Hilfe, wenn man sie braucht

Die eigenen vier Wände

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Dank der individuellen Unterstützung von Sozialpädagogin Rosemarie Miller können die beiden Rollifahrer Timo Rädler (links) und Melih Acatürk (rechts) selbstbestimmt im ambulant betreuten Wohnen leben.

Kempten – Selbstbestimmt leben – Melih Acatürk (26 Jahre) streift leidenschaftlich gern über Flohmärkte, Timo Rädler (33) verpasst so gut wie kein Heimspiel vom FC Bayern München. Für beide bedeutet ihr Hobby ein Stück Freiheit – ebenso wie die eigenen vier Wände.

Dazu muss man wissen, beide jungen Männer sitzen aufgrund einer körperlichen Behinderung im Rollstuhl, brauchen Pflege. – „Es ist unsere Aufgabe, personenorientiert individuell Hilfe anzubieten, um eigenständiges Wohnen und Leben zu ermöglichen“, umreißt Reinhold Scharpf, Geschäftsführer der Körperbehinderte Allgäu gGmbH eine der vielen Aufgabenbereiche des Vereins. „Und dazu gehört auch das Angebot verschiedener Wohnformen mit spezifischer Betreuung.“

Zwölf junge Erwachsene mit körperlichen Handicaps profitieren bereits von dem sogenannten „ambulant betreuten Wohnen“ (abw) innerhalb der Körperbehinderte Allgäu. Weitere Plätze sind über das neu zu bauende, barrierefreie Wohnhaus auf dem Gelände am Centrum Viva Immenstädter Straße 27 angedacht. 25 Wohneinheiten mit Ein- bis Zwei-Zimmer-Apartments soll es hier bis 2014 geben. Neben Anfragen aus dem eigenen Verein soll aber auch anderen Interessen-ten hier die Möglichkeit des gemeinsamen Wohnens eröffnet werden. „Wir stellen uns vor, dass hier Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam wohnen – warum also beispielsweise nicht auch Studenten?“ stellt Geschäftsführer Scharpf in einem Gespräch das neue Wohnprojekt genauer vor.

Neun interne Anfragen gibt es bereits. Einer der Interessenten ist Timo. Er ist seit Januar 2006 „abw“-erprobt. „Erst war mir ein wenig mulmig, als ich damals aus der Wohngemeinschaft auszog, doch inzwischen genieße ich mein autarkes Wohnen“, vergleicht Timo seine verschiedenen Wohnsta-tionen, zu denen in seiner Schulzeit auch ein Internat gehörte. Inzwischen ist er dank seiner Betreuerin Rosemarie Miller so gefestigt, dass er den Schritt in noch mehr Selbstständigkeit wagen will.

Freiheit tut gut

„Anfänglich habe ich Timo mit mehr als acht Stunden in der Woche begleitet, inzwischen sind es nur mehr sechs“, erzählt die Sozialpädagogin. Sie unterstützt ihn bei Behördenschreiben, Ämtergängen, bei der Haushaltsplanung. Ähnlich sieht es bei Melih aus. Er hat erst seit einem Jahr seine eigenen vier Wände – „und gebe sie nicht mehr her“. Er liebt die Freiheit, „ins Kino gehen zu können, ins Bett zu gehen, wann ich will“. In einer Wohngemeinschaft, so der Rollifahrer, müsse man einfach mehr Kompromisse eingehen, mehr Rücksicht nehmen. Eingeschränkt ist er in seinem Wohnung nur durch den Pflege- stundenplan. „Den muss ich einhalten“, ist der junge Türke konsequent. Denn er weiß: „Ohne die Unterstützung der Mobilen offenen Behindertenhilfe könnte ich nicht allein leben.“ Timo und Melih arbeiten beide in den Allgäuer Werkstätten. „Es ist schön, mal die Tür hinter sich zuzuziehen“, können sie ihr Alleinsein genießen.

Scharpf ist überzeugt, dass noch viel mehr Menschen mit Behinderung von dem ambulant betreuten Wohnen Gebrauch machen würden, wenn das Persönliche Budget leichter erreichbar wäre. „Es ist doch immer entscheidend, welche Hilfspakete wir individuell für den Menschen schnüren.“

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