Drei Fotografen – Drei Blickwinkel

Ein analoger Einblick in das Schaffen dreier Fotografen

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„Sehen gehen ist wie Atmen“, sagt Kunstfotograf Michael Schreiner.

Kempten –Drei Fotografen – Drei Blickwinkel. In einer Werkschau mit dem Titel „HIN.SCHAUEN!“ zeigen drei Fotokünstler ihre Arbeiten. Fotografen, die ohne eindeutige Botschaft und ohne Auftrag fotografieren.

Letzten Freitagabend wurde die Ausstellung in der Kunsthalle des Berufsverbands Bildender Künstler Allgäu (BBK) in Kempten feierlich eröffnet

Eine interessante Bilderschau, die unterschiedliche Perspektiven und Sichtweisen zeige und auch die geistige und ästhetische Ebene mitberücksichtige, so Dr. Karin Haslinger, Vorsitzende des BBK Allgäu, in ihrer Begrüßung. Die Vernissage fand coronabedingt im kleinen Kreis statt, unter Einhaltung der Hygiene- und Sicherheitsregeln. Die drei ausstellenden Fotografen Michael Schreiner, Bernhard Jott Keller und Bernd Sannwald haben sich über die Buchproduktion kennengelernt. Der Kunstverlag DUSSA in Riesen im Pfaffenwinkel verlegt Bücher unterschiedlichster Autoren und Künstler. Aus dieser Zusammenarbeit sei die Ausstellung „HIN.SCHAUEN!“ entstanden, erklärte Ursula Winkler, Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin, in ihrer Laudatio. „Sehen gehen“ – ein Motto, dass für alle drei Künstler Gültigkeit habe, so Winkler. 

„Sie unternehmen Streifzüge mit ihrer Kamera, bevorzugen ruhige Orte und sind gerne zu Zeiten unterwegs, an denen eher wenige Menschen anzutreffen sind. Sie wählen Motive aus, die auf den ersten Blick unscheinbar erscheinen“. Zufälligkeiten, Momente, Licht- und Schattenspiele, Luftund Farbperspektiven, Räume, Formen – Wahrnehmungen, die sie mit der Kamera einfangen. „In den Fotografien ist eine direkte Darstellung von Menschen nicht zu finden“, erklärte Winkler. Die Fotografen entdecken und beobachten ihre Objekte vor der Haustüre, in der Umgebung und auf Reisen. Die drei Künstler könne man einordnen zwischen raren Bildberichterstattern und den milliardenfachen Knipsern, so Winkler „Ihnen geht es nicht um den wiederholbaren Moment.“ Seit mehr als 20 Jahren begleiten ihn die Schatten, erzählt Bernhard Jott Keller. 

„Sie wandern und tanzen. Wie schön, wenn einer darin Poesie entdeckt.“ Er entwarf mit seiner Kamera eine Serie über Schattenszenen in Venedig. Flüchtige, filigrane Momente in warmen und zugleich mystischen Licht. „Schatten verfolgen mich und ich verfolge die Schatten“, so Keller. Es sei eine Art Symbiose. In den Bildern spiegelt sich auf wunderbare Weise das Zusammenspiel von Licht und Schatten wider. Die Kunstwerke laden den Betrachter ein, sich auf eine geheimnisvolle Phantasiereise zu begeben. Ganz anders bei dem zweiten Fotokünstler Michael Schreiner. Es geraten Bilder und Erscheinungen in sein Blickfeld, die andere übersehen, erklärt der Fotokünstler. Papierfetzen, Farbschlieren, Schaufensterspiegelungen, zertretene Coladosen – „Alltagsdinge, die während des Gehens durch genaues Hinschauen zu Fotografien werden.“ „Sehen gehen ist wie Atmen“, so Schreiner. Ihn faszinieren Vordergründe, die durchlässig seien, eine Ebene dahinter offenlegen und so zufällige Situationen offenbaren, beschreibt der Fotograf seine Arbeit. „Seine Bilder zeigen eine subtile Form von Urban Exploration und die sinnliche Erfahrung der eigenen Umwelt“, betonte Winkler. Seine Bilder sind ohne Titel – „Das Bild muss aus sich herauskommen“, so der Künstler.

Die Bilder von Bernd Sannwald erzählen Geschichten, weg von der Oberfläche in tiefere Ebenen. Durch die Auswahl des Bildausschnitts, Größe des Motivs, Schärfe und Kontrast, sowie einer individuellen Sichtweise, losgelöst von der Realität eröffnen seine Fotografien viel Raum für Interpretationen. Es entstehen Werke mit geheimnisvollen Strukturen, weg von der Banalität, hin zur Ästhetik. Mit seiner Kamera lässt er Kunstwerke entstehen. Der Münchner Fotograf werde oft mit Peter Keetman, dem Vertreter der deutschen fotografischen Nachkriegsmoderne verglichen, erklärte die Kulturwissenschaftlerin. „Er führt dessen Sichtweise fort.“ „Jedes Bild sagt mehr oder verbirgt mehr als tausend Worte“, beendete Ursula Winkler ihre Laudatio mit einem Schmunzeln. Musikalisch begleitet wurde die Vernissage von der Künstlerin Doris Orsan an der Violine mit dem Stück „Chaconne D-Moll“ von Johann Sebastian Bach. 

Christine Reder

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