“) mit Lieferfahrzeugen sortiert. Die Anlieferung der Pakete aus den Logistikzentren erfolgt vor allem nachts. Die Pakete und die Routenplanung übergibt Amazon an die jeweiligen lokalen Lieferpartner, die sie an Kunden ausliefern. Wie die Pressestelle von Amazon betont, existiere in einem Verteilzentrum kein Lager und ein solches Zentrum habe auch nichts mit Luftfracht zu tun, seine Aufgabe ist es, Endkunden zu beliefern.

Grundsätzlich sei geplant, 24 Stunden an sechs Wochentagen im Drei-Schicht-Betrieb zu arbeiten. Laut Amazon sollen hier unter dem Jahr insgesamt circa 140 Mitarbeiter beschäftigt werden, darüber hinaus sollen etwa 380 Zusteller bei den Lieferpartnern für die Auslieferung eingesetzt werden, zusätzlich sollen rund 20 Managementpositionen entstehen. Um den Flächenverbrauch zu minimieren sei der Bau eines Parkhauses geplant.

Zum Thema Verkehrsbewegungen heißt es, dass pro Nacht wohl rund 27 LKW gleichmäßig über die Nachtstunden verteilt zu erwarten sind. Die Auslieferung erfolge mit Lieferfahrzeugen nur tagsüber, in der Regel zwischen 9 und 14 Uhr. Laut Amazon sind etwa 280 Touren im normalen Betrieb geplant. Die Lieferfahrzeuge würden in kleinen Wellen eintreffen und in Gruppen abgefertigt und auf die Straßen geschickt. Als Teil des Genehmigungsverfahrens werde immer ein Verkehrsgutachten erstellt.

„Wir prüfen derzeit die Möglichkeit, ein Verteilzentrum in der Region um Memmingen zu eröffnen. An allen unseren Standorten wollen wir ein guter Nachbar sein. Wir schaffen Arbeitsplätze und engagieren uns für gute Zwecke in der Gemeinde“, heißt es in der offiziellen Stellungnahme. Am Allgäu Airport in Memmingerberg gibt es mehrere Gewerbegrundstücke. Um diese zu vermarkten, wurde Ende 2017 eine Grundbesitzgesellschaft gegründet, die „Gewerbepark am Allgäu Airport GmbH & Co. KG“ (GAAP).

So oder so ähnlich könnte das Verteilzentrum aussehen, das der Versandhändler Amazon ganz offensichtlich in der Nähe des Allgäu Airport in Memmingerberg plant.

Nach vorliegenden Informationen interessiert sich Amazon wohl für ein Grundstück von bis zu 40.000 Quadratmetern, das im Besitz der GAAP ist. Diese strebt eine „nachhaltige und werthaltige Entwicklung dieser einmaligen Flächen an einem deutschen Regionalflughafen … in einem innovativen Umfeld mit hervorragenden Wachstumschancen und idealer Verkehrsinfrastruktur … an“, wie es auf der Homepage heißt. Insgesamt handelt es sich um rund 17 Hektar südlich der Landebahn.

Nach Bekanntwerden der Amazon-Pläne ließen auch die Reaktionen hiesiger Kommunalpolitiker nicht lange auf sich warten – schließlich sind an der GAAP unter anderem auch die Stadt Memmingen und der Landkreis Unterallgäu beteiligt. Der Kreisausschuss des Unterallgäuer Kreistags hat das Thema kurzfristig auf die Tagesordnung seiner Sitzung gesetzt – um es dann gleich wieder zu vertagen. Begründung: Es konnte noch keine Entscheidung über die Haltung zum Verkauf eines Grundstücks getroffen werden. „Wir haben erst relativ kurzfristig von den Plänen erfahren und haben uns heute umfangreich informieren lassen“, so der Unterallgäuer Landrat Alex Eder.

Vermarktungsstrategie fehlt  

Die einzelnen Fraktionen haben teilweise ihre Standpunkte bereits klar gemacht. Die SPD/ FDP-Fraktion sieht die Auswirkungen auf den Einzelhandel als großes Problem an, das Steueraufkommen dürfte sehr beschränkt sein. Für die CSU-Fraktion hat der Standort mehr Potential, als diese Flächen an den ersten Interessenten zu veräußern.

Nach dem Erwerb der Gewerbeflächen am Flughafen durch die beteiligten Gebietskörperschaften habe es über drei Jahre keinerlei Informationen über den aktuellen Stand der Entwicklungen an die politischen Gremien gegeben. „Uns fehlt hier eine eindeutige Vermarktungsstrategie, die man in Austausch mit den Entscheidungsgremien entwickeln hätte können“, so Fraktionsvorsitzender Andreas Tschugg. Dr. agr. Reinhold Bäßler, FW-Fraktionssprecher, sieht das Projekt als nicht unterstützungswürdig. „Mit jeder Stärkung des Online-Versandhandels schwächen wir den Großteil unserer (Fach-)Geschäftswelt in der gesamten Region – vor allem in den Innenstädten. Sollte der Kunde weiterhin die Beratung der Fachgeschäfte nutzen, anschließend aber im Internet einkaufen, werden wir in absehbarer Zeit sehr ruhige Innenstädte erleben.“

DanielPflügl, Grünen-Fraktionsvorsitzender, weist darauf hin, dass der Amazon-Konzern gerade dabei sei, sein Tochterunternehmen Prime-Air auch in der Bundesrepublik zu etablieren. „Vor diesem Hintergrund wäre es mehr als blauäugig zu glauben, dass der US-amerikanische Online-Riese nicht auch am Memminger Airport entsprechende Pläne verfolgt. Dies hätte zur Folge, dass das Unterallgäu künftig mit entsprechendem Fracht- und Nachtflugverkehr konfrontiert wäre, vom Verkehrsaufkommen durch Lieferfahrzeuge ganz abgesehen“, so Pflügl.

Die Fraktion der ÖDP/BfU (Bürger für die Umwelt) im Kreistag sieht das ähnlich und kritisiert zudem die mangelnde Steuermoral des Internetgiganten und den „problematischen Umgang mit den Beschäftigten, wenn diese ihre Rechte einfordern“. Die JWU (Junge Wähler Union Unterallgäu e.V.) will eine konkrete Stellungnahme erst nach einer gesonderten Fraktionssitzung abgeben.

Argumente abwägen

Auch im Finanz- und Hauptausschuss des Memminger Stadtrates rückten die Amazon-Pläne nachträglich auf die Tagesordnung in nicht-öffentlicher Sitzung. Eine Entscheidung soll im Januar in einer öffentlichen Plenumssitzung des Stadtrats diskutiert werden. Die Stadträtinnen und Stadträte folgten damit einer Empfehlung von Oberbürgermeister Manfred Schilder, diese Frage von allen Seiten gründlich zu beleuchten, Argumente abzuwägen und nach einer breit angelegten Diskussion zu entscheiden. Wesentlich konkreter waren da schon die Reaktionen der jeweiligen Fraktionsvorsitzenden, die ihre Standpunkte deutlich formulierten. Neben SPD und Freien Wählern spricht sich auch die Fraktion Grüne/Linke klar gegen einen Verkauf des Grundstücks und somit eine Ansiedelung von Amazon aus. „Seinerzeit wurde klar entschieden, dieses interkommunale Gewerbegebiet bestmöglich zu entwickeln. Dabei standen und stehen insbesondere „flugaffine“ Unternehmen oder Forschungseinrichtungen im Fokus“, so Fraktionschef Gottfried Voigt von den Freien Wählern. Für SPD-Fraktionsvorsitzenden Matthias Ressler „handelt es sich bei Amazon um ein Unternehmen, das nicht zur Stärkung der lokalen Wirtschaft beiträgt und auch mit fragwürdigen Geschäftspraktiken aufgefallen ist. Dem Versprechen von Amazon, keinen Frachtflug durchführen zu wollen, schenken wir keinen Glauben.“

„Kapitulationserklärung“

„Die Ansiedlung von Amazon wäre nach Ansicht der Fraktion Grüne/Linke eine Kapitulationserklärung der Gebietskörperschaften“, erklärt Prof. Dr. Dieter Buchberger. Wer seine Bürger dazu aufrufe, den Klick in der eigenen Stadt zu lassen, dürfe Amazon nicht einen roten Teppich auf der Startbahn ausrollen und damit dem Einzelhandel einen weiteren Sargnagel verpassen. Zudem sei das Unternehmen als großer Steuervermeider bekannt und viele seiner Mitarbeiter auf Sozialleistungen des Staats angewiesen, so Buchberger. Die CSU/FDP-Fraktionsgemeinschaft hat sich nach Aussage von Fraktionsvorsitzendem Horst Holas noch nicht entschieden.

Nach ersten emotionalen Reaktionen wolle man die Zeit bis Januar nutzen, um unterschiedliche Argumente sachgerecht abzuwägen. Aber es gibt auch Befürworter der Pläne des Versandgiganten. So warnt der Fraktionsvorsitzende der CRB (Christlicher Rathausblock) Helmuth Barth: „Memmingen darf nicht die gleiche unglückliche Figur abgeben wie bei IKEA.“ Die Annahme, dass man Amazon verhindern könne, sieht er nicht. Vielmehr sollte der Einzelhandel seine eigenen Vorteile hervorheben, mit denen von Amazon verbinden, sich in der Stadt Memmingen für seine Kunden zusammenschließen und mit guten Ideen gemeinsame Einzelhandelsaktionen auch online durchführen. „Für Memmingen selbst sehen wir keine zusätzlichen, negativen Auswirkungen und stehen mehrheitlich zu der Ansiedlung des Verteilerzentrums“, so der CRB-Fraktionschef. 

Einzelhandel nicht betroffen

Die Vorsitzende des Memminger Einzelhandels-Verbandes, Mechthild Feldmeier, ist zwar nicht begeistert über die Pläne von Amazon, glaubt aber nicht, dass die Ansiedelung eines Verteilzentrums maßgeblichen Einfluss auf den regionalen Einzelhandel haben wird. Allerdings sähe sie es lieber, wenn die zur Diskussion stehende Fläche einer hochwertigen Nutzung zugeführt werden würde. „Die Ansiedelung von innovativen Unternehmen oder produzierendem Gewerbe mit qualifizierten Beschäftigten wäre mir deutlich lieber“, so Feldmeier.

Mit solchen Unternehmen aus dem Bereich „flugaffines Gewerbe“ sei man auch in Verhandlungen gewesen, so Werner Birkle, langjähriger Buxheimer Bürgermeister und heute einer von zwei Geschäftsführern der GAAP. Interesse an Grundstücken hätten ein Hersteller von kleineren Flugzeugen, ein Flugzeug- und Helikopter-Wartungsunternehmen sowie ein Flugtaxi-Unternehmen gehabt. Doch dann kam Corona und seitdem liegen sämtliche Pläne auf Eis. „Ob und wie sich die Verhandlungen weiterentwickeln, ist momentan nicht absehbar“, so Birkle. Insbesondere aufgrund dieser Situation habe man natürlich auf die Anfrage von Amazon reagiert, obwohl man natürlich wisse, wie kritisch der Versandhändler von vielen gesehen wird. 

Deutliche Ablehnung aus Kempten

Für die Stadt Kempten als Miteigentümerin des Grundstücks erklärte Dr. Richard Schießl, Leiter des Referats Wirtschaft, Kultur und Verwaltung: „Die Stadt Kempten investiert seit Jahren in die Aufenthaltsqualität der Innenstadt. Fußgängerzone, Brunnen, öffentliche Plätze und Stadtgrün werden mit enormem Aufwand attraktiv gestaltet, das City-Management wird finanziell unterstützt, über Programme der Städtebauförderung werden zahlreiche Maßnahmen finanziert. Gleichzeitig gehen wir sehr restriktiv mit Einzelhandelsansiedlungen am Stadtrand um. All dies dient der Stärkung der Innenstadt und dem Erhalt der Konkurrenzfähigkeit unseres lokalen Einzelhandels gegenüber dem Online-Handel. Deshalb wäre es das völlig falsche Signal, jetzt den weltweit mit Abstand größten Onlinehändler dabei zu unterstützen, seine Ware noch schneller und bequemer zum Kunden zu bringen.“

Klaus Fischer, Geschäftsführer und Sprecher der Allgäu GmbH – Gesellschaft für Standort und Tourismus, ließ ausrichten, dass sich die Dachorganisation vorerst nicht zu den Plänen von Amazon äußern werde.

kb/es

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