"Gewaltiges" Heldenepos als exzentrische Moritat

Amüsanter "Heinrich von Kempten" im Theater in Kempten

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Zwei Witwen im Gedenken an ihre Gatten: (v.l.) Hildegund (Julia Jaschke) und Adelheid (Annette Wunsch), begleitet von den „Minnesängern“, Friedhofsgärtnern und mehr Michael Schönmetzer (hinten l.) und Rainer von Vielen.

Kempten – Dichtung oder Wahrheit? Dass Heinrich von Kempten wirklich gelebt hat, ist ungewiss. Berühmt ist er allemal, der Vorzeige-Kemptener, den der Maler Franz Weiß überdimensioniert auf der Südfassade des Kemptener Rathauses verewigt hat – und das im Adamskostüm, was in der Geschichte um den wagemutigen Mann sogar eine Rolle spielt; na ja, damit alles seine Zucht und Ordnung hat, lässt das Schwert, das der stattliche Ritter vor sein Gemächt hält, keinen unkeuschen Blick darauf zu.

Da war der Heinrich von Kempten, der in der burlesken Singspiel-Inszenierung von Silvia Armbruster, künstlerische Leiterin des TIK im TheaterOben als doch sehr lebendige Vision, dezent umnebelt, aus dem Badezuber steigen durfte, schon „zeitgenössischer“ und auch das Schwert kam an verschiedenen Stellen recht doppeldeutig zum Zuge. Aber der Reihe nach.

Erst einmal war so was wie mittelalterlich-derber „Zickenkrieg“ angesagt, denn es sind nicht Heinrich und Kaiser Otto, die hier ihre Geschichte erzählen dürfen. Es sind die beiden Witwen, die die Schlachten der Gatten in inniger Erinnerung an diese nun schlagen. Und da es im Mittelalter bekanntlich nun mal nicht besonders zimperlich herging, wirbeln auch mal bluttriefende Körperteile (nein, natürlich keine echten!) durch die Luft.

Als Vorlage diente die in Mittelhochdeutsch verfasste Verserzählung „Heinrich von Kempten“ des im 13. Jahrhundert recht renommierten Autors Konrad von Würzburg (1230-1287). Aber anders als in der Vorlage, die den Umgang mit Gewalt in den Fokus stellt, sind in der Bearbeitung von Wolfgang Seidenberg maßvolles Handeln und der Umgang mit Autoritäten zentrale Themen.

Zwar bereitet Heinrichs Witwe Hildegund (Julia Jaschke) der gerne – und erstaunlich verständlich – mittelhochdeutsch daher quasselnden Kaiserwitwe Adelheid (Annette Wunsch) den roten Teppich. Aber bevor sie, ganz gehorsame Untertanin, die alte, herrische Frau im Rollstuhl zum Grab des Herrschers schiebt, spuckt sie kräftig darauf. Die Frauen werden zu Darstellerinnen der Geschichte ihrer Männer, verwoben mit narrativen und gesungenen Passagen. 

Hier kommen die beiden Friedhofsgärtner ins Spiel, die dem Plot den Bezug zur Gegenwart liefern. Es sind Rainer von Vielen und Michael Schönmetzer, die mit den Texten von Songs wie „Empört Euch!“ (dazu an die Wand hinter der Kaiserwitwe projizierte Bilder von Kinderarbeit) oder „Tanz Deine Revolution“ etwas weniger brutale Lösungsansätze gegen unbequeme Autoritäten liefern, als es im Mittelalter üblicherweise gepflegt wurde. An Skurrilitäten mangelt es auch sonst nicht und so tanzen die Gärtner auch mal schuhplattelnd über das mal Gräber-, mal Schlachtfeld alias Bühne und auch eine Stimme aus dem Off lässt die Akteure mal eben an einem Workshop für gewaltfreie Kommunikation partizipieren. In dieser Inszenierung ist so ziemlich von allem etwas dabei.

Hildegund bedient Adelheid beim gemeinsamen Picknick zwischen den Gräbern. Es gibt Ostereier, von denen Adelheid eines am Kopf der Hildegund aufschlägt – stellvertretend für das Osterfest in der Burg zu Bamberg, bei dem die Geschichte ihren Lauf genommen hatte. Dort hatte Heinrich (in einem Akt von übertriebener Zivilcourage) den Truchsessen getötet, dem Anlass entsprechend so, „dass ihm der Schädel wie ein Ei zerplatzte und ihm der Schädel entzweibrach“, wie es in der Übersetzung vom Mittelhochdeutschen „er luog in daz diu scheitel im zerclahte sam ein ei“ ins Neudeutsche von Lydia Miklautsch („Das Herzmaere“, Konrad von Würzburg, Reclam Verlag) geschrieben steht. 

Um seinen eigenen Kopf zu retten, begeht Heinrich Hochverrat und packt den unbarmherzigen Kaiser bei seinem geradezu heiligen Bart, hält ihm das Messer an die Kehle und trotzt dem Herrscher sein Leben ab. Einzige Auflage: Er soll ihm nie wieder unter die Augen kommen. Heinrich zieht sich auf seine Ländereien zurück, muss aber auf Geheiß seines Lehensherrn Fürstabt Gieselfried für (und viel schlimmer: mit) dem Kaiser Krieg in Apulien führen. Aufgrund der einstigen „Abmachung“ würde er lieber die Söhne an seiner statt schicken, was der Lehensherr aber ablehnt und, zumindest in der Bühnenfassung, darf auch die Mutter laut hinausschreien: „Nicht die Kinder!“. 

Um es kurz zu machen: Es ist Heinrichs Chance, nicht sein Unglück. Denn sozusagen zwischen Badewasser und Badewasser, rettet er seinem in einen Hinterhalt geratenen Kaiser das Leben – pflichtbewusst, ohne zu zögern, selbstlos ohne jeden Schutz. Wie Gott ihn geschaffen hat springt Heinrich (in Doppelrolle hier als strahlender Held Michael Schönmetzer) also der Erzählung gemäß aus dem Zuber, greift sein Schwert, erschlägt die Feinde und – zum großen Bedauern der beiden Witwen – verschwindet die „Erscheinung“ wie die sinkende Titanic, gehüllt in Nebelschwaden, wieder im Zuber. Natürlich gibt es nach Klärung der Identität des Lebensretters eine Versöhnung zwischen den beiden martialischen Männern – damit auch den Frauen – und für die stimmigen, alles gebenden AkteurInnen kräftigen Applaus.

Exzentrisch? Ja. Kurios? Ja. Skurril? Ja. Konventionell jedenfalls ist anders.

Christine Tröger

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